Aus 3 wird 1: Interview zur Pfarreineugründung im Leipziger Norden

Seit Ende 2013 begleiten Martina Breyer, die Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum Dresden-Meißen, und ich den pastoralen Erkundungsprozess im Leipziger Norden als Moderatoren und zusätzlich in prozessberatender Funktion. Drei Gemeinden und viele kirchliche Orte bilden seit dieser Zeit eine sogenannte „Verantwortungsgemeinschaft“. Nun ist der Prozess an einem entscheidenden Punkt angekommen: am Sonntag (27.10.) wird die Pfarrei „St. Georg Leipzig-Nord“ durch Bischof Heinrich Timmerevers offiziell neu gegründet, in der die bislang eigenständigen katholischen Gemeinden der Leipziger Stadtteile Wiederitzsch, Wahren und Gohlis zusammengeführt werden.

Schon zu Beginn des Prozesses hat mich Hubert Sievert vom Gemeindebrief „Georgsbote“ zu dem befragt, was da an Reformen und Veränderungen auf die Katholiken im Leipziger Norden zukommt. Nun hat mich Hubert erneut befragt, in einer Art Bilanz-Interview zum bisher Geschafften. Das komplette Interview könnt Ihr in der aktuellen Ausgabe des Georgsboten (pdf) lesen (Seiten 4-6).

Was macht eigentlich der Erkundungsprozess?

Bischof Koch trifft Kinder im Norden Leipzigs.
Bischof Koch trifft Kinder im Norden Leipzigs

Vor mehr als einem Jahr habe ich im Georgsboten, der Zeitschrift der katholischen Pfarrgemeinde St. Georg in Leipzig, große Töne zum „Erkundungsprozess“ gespuckt, den ich im Leipziger Norden mitmoderieren darf.

Es geht darum, im neu geschaffenen „Verantwortungsbereich Leipzig-Nord“ (diese Begriffe!) Wege zu finden, wie die drei katholischen Pfarrgemeinden und all die anderen kirchlichen Orte auf diesem Territorium künftig die Frohe Botschaft verkünden und im Leben aller Menschen in diesen Stadtteilen gestaltend mitwirken können. Oder einfacher gesagt: wie rüstet sich die Kirche vor Ort für die Zukunft? Bischof Heiner Koch hat diesen Erkundungsprozess Ende 2013 angestoßen und überall in der Diözese ist er ein – mehr oder weniger präsentes – Thema.

Zurück zur Ausgangsfrage: was ist im letzten Jahr hier im Norden der Messestadt passiert? Nun, deutlich mehr, als ich anfangs erwartet habe. Die Pfarrgemeinden reden und planen miteinander, die anderen kirchlichen Orte fühlen sich integriert, ernst genommen und wertgeschätzt. Menschen lernen sich kennen, Gemeinden entdecken ihre Stärken, umarmen ihre Schwächen. Manche Ängste werden abgebaut, viele neue Fragen aufgeworfen. Priester, Festangestellte, Pfarrgemeinderäte, Ehrenamtliche und „ganz normale“ Kirchgänger diskutieren auf Augenhöhe. Hinzu kommt ein Bischof, der zuhört, schlaue Fragen stellt, vor verfrühter und trügerischer Ruhe und Wohlbefinden warnt und uns dennoch motiviert.

Sind wir „am Ende“, haben wir „die Lösung“? Ist die Idee, wo es mit der katholischen Kirche im Norden Leipzigs hingeht, schon konkret und greifbar?

Ach was, noch lange nicht.

Ich mache mir da keine Illusionen: der Weg ist noch lang und gewiss nicht ohne Hürden und Herausforderungen. Der Ton aber, mit dem die engagierten Menschen hier miteinander sprechen und ringen, und das Wohlwollen, das bei den allermeisten Menschen – trotz mancher Vorbehalte und Sorgen – spürbar ist, motivieren mich, diesen Prozess weiter zu begleiten und zu unterstützen.

Konstruktive Unruhe, aber keine ziellose Nabelschau oder eitle Selbstbeweihräucherung: möge Gottes guter Geist auch weiterhin auf all unserem Ringen, Reden und Lernen im Erkundungsprozess liegen.

Links zum Thema:
Infos zum Erkundungsprozess im Bistum Dresden-Meissen.
Der Erkundungsprozess im Norden Leipzigs (von hier stammt auch das oben eingebundene Foto: (c) Gemeinde St. Georg, Leipzig).

Nur über Strukturen reden und die Gleichen bleiben?

