Neue Musik: Wir sind Helden, Todd Thibaud, Steve Mayone, Gov’t Mule, Jay Bennett, Tim Reynolds, Kula Shaker

Wir sind Helden – Bring mich nach Hause (2010)
Hmm. Ein Wir sind Helden-Fan war ich im Grunde nie, allerdings ist mir die Band sehr sympathisch. Ich mag die geradlinige Art der Helden bei Business-Entscheidungen, und die Texte von Judith Holofernes sind für mich definitiv Lyrik-Bundesliga. „Bring mich nach Hause“ ist kompliziertere Kost, als ich erwartet hätte. Verhalten, nachdenklich, mitunter düster. Aber dennoch angenehm, lebensfroh und überraschend. Ich mach’s kurz: ich mag diese Platte einfach. Vielleicht wird das ja doch noch was, mit mir und dem Helden-Fan-Sein. Der „Ballade von Wolfgang und Brigitte“ und „Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt“ sei Dank.

Todd Thibaud – Broken (2009)
Hätte nie gedacht, dass mir mal ein Album von Todd Thibaud „durchrutscht“. Genau das ist bei „Broken“ aber passiert. Eher zufällig war ich mal wieder auf den Seiten des tollen Blue Rose-Labels und schaute eher nebenher mal nach, ob den der gute Todd „irgendwas Neues“ hat. Hat er. Ein Todd Thibaud-Album nämlich, das klingt… wie ein Todd Thibaud-Album. Straighter, solider, melodiöser Ami-Rock, der mich leider nicht mehr ganz so packt wie noch vor ein paar Jahren. Ohne Frage, die Songs sind gut und perfekt und grandios gespielt, aber die eine oder andere Überraschung mehr hätte ich mich schon gewünscht. Wie dem auch sei: ich möchte „Broken“ nicht missen und freue mich über dieses Zuhause-Gefühl, das Todds Musik in mir auslöst.

Steve Mayone – Long Play Record (2009)
Thibaud? Warte mal, da war doch dieser Bassist beim Konzert, mit dem wir nach der Show ein paar Biere getrunken haben. Der hatte diese geile Soloplatte… Bedroom Rockstar, genau. Hat der vielleicht ja auch was Neues? Steve Mayone hieß der… Siehe da: auch er hat. „Long Play Record“ nämlich. Eine Platte mit wunderbaren Songs, tollen Melodien und dem gleichen schrulligen Selfmade-Charme wie einst „Bedroom Rockstar“. Was bin ich froh, dass mir „Long Play Record“ untergekommen ist – nicht zuletzt wegen „Adrift“, dem letzten und allerbesten Lied des Albums.

Gov’t Mule – Mulennium (2010)
In Sachen Riesen-Releases sind Gov’t Mule echte Profis – die Herren haben ja schon so einige Box-Sets, Doppel-CDs und so weiter rausgehauen. Die 3-CD-Veröffentlichung „Mulennium“ reiht sich da ein: es geht zurück in die Silvesternacht 1999, damals war Bassist Allen Woody noch am Leben und die Band (damals galt sie als das heißeste Power-Trio des Rock) stand kurz vor der Veröffentlichung ihrer CD „Life Before Insanity“. Traditionell sind New Years Eve-Shows der Band immer was besonderes, und auch die Milleniumsnacht ist da keine Ausnahme. Erst rocken Warren Haynes und Co lautstark los, dann kommt Little Milton auf die Bühne und spielt mit ihnen ’ne gute Stunde feinsten Bluesrock, und am Ende wird gecovert, gejammt und gefeiert, was das Zeug hält. Dreieinhalb Stunden grandiose Livemusik.

Jay Bennett – Kicking At The Perfumed Air (2010)
Über ein Jahr ist Jay Bennett inzwischen tot. Bei Wilco fand ich ihn gut, als Produzent von Blues Traveler war er eine Herausforderung für mich. Wirklich begeistert hat er mich aber mit seinen Solo-Geschichten. „Kicking At The Perfumed Air“ ist die Platte, an der Jay unmittelbar vor seinem Tod gearbeitet hat und die auch fast fertig war. Enge Vertraute haben das Album – hoffentlich in Bennetts Sinne – fertiggestellt und jetzt kann man es kostenlos runterladen. Und das sollte man auch, denn es ist grandios, vom ersten Ton des Geldof-Covers „Diamond Smiles“ bis zum letzten Ton der viel zu lustigen Trinkerhymne „Beer“. Was für ein bittersüßes Vermächtnis; was für ein Jammer, dass dieser tolle Mann nicht mehr lebt.

Tim Reynolds – The Limbic System (2010)
Bei Dave Matthews Band-Konzerten ist er das Genie an der elektrischen Gitarre. Auf dieser Soloveröffentlichung demonstriert Tim Reynolds allerdings, was für ein begnadeter Akustik-Gitarrist er ist. Glasklare Töne, nicht für möglich gehaltene Sounds, wunderbare Klanglandschaften. 26 Tracks sind zwar für meinen Geschmack eine Handvoll zu viel des Guten, dennoch möchte ich „The Limbic System“ uneingeschränkt empfehlen.

Kula Shaker – Pilgrims Progress (2010)
Es hätte nicht viel gefehlt, und Kula Shaker wären der Treppenwitz des Britpop geblieben: kurzzeitig bekannt durch fetten Retro-Rock mit akuter Indien-Schlagseite, fanden die Herrschaften um Chrispian Mills aber eine knappe Dekade nach ihrem Heyday in den Neunzigern wieder zueinander – und machen plötzlich wunderbare Popmusik, detailversessen, liebenswert und gar nicht mal mehr so indisch. Kula Shaker waren nie schlecht, kurzzeitig gar cool und angesagt, dann aber irgendwann bedeutungslos. Inzwischen sind sie eine Band, die von Album zu Album besser wird und jetzt mit „Pilgrims Progress“ definitiv die beste CD ihre Karriere vorlegt.

