The Black Crowes – Warpaint (2008)

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Was war das für eine Aufregung neulich, als die Black Crowes eine vermeintliche Plattenkritik zum neuen Album „Warpaint“ in der US-Zeitschrift Maxim als Schwindel entlarvten, der Kritiker der Zeitschrift konnte die Platte unmöglich schon gehört haben! Mal abgesehen davon, dass ich in der Berichterstattung darüber die Vokabel „educated guess“ gelernt habe, musste ich mir sagen lassen, dass es wohl gängige Praxis bei manchen Publikationen ist, anhand vom Vorwissen über frühere Veröffentlichungen, einer Vorabsingle und eigener Prognosen Plattenkritiken zu schreiben, ohne das Album jemals wirklich gehört zu haben. Nicht die feine Art, zur Ehrenrettung der Kritiker-Kaste sei aber angemerkt: die Black Crowes machen es einem da aber auch nicht schwer, haben sie sich in den letzten knapp 20 Jahren nun wirklich nicht als große Innovatoren und Soundtüftler einen Namen gemacht. Hier trotzdem die Meinung Einschätzung eines Black Crowes-Fans, der die CD tatsächlich gehört hat. „Warpaint“, das erste Album seit 2001, ist absolut runder Rock mit tollen Gesänge, wummernden Orgeln, präziser und trotzdem bisweilen verträumter Gitarrenarbeit – stellenweise ist mir das etwas zu vorhersehbar und behäbig, letztlich fühle ich mich aber durchweg gut unterhalten. Mit „Oh Josephine“, „Evergreen“ und „Whoa Mule“ sind einige der besten Crowes-Songs überhaupt entstanden. Nichts Neues, aber schön.

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Bon Iver – For Emma, Forever Ago (2008)

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Genau dreidreiviertel Lieder dauert es, bis ich endgültig nur noch gebannt ins Nichts starre und in diese Musik versinke. Dabei weiß ich gar nicht viel über Justin Vernon alias Bon Iver („bohn eevair; French for ‚good winter‘ and spelled wrong on purpose“), außer, dass er neulich beim SXSW Festival auf viele Menschen mächtig Eindruck gemacht haben muss. Dann habe ich von ebenjenem Festival einen Konzertmitschnitt angehört, war angetan und habe mir das Album besorgt. Jetzt hör ich es ständig: irgendwie Folk, aber auch Pop, unverschämt zwingend, groß durch seine behutsamen Arrangements, erhaben die Stimme, rotzig im richtigen Moment, um nicht in die Kitschfalle zu tapsen. „For Emma, Forever Ago“ ist absolut ungeeignet zum Nebenbeihören, und das ist als Kompliment gemeint. Bei jedem Hördurchgang passiert es, an dieser einen Stelle von „The Wolves“ – ich starre ich nur noch vor mich hin. Nach genau dreidreiviertel Liedern.

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Bon Iver live beim SXSW Festival (NPR All Songs Considered Podcast, mp3):

Niels Frevert – Du kannst mich an der Ecke rauslassen (2008)

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Das Internet quillt dieser Tage über vor Lobeshymnen auf Niels Freverts neues Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“. Völlig zu Recht, ist Freverts drittes Soloalbum in Instrumentierung, Texten und Melodien doch das sanfteste, nahbarste Stück Musik, das er bisher veröffentlicht hat. Ich kenne keinen besseren Texter als ihn, und ich kenne keinen, der derart lakonisch und doch so auf den Punkt singt und spielt. Diese neun Songs, diese dreißig Minuten reißen mich immer und immer wieder mit. Kaum bin ich „Aufgewacht auf Sand“, will ich schon wieder „Baukran“ hören. Ob mir die E-Gitarre fehlt, zwischen all den Akustikgitarren, Streichern und Vibraphonen? Nur ein ganz ganz kleines bißchen, aber irgendwas zu meckern braucht man schließlich, um eine so schöne Platte überhaupt verdauen zu können.

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The Moog – Sold For Tomorrow (2008)

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The Moog sind eine fünfköpfige Rockband aus Ungarn. Irgendwie haben die es geschafft, in den USA jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was dazu führte, dass sie ihr Debütalbum „Sold For Tomorrow“ in Teilen sogar in Seattle aufnehmen und mit Jack Endino einen Mixexperten mit Nirvana- und Hot Hot Heat-Vergangenheit verpflichten konnten. Die Platte enthält ein paar sehr zwingende Songs, Lieder wie „Everybody Wants“, „I Like You“ oder „If I Died“ sind ohne Frage Ohrwürmer. Insgesamt klingen die Jungs aber seltsam nach Schülerband und verschießen schnell ihr Pulver, eine gewisse Langeweile stellt sich spätestens beim achten der zehn Songs ein. Und wenn ich sie jetzt noch als „die ungarischen Mando Diao“ bezeichne, dann wird das momentane Dilemma dieser Band deutlich: trotz all der hübschen Liedchen fehlt ihr ein eigenständiges Profil. Noch klingen sie zu auffällig nach all den anderen, nach Weezer und nach Phantom Planet und nach xyz.

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The Blind Boys Of Alabama – Down In New Orleans (2008)

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Zum ersten Mal auf die Blind Boys Of Alabama gestoßen bin ich vor ein paar Jahren, als Ben Harper mit ihnen ein Album aufnahm, das später mit Grammys und ähnlichen Preisen überhäuft wurde. Die Gospelgruppe gibt es seit fast 70 Jahren, Schallplatten veröffentlichen nehmen die tatsächlich blinden Herren seit 1948. Tja… und sie machen halt Gospel-Musik. Das aber auf eine Art, die mich angenehm berührt: beseelt und unaufdringlich altersweise. Auch auf ihrem neuen Album (dem etwa 66.) gibt es musikalisch nichts, was man nicht schon viele Male ganz ähnlich bei anderen gehört hat. Aber es ist dieses Dauergrinsen, das man immer rauszuhören glaubt, diese schelmisch-spitzbübische, warme, aufrichtige Haltung, die die Musik der Blind Boys zu einer besonderen macht. „Down In New Orleans“ klingt – nach einem verdammt unterhaltsamen Gottesdienst.

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One Night Only – Started A Fire (2008)

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Was ich machen würde, wenn mir eine Plattenfirma anböte, meine Band könnte ein Album mit Steve Lillywhite produzieren? Ich würde keine Sekunde nachdenken, sondern sofort begeistert „Ja“ schreien und für den Rest des Tages mein Glück kaum fassen. Vielleicht ist es den blutjungen Herren von One Night Only so oder so ähnlich gegangen. Klar, das Ergebnis ist eine Hochglanzplatte, aber was für eine! Die Jungs haben ein paar geile Ohrwürmer, der Produzent hat das Händchen, daraus veritable Hits zu machen – und schon summt ganz England Songs wie „You And Me“ und „It’s About Time“. „Started A Fire“ ist eine herrlich unkomplizierte Platte geworden, gegen die ich mich nicht wehren kann oder will. Und mit „Just For Tonight“ ist One Night Only das beste „Time To Wonder“-Cover aller Zeiten gelungen.

Marc Broussard – Must Be The Water EP (2008)

Marc Broussar - Must Be The Water EP

Keine Ahnung, warum Marc Broussard sich so schwer mit Alben tut. Bislang kann er nur einen einzigen Longplayer mit eigenem Material vorweisen: das großartige Album „Carancro“ von 2004. Das 2006er Soul-Coveralbum „S.O.S.“ deutete dann schon an, was dem Mittzwanziger mit der Endfünfziger-Stimme wichtig ist. Bloß nicht in die Teenie-Senations-Ecke geraten, die peinliche Kommerzfalle um jeden Preis auslassen. Lieber weniger, dafür richtig gute Sachen rausbringen. Das ist ihm jedenfalls mit dieser 5-Track-EP bestens gelungen – starke Songs, starke Stimme, 20 Minuten kitschfreie Kurzweil. Carencro, Louisiana kann stolz sein auf diesen Typen.

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Ben Folds – Live in der Columbiahalle Berlin, 4. Juni 2005

„Guten Abend, motherfuckers!“ Wenn ein Mensch wie Ben Folds mit diesen Worten sein Publikum begrüßt, dann klingt das wie das denkbar herzlichste Willkommen. Es war endlich soweit – der kleine Mann am großen Steinway-Flügel hat es doch tatsächlich geschafft, sein erstes Deutschlandkonzert in diesem Jahrzehnt zu absolvieren. Und, um es kurz zu machen: es war berauschend.

Ben ballerte denn auch einen feinen Song nach dem nächsten ins Publikum, und das fraß ihm und seinen beiden Mitmusikern (wenngleich es sich nicht um die alte BFF-Besetzung handelt, setzt Herr Folds dieser Tage wieder auf die gewohnte, aber effektive Konstellation Bass-Schlagzeug-Piano) von Anfang an aus den Händen – viel zu lange war es einfach her, dass dieser liebenswerte Nerd vor hiesigem Publikum seine großartigen Songs zum besten gab. Das meiste Material, das die Fans in der Berliner Columbiahalle zu hören bekamen, stammte von Folds neuem Album „Songs For Silverman“ oder aber von den drei EPs, die der Künstler in den letzten zwei Jahren veröffentlichte. Opulent ist wohl das Wort, das den glasklaren, mächtigen, raumfüllenden und begeisternden Sound, der da von der Bühne tönte, am besten beschreibt. Ob nun Popsongs wie „Landed“ oder „Trusted“ oder aber Balladen wie „Late“ – hier musizierte ein beneidenswert gut aufeinander eingespieltes Trio und hatte selbst sichtlich Spaß an der Sache.

Ganz groß waren natürlich auch Bens Solostücke: zu Herzen gehende ruhige Songs, aber auch – mit tatkräftiger Unterstützung des Publikums – alte Gassenhauer wie „Army“ trösteten locker darüber hinweg, dass Folds Deutschlandcomeback nicht, wie geplant, solo in der lauschigen Kreuzberger Passionskirche vonstatten ging (das für November 2004 angesetzte Konzert musste wegen Krankheit verschoben werden), sondern in einem klassischen Liveclub. Und dass Ben den Abend eben nicht komplett alleine bestritt, sondern mehrheitlich mit Band.

Wenn Ben und seine Mannen dann einen vor F-Words nur so strotzenden Dr. Dre-Rap in eine gigantischen Popsong verwandeln oder bei „Rockin‘ The Suburbs“ eine fast schon erschreckend glaubwürdige Hardcore-Distortion-Bass-Meets-Angry-White-Boy-Rap-Einlage abliefern, dann ist das Dauergrinsen beim zufriedenen Konzertbesucher eigentlich schon vorprogrammiert. Ohne Zweifel: das war ein rundum gelungener Konzertabend. Ben Folds war viel zu lange nicht bei uns zu Gast, wir haben ihn schmerzlich vermißt. Dieser Typ ist einzigartig, dieser Typ ist verrückt, dieser Typ schafft es, Dich permanent zwischen Lachen und Weinen hin- und hertaumeln zu lassen.

Ben Folds auf Platte ist an sich schon ein Vergnügen, live allerdings kann man den Mann mit der komischen Brille und den schönen Liedern getrost als einen der Besten seiner Zeit einstufen. Und nicht minder herzlich möchte man ihm nach zwei unvergeßlichen Konzertstunden zurückrufen: „Come back soon, motherfucker!“

Foto vom Berlin-Konzert gefunden auf und ganz dreist gemopst von der schönen Fanseite BenFolds.de. Dort gibts auch noch jede Menge weitere Bilder von der Show – und zwar ganz genau hier.

NP: Ben Harper & The Blind Boys Of Alabama – Live At The Apollo (2005)

Der wunderbare Ben Harper und die Blind Boys Of Alabama. Das war bereits im vergangenen Jahr eine gelungene Kombination, die man auf dem Studioalbum „There Will Be A Light“ bewundern konnte. Der gefühlvolle, sensible Songwriter trifft auf die seit 1939 gemeinsam musizierenden großen alten Herren des Gospel. Jetzt gibt es die Livedokumentation dieser Zusammenarbeit auf CD und DVD. „Live At The Apollo“ ist ein Mitschnitt eines gemeinsamen Konzertes im Oktober 2004.

Das Erstaunliche: die eigenartige Melange aus Rock, Folk und Gospel wirkt live noch wesentlich organischer, glaubwürdiger und schlichtweg schöner als auf dem Studioalbum. Hier stehen knapp anderthalb Dutzend Vollblutmusiker gemeinsam auf der Bühne und singen von Liebe, Glauben, Gott, Zweifel und Glück. In einer Art und Weise, die man durchaus als spirituelle Erfahrung bezeichnen kann. Sehr, sehr schön und absolut weiterzuempfehlen.