Georgsbote Logo

    Im Bistum Dresden-Meißen läuft gerade ein pastoraler Erkundungsprozess an. Die Fragestellung: wie kann, sollte, muss sie aussehen, die katholische Kirche der Zukunft in Sachsen und Ostthüringen? Die Gemeinden des Leipziger Nordens haben mich gebeten, diesen Prozess als Moderator zu begleiten. So sehr ich vor dieser Aufgabe Respekt habe, so sehr freue ich mich auf die Zusammenarbeit. Gleich zu Beginn wurde ich für den „Georgsboten“, das Gemeindeblatt der Pfarrei St. Georg in Leipzig-Gohlis, zum Erkundungsprozess befragt. Das Interview veröffentliche ich hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Nur über Strukturen reden und die Gleichen bleiben?
Pastoraler Erkundungsprozess im Leipziger Norden

Im Oktober 2013 hat unser Bischof alle Gemeinden, Gemeinschaften und Einrichtungen im Bistum Dresden-Meißen zu einem Erkundungsprozess eingeladen, der über die bisherigen Pfarreigrenzen hinausblicken soll. Die Pfarreien Wahren, Gohlis und Wiederitzsch bilden einen sogenannten „Pastoralen Raum“ bzw. eine „Verantwortungsgemeinschaft“, um gemeinsam die aktuelle Situation und die künftigen Herausforderungen unserer Kirche im Leipziger Norden zu erkunden. Mit dem katholischen Kirchenredakteur Daniel Heinze konnte ein Fachmann gewonnen werden, der den Erkundungsprozess in unserem Pastoralen Raum als Moderator begleiten wird. Ihm hat der „Georgsbote“ ein paar Fragen gestellt.

Die Gemeinden unseres Bistums sind von Bischof Dr. Koch aufgerufen zu einem „Pastoralen Erkundungsprozess“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Beim Erkundungsprozess geht es darum, in unseren Gemeinden zu schauen, wo es hingehen soll. Wir gucken dabei nicht nur auf uns selber, sondern auch auf die Nachbargemeinden. Wir schauen, wo wir uns verorten, in welcher Welt wir sind. Und dann ziehen wir die Schlüsse daraus.
Der Begriff soll auch zeigen: Es geht uns nicht um eine reine Strukturdebatte. Da kann ich nur Bischof Koch zitieren: „Wenn wir am Ende nur über Strukturen reden und wir bleiben die Gleichen, dann haben wir alles falsch gemacht.“ Der Titel des Hirtenworts des Bischofs zum Erkundungsprozess lautet: „Berufen zur eucharistischen Kirche“. Wir sollen eucharistische Kirche sein, das Geheimnis unseres Glaubens rausgeben. Das ist ja ganz weit weg von der Frage: Wo ist am Sonntag Gottesdienst?
Natürlich haben die Leute Angst, dass es darum geht, wer den Pfarrer behalten darf und wer nicht. Ich finde es gut, dass schon der Name andeutet: Es geht uns eigentlich um mehr als das. Der Begriff impliziert nämlich auch, dass wir noch lange nicht fertig sind, wir müssen erkunden, wie es weitergeht. Und da hat natürlich der Leipziger Norden eine andere Situation als der Leipziger Süden, als die Provinzstädte.

Wie soll der Erkundungsprozess konkret ablaufen?
Der Bischof redet von drei Schritten. Im ersten Schritt sollen wir fragen: Wer sind wir selber? Was können wir gut? Was machen wir? Der zweite Schritt: Wer ist unsere Umwelt? Mit wem kommunizieren wir über uns hinaus? Das meint also Mitchristen in den Nachbargemeinden genauso wie die vielen Nichtchristen. Und das dritte ist: Was ist zu tun?
Es gab bereits ein Treffen mit den Hauptamtlichen sowie Vertretern der Pfarrgemeinderäte unserer drei Pfarreien. In Wahren und Gohlis gab es dazu Vorgespräche im Pfarrgemeinderat, in Wiederitzsch gab es ein Gemeindeforum dazu. Im Februar sitzen die drei Pfarrgemeinderäte zusammen, im April gibt es einen „Runden Tisch“ mit Vertretern aller kirchlichen Orte. Und dann kommt noch im ersten Halbjahr die Dresdner Abordnung und redet mit uns. Da kommt aber nicht nur der Bischof alleine, sondern mit Pastoralchefin, mit Personalchef, mit Finanzmenschen usw. Am Ende werden dann irgendwann der Bischof und der Generalvikar sagen, so wird sich die Kirche hier aufstellen.

In der Einladung zum Erkundungsprozess schreibt der Bischof, dass es vorerst nicht um strukturelle, personelle, bauliche und finanzielle Konzepte geht – diese werden die Konsequenz sein. Was bedeutet das?
Ich glaube, dass es strukturelle und personelle Veränderungen geben wird, ist etwas, was der Bischof noch nicht mal androhen kann. Das ist Tatsache. Wir werden irgendwann im Bistum die Seelsorger, die Priester, die nicht im Ruhestand sind, an ein paar Händen abzählen können. Das ist eine von mehreren Sachen.
Es ist nicht ziel führend, am Anfang über Strukturen zu reden und zu sagen, es geht nur darum, wie wir es hinkriegen, mit zwei Pfarrern weniger das gleiche machen zu können wie heute. Dann ginge es wirklich nur um Posten und wir haben uns kein bisschen den Leuten geöffnet, die in den Asylbewerberheimen nach Antworten suchen und den vielen Nichtchristen, die auf Kirche überhaupt nicht gut zu sprechen sind. Die personellen Fragen kommen sowieso. Da ist es gut, wenn wir als Bistum gerüstet sind und wissen, wo wir hinmüssen.

Werden wir demnächst zum Gottesdienst nach Wahren fahren müssen?
Gegenfrage: Wäre das so schlimm?
Nein – die Angst muss niemand haben, auch perspektivisch nicht. Gohlis hat natürlich den Vorteil, dass es eine wachsende Gemeinde ist. Wir haben aber auch das große Glück, dass die Dominikaner in Wahren sind und damit hier auch das Bistum entlastet wird. Als jemand, der aus einem strukturärmeren Gebiet kommt, halte ich es schon für Luxus, dass hier nördlich der Georg-Schumann-Straße drei katholische Kirchen sind. Ich finde das gut. Denn die Gemeinden sind auch völlig unterschiedlich geprägt. Jede der Gemeinden hat eine andere Geschichte, eine andere Prägung, auch andere Herausforderungen. Ich finde, wir müssen uns vorerst keine Sorgen um Gottesdienstzeiten machen. Ich glaube, jetzt sind eher solche Fragen dran wie: Wie verhalten wir uns dazu, dass wir in einem absolut säkularen Umfeld sind? Wie stehen wir zu den Fremden, die in unseren Stadtteil kommen und alle lehnen sie ab? Wo ist da die im Evangelium verwurzelte Fremdenfreundlichkeit? Das soll kein Vorwurf sein, aber ich denke, die katholische Kirche im Norden Leipzigs könnte sichtbarer sein. Damit meine ich nicht eine einzelne Gemeinde, damit meine ich mich als Katholik, der im Leipziger Norden lebt. Ich erhoffe mir von dem Erkundungsprozess, dass das auch unser Selbstbewusstsein im missionarischen Sinne aufbaut, dass wir nach außen gehen und sagen: Ja – ich bin Christ, ich bin Katholik, dass wir auch rausgehen und sichtbar werden in der Stadt.

Würden Sie einen Ausblick zu den Ergebnissen des Prozesses wagen? Welche Visionen oder Wünsche haben Sie für die Katholiken im Leipziger Norden?
Ich würde mir wünschen, dass die Idee, mal in Wiederitzsch oder in Wahren in den Gottesdienst zu gehen, nicht völlig absurd erscheint. Ich würde mir wünschen, dass ein Wahrener erkennt, wie schön und prägend die Architektur der Wiederitzscher Kirche ist, dass vielleicht das Kloster in Wahren auch ein Ort ist, der für die Gohliser Gemeinde relevant sein kann, dass der Gemeindesaal in Gohlis auch mal von den Wahrenern mitgenutzt werden kann.
Natürlich kann es sein, dass wir alle einen gemeinsamen Gemeindereferenten haben oder ein gemeinsames Team, was aus drei Priestern besteht, die alle an einem Standort X wohnen und alle drei Standorte bedienen. Das ist alles denkbar. Und ich würde mir wünschen, dass jemand, der sich für Kirche interessiert oder für Glaubensfragen, nicht erst in der Innenstadt die Orientierung suchen muss, sondern in seinem Viertel, in Gohlis oder Eutritzsch, merkt: Stimmt – da ist doch Kirche da. Wenn wir das hinkriegen, sind wir auf dem richtigen Weg. Ganz egal, wie viele Priester wie viele Menschen betreuen müssen oder welches Pfarrhaus wie sanierungsbedürftig ist. Denn diese Probleme wird es weiterhin geben.
Ich wünsche mir auch, dass Ökumene unter den Christen aber auch mit Andersglaubenden und Nichtglaubenden auch im Leipziger Norden funktioniert. Herausforderungen gibt es da viele. Ich nenne nur die Asylbewerberheime und natürlich auch den Moscheebau. Vielleicht schaffen wir das ja. Das ist sicher eine große Vision. Aber wer keine Träume hat ist selber Schuld.

Das Interview führte Hubert Sievert, erschienen ist der Artikel in der Ausgabe 21 (Februar/März 2014) des Georgsboten, die demnächst auch online verfügbar sein wird.