Jahresbestenlisten: siebenSÄTZE-Awards 2009

Alle lieben Listen, ich auch. Den völlig unsinnigen Versuch, das zurückliegende Jahr irgendwie in eine Tabellenform zu pressen, hab ich mir auch dieses Jahr wieder angetan. Und wie immer fühl ich mich mies, weil ich so viele gute Bücher, Songs, Momente, Platten dann nun doch nicht erwähnt habe, obwohl sie eigentlich hier mit hergehören. Aber egal. Die Platzierungen (das schreibt man doch jetzt so, oder?) sind eh nur Makulatur (das schreibt man doch so, oder?), die genannten Dinge, Lieder, Lobhudeleien (darf man das noch schreiben?) sind hingegen ernstgemeint (oder muss ich das jetzt auseinander schreiben?!).

Die Alben des Jahres

7 – Ben Harper & Relentless 7 – White Lies For Dark Times
Harper so unmittelbar, schroff und wütend wie schon länger nicht mehr. Und ein Dutzend starker Songs.

6 – Montag – Montag
Das Jahr ging gleich gut los, mit dem dritten Montag-Album. Wäre es nach mir gegangen, hätte ganz Deutschland in diesem Jahr wahlweise zu „Sommernacht“ getanzt oder auf jeder guten Party „…und lass die Finger von meinen CDs“ gebrüllt.

5 – John Mayer – Battle Studies
Mayer kam spät, aber gewaltig. Ein Liederzyklus über vergangene Liebe, Intrigen, Enttäuschungen – und hier und da dann aber doch Hoffnung. Dazu über jeden Zweifel erhabene Musik, absurd gute Instrumentalisten, eine herrlich organische Produktion und nicht eine Sekunde Langeweile.

4 – Ben Kweller – Changing Horses

Bens Countryausflug darf man in den Jahresbestenlisten einfach nicht unterschlagen, bloß, weil er so zeitig im Jahr rauskam. Der Ex-Antifolker, der seit Jahren wunderbare Songwriter-Alben raushaut, flirtet mit Countryharmonien, Steel-Guitars und Trucker-Themen. Und das auf glaubwürdige, ach was, herzergreifende Art und Weise!

3 – Dave Matthews Band – Big Whiskey & The GrooGrux King
Es war, als riefen alle DMB-Fans dieser Welt im Juni: „Eeeendlich“. Endlich wieder ein Album, dass nicht nur deutlich über dem Studio-Output-Qualitäts-Mittelmaß der letzten sechs, sieben Jahre lag, sondern sich mühelos einreiht in die 1. Liga der DMB-Platten. Ein würdiges Tribut an den verstorbenen LeRoi Moore, super Songwriting, tolle Arrangement-Ideen, starke Hooks. Eeeendlich.

2 – Alberta Cross – Broken Side Of Time
Für jemanden wie mich, der Selig mag, der gerne Blind Melon hört, der die Black Crowes genauso schätzt wie Bob Dylan, die Avett Brothers, Calexico und die frühen Pearl Jam, für den ist die Musik von Alberta Cross wie gemacht. Und doch wäre es ungerecht, diese Band auf die genannten Referenzen zu verkürzen. Bei aller Heldenverehrung, bei allen Zitaten: dieses Album ist originell, und es ist eine Naturgewalt.

1 – The Duke & The King – Nothing Gold Can Stay
Doch manchmal kommen die Platten des Jahres dann doch ganz heimlich, still und leise. Da fängt es an mit „If You Ever Get Famous“, einem Song, der sich recht früh in diesem Jahr in mein Herz musiziert hat. Nachdem ich dann das Album zum Song hörte, war ich aber endgültig hin und weg. Was für ein Kleinod, was für große Songs. Der Glaube an das Gute im Menschen, und so.

Persönliche Lieblingsorte des Jahres

7 – Leipzig
Mann, ich lebe gern in dieser Stadt und klebe an ihr. Oder sie an mir, je nachdem.

6 – Paris
Endlich mal wieder dort. Finde Paris immer wieder schön und, ja, gemütlich.

5 – Harz
Wernigerode – mein erstes Mal Wandern / Urlauben / Ausspannen im Harz. Trotz wahnwitzigem Speed-Abstieg vom Brocken eine sonst äußerst erholsame Reise.

4 – Madrid
Menschen, unglaublich viele Menschen. Wein, unglaublich viel Wein. Kunst, unglaublich viel Kunst. Die vielleicht dekadenteste Kurzreise des Jahres. Ach ja: Serranoschinken, unglaublich