Dave Matthews Band – Big Whiskey And The GrooGrux King (2009)

bigwhiskeycover

Everyday“ habe ich durchaus gemocht – weil es anders war als alles vorher, und weil es riskant und geradezu todesmutig anmutete: eine Song-Platte, produziert von einem Hit-Giganten, und das nach diesen drei tollen, phänomenalen, unerreichbaren Vorgängern! „Busted Stuff“ fand ich „so lala“… – die „Lillywhite Sessions“ fand ich frischer, aber alles in allem war die Platte schon okay, ein paar zentrale Songs, und irgendwie eine Reminiszenz an die 90er.. „Stand Up“ habe ich mir schöngeredet: bis heute mag ich viele der Songs und reibe mich eher an der Produktion und am Tracking denn am Songwriting – aber trotzdem war das nicht mehr die DMB, in die ich mich damals verliebt habe… Inzwischen ist ein Bandmitglied verstorben, sind vier Jahre vergangen, liegen die kreativen Hochzeiten mehr als zehn Jahre zurück.

Und da kommt die Dave Matthews Band mit Big Whiskey And The GrooGrux King daher, einem Album, dass jeden Zweifel wegwischt und zeigt, wozu sie in der Lage ist. Es wäre unsinnig, einzelne Tracks herauszuheben oder bestimmte Passagen gesondert zu erwähnen – seit langem habe ich kein derartiges homogenes, stimmiges, rundes Album gehört. Eine herzliche Hommage an den verstorbenen Freund, ein stolz gespreizter Mittelfinger in Richtung Kritiker und Nörgelfans, ein geradezu unverschämt starker Zyklus guter Songs; alles in allem ein Album, wie man es sich von einer Band wünscht, die sich bereits in den Neunzigern in die Unsterblichkeit musiziert hat – eine meiner Lieblingsbands ist zurück, und zwar ohne Wenn und Aber, ohne jeden Zweifel und ohne jede Relativierung: es ist derzeit ein Hochgefühl, DMB-Fan zu sein.

DMB ab sofort ohne Butch Taylor

Die Top 7 der Dinge, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich daran denke, dass Butch Taylor Dave Matthews Band verlassen hat.

7. Drei Tage vor dem Beginn der Tour? Da muss es Krach gegeben haben.
6. Was wird jetzt aus „Two Step“, „Grey Street“, „You Might Die Trying“, „Linus & Lucy“, „Dreaming Tree“, „Bartender“, „Rapunzel“…?
5. Laufen die aktuellen Studiosession wirklich so schlecht, wie alle unken?
4. Kann der Tim Reynolds nicht leiden? Butch kam 1998, als Tim ging. Tim kommt zurück – Butch geht…
3. Womöglich sollte DMB einfach mal ne längere Pause machen.
2. Herrje, er war doch nur der Tourkeyboarder
1. Schade. Butch Taylor wird mir fehlen.

siebenSACHEN vom 6. Mai 2008. Mit Dave Matthews Band, Fettes Brot, Blind Melon u.a.

– Die schlimmsten Nummer-1-Hits der 90er listet Popdose auf.

It’s Over: My Brightest Diamond covert Roy Orbison, zu finden bei My Old Kentucky Blog.

– Großartig! Tim Reynolds spielt den ganzen Sommer über mit der Dave Matthews Band – damit wird die Band auf ihrer Sommertour gleich um drei Leute ergänzt – Butch Taylor (keys), Rashawn Ross (horns) und Tim (git). Freu‘ mich schon auf die Liveaufnahmen.

– Gleich noch mal DMB: es gibt einen neuen Fan-Podcast mit Liveraritäten etc. Hier die erste Folge (mp3).

– Das Bon Iver-Album in seiner vollen Schönheit kann man derzeit hier anhören – was ich hiermit ausdrücklich empfehle.

– Am Freitag steigt in Hamburg das letzte Konzert der aktuellen Fettes Brot-Tour, und das gibts als Livestream an mehreren Orten im Internet, u.a. auf intro.de.

Blind Melon („No Rain“) sind zurück – mit neuem Sänger und neuer Platte. Hier das Video zur ersten Single: „Wishing Well“.

Notizen vom 3. April 2008

The Who are planning a collection of vintage R&B covers, similar to the Motown and James Brown songs they performed early on in their career, berichtet der Rolling Stone.

„Die Leute sagen, sie können ihre alten Eltern nicht pflegen – aber sie pflegen fast alle irgendwo eine Homepage, wie moralisch krank ist diese Gesellschaft eigentlich?“ Harald Martenstein will keine Homepage haben.

Karajan Superstar? Interessanter Beitrag heute morgen im Deutschlandradio Kultur (mp3).

– Hübsche neue Funktion bei eMusic – jetzt kann mal per Flash-„Play“-Button bereits in den Chart- und Neuvorstellungsseiten in die Musik reinhören.

– RIP: Klaus Dinger, Schlagzeuger bei Kraftwerk, ist am 21. März gestorben.

– Ein „neuer“ John Lennon-Song namens kommt: „Now And Then“ heißt das Uralt-Demo, das demnächst auf einer Tribute-Platte für den achten fünften Beatle Neil Aspinall veröffentlicht wird.

Change Rocks: A Very Special Evening with Dave Matthews and Tim Reynolds: Dave und Tim klampfen für Barack Obama – am Sonntag (6. April) in Bloomington, Indiana. Anlaß genug, hier mal ein Video von den beiden zu verlinken: