„Ohne Blues kein Rock’n’Roll“: Ein Interview mit Spin Doctors-Schlagzeuger Aaron Comess

In ein paar Tagen starten die Spin Doctors auf eine Tour durch Frankreich, die Niederlande, Deutschland und Italien. Nach Großbritannien im Mai und den USA im Oktober ist das nun die dritte Tour, auf der die New Yorker Band ihr Erfolgsalbum “Pocket Full Of Kryptonite” in Originalreihenfolge zum Besten gibt. Der Grund? Die bahnbrechende Platte mit den Überhits “Two Princes” und “Little Miss Can’t Be Wrong” hat genau zwanzig Jahre auf dem Buckel. Im Vorfeld der Europatour habe ich mit Schlagzeuger Aaron Comess gesprochen – über das 20-Jahre-Jubiläum und Marius Müller-Westernhagen, über Blues-Wurzeln und die Zukunftspläne der Spin Doctors.

Aaron, wird das nicht langweilig, jeden Abend das gleiche Album aufzuführen?

Absolut nicht. Im Gegenteil, es ist ein Riesenspaß. Es ist eine tolle Platte und die Songs fühlen sich immer noch frisch an. Klasse, dass wir Gelegenheit haben, so etwas zu tun. Normalerweise spielen wir ja keine ganzen Alben live. Toll, das feiern zu dürfen: zwanzig Jahre später, uns gibt’s alle noch, alle sind gesund, fröhlich und machen noch gemeinsam Musik.

Wie reagieren denn Eure Fans darauf, live das ganze Album am Stück zu hören?

Großartig! Ob in England oder im Herbst in den Vereinigten Staaten, die Leute scheinen es echt zu genießen. Wir gehen raus auf die Bühne und spielen das komplette Album. Aber nicht in 50 Minuten – wie auf CD. Nein, wir lassen uns Zeit, improvisieren, machen lange Schlagzeug- und Bass-Soli im Song “Shinbone Alley” – und schon wird eine Show von etwa 75 Minuten draus. Danach gibt’s noch die Zugaben, und da sind Songs, die wir wirklich ewig nicht mehr gespielt haben. Also gibt’s nach dem Album immer noch ein paar echte Raritäten obendrauf.

Pocket Full Of Kryptonite war euer erstes Studioalbum, und es war ein Riesenerfolg. Mal abgesehen von den Verkaufszahlen – warum ist die Platte so etwas Besonderes?

Die ersten Platten von Bands sind immer etwas ganz Besonderes, so auch bei uns. Pocket Full Of Kryptonite enthält das allerbeste aus den Bergen von Songs, die wir in unseren Anfangsjahren geschrieben haben. Wir konnten uns die besten Songs rauspicken. Außerdem waren die Lieder wirklich ausgereift – bei 200 Shows im Jahr hatten wir die Songs also schon hundertfach performt. Wir hatten sie einfach im Blut. Ich stehe ja hinter allen Alben, die wir gemacht haben und liebe sie. Aber es stimmt schon: Pocket Full… ist tatsächlich was Besonderes.

Es ist verblüffend, wie frisch und zeitgemäß die Platte immer noch klingt.

Wir haben immer versucht, “organische” Musik zu machen, die auch nach vielen Jahren noch zeitlos wirkt. Deshalb war es uns wichtig, nicht allzuviel hübschen Produktions-Schnickschnack mitzumachen, der damals gerade in war. Das kann nämlich zum Problem werden. Wenn Du Dir Platten einer bestimmten Zeit anhörst, auf denen die Leute zu viel modernen Schnickschnack gemacht haben, dann sind die recht schnell veraltet. Als wir damals ins Studio gingen, waren die Achtziger gerade vorbei, in denen alles total “groß” klingen musste. Wir standen aber mehr auf organischen Rock’n’Roll, auf die Stones und solche Gruppen. Deshalb war es uns bei den Studiosessions wichtig, dass unsere Musik einfach “echt” klingt. Vielleicht ist das der Grund, warum sich die Platte auch nach 20 Jahren noch recht unverbraucht anhört.

Erinnerst Du Dich, wann die Spin Doctors zum letzten Mal in Deutschland gespielt haben?

Boah, also das muss wirklich lange her sein! Nee, kann mich nicht erinnern. Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir zuletzt in den Neunzigern bei Euch waren. Wir waren zwar zwischendurch immer mal wieder in Europa, in England und Spanien und so – aber nie in Deutschland.

Es war im Spätherbst 1994, es war die Tour zu Eurer zweiten Platte Turn It Upside Down

Wirklich ewig her also. Dann hoffe ich mal inständig, dass ihr jetzt aber alle zu den Konzerten im Januar aufschlagt. Kommt, Leute! Es ist an der Zeit!

Du hast vorhin schon über die Raritäten gesprochen, die Ihr derzeit in Euren Zugaben einstreut. Was sind das für Songs?

Wir haben zum Beispiel ein ganzes Repertoire voller eigener Blues-Songs. Etwa in der selben Zeit, in der wir alle diese Songs für Pocket Full Of Kryptonite geschrieben haben, traten wir auch in New Yorker Blues-Schuppen auf. Um an solche Gigs ranzukommen, brauchten wir Bluessongs. Und die haben wir jetzt wieder aus der Versenkung geholt!

Eine Rockband wie die Doctors in Blues-Läden?

Der ganze Rock’n’Roll kommt doch vom Blues! Es ist für jede Band eine tolle Grundlage, ein paar Bluesstücke zu haben. Unsere Wurzeln sind nun mal im Blues. Aber der wahre Grund, warum wir das gemacht haben: wir brauchten Geld! In New York gab es zwei Läden, in denen hast Du als Band eine feste Gage bekommen, und nicht nur einen Teil dessen, was an der Tür am Abend eingenommen wurde. Alle wollten in diesen Bluesläden spielen – in der Woche gab es 250 Dollar, am Wochenende sogar 500 Dollar garantiert. Verdammt viel Geld, wenn Du 20 Jahre alt bist und Dir in den Kopf gesetzt hast, mit Musik Dein Geld verdienen zu wollen. Also haben wir ein Blues-Demo aufgenommen, es dem Booker gegeben und uns so halt reingemauschelt. Blues Traveler und Joan Osborne haben es damals genauso gemacht. Tja, und dann haben wir im ersten Set nur Blues gespielt. Im zweiten auch, aber gemischt mit dem einen oder anderen eigenen Song. Im dritten und vierten Set haben wir dann einfach gespielt, was wir wollten – die Leute vom Club und die Fans fanden es super. So wurde daraus ein regulärer Brot-und-Butter-Gig für uns.

Diese Blues-Songs fügen sich auch heute noch super in Euer restliches Repertoire ein.

Ja, und sie gehören einfach in diese Zeit mit hinein, in der wir Pocket Full… aufgenommen haben. Sie sind ein wichtiger Teil dessen, was diese Band ist.

Letztes Jahr hast Du mir erzählt, dass Ihr überlegt, ein ganzes Album mit diesen Blues-Songs aufzunehmen. Was ist aus dieser Idee geworden?

Ich denke, wir werden das auf alle Fälle machen, wir haben nur noch nicht den genauen Zeitpunkt vereinbart. Ich bin überzeugt davon, dass diese Songs von damals ein sehr gutes Album hergeben – und vielleicht schreiben wir ja auch noch ein paar neue Stücke dafür. Es ist uns also ernst damit – und Du bist der erste, der’s erfährt, wenn es losgeht – versprochen!

Sehr gut, vielen Dank! Sag mal, wie kam es eigentlich dazu, dass Du 2010 auf der Tour von Marius Müller-Westernhagen Schlagzeug gespielt hast?

Marius’ musikalischer Direktor Kevin Bents kommt aus New York, er ist ein Freund von mir. Marius bat Kevin, eine neue Band für die Tour zusammenzustellen. Da hat Kevin mich und ein paar andere Musiker gebucht. Wir hatten eine tolle Zeit. Marius ist großartig, ich arbeite gerne mit ihm. Er ist ein freundlicher, bescheidener Typ und ich kann fühlen, warum er bei Euch in Deutschland so beliebt ist. Es gibt übrigens ein Livealbum von der Tour. Ach ja, und ich werde wiederkommen: Marius hat für den Herbst eine Tour geplant und will uns wieder dabei haben.

Abgesehen von Westernhagen und den Spins, was planst Du noch so für 2012?

Ich hab gerade ein tolles Album mit Eddie Brickell aufgenommen, das kommt irgendwann in diesem Jahr raus. Letztes Jahr habe ich mit Joan Osborne eine fantastische R’nB-/Blues-/Soul-CD gemacht, die am 27. März veröffentlicht wird. Danach gehen wir mit der Platte auf US-Tour. Dann spiele ich hin und wieder Gigs in New York mit den Jungs, mit denen ich letztes Jahr meine Solo-Platte “Beautiful Mistake” aufgenommen habe. Und in ein paar Tagen erscheint eine neue Single von James Maddock, auf der ich mitgespielt habe und die wir betouren werden. Im Frühling und Sommer gibt’s dann sicher viele weitere Gigs mit den Spin Doctors, und dann machen wir hoffentlich wirklich diese Blues-Platte. Wie Du siehst: ich hab’ gut zu tun.

Aaron, Danke für das Interview und alles Gute für die Europa-Tour.

Dankeschön, Daniel. Wir sehen uns auf der Tour!!

Die englische Version des Interviews erscheint in Kürze auf der von mir betreuten Website Spin Doctors Archive. Das Album „Pocket Full Of Kryptonite“ ist einer 20th Anniversary Deluxe Edition mit Bonus-CD im Handel erhältlich. Und hier noch die deutschen Tourdaten der Spin Doctors:

21.01.2012 Aschaffenburg, Colo-Saal
22.01.2012 Cologne, Yard Club
25.01.2012 Hamburg, Fabrik
26.01.2012 Berlin, Columbia Club
27.01.2012 Erfurt, Club Centrum
28.01.2012 Memmingen, Kaminwerk

Fotos von Paul LaRaia, 2005. Used by permission.

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

2 Kommentare zu „„Ohne Blues kein Rock’n’Roll“: Ein Interview mit Spin Doctors-Schlagzeuger Aaron Comess“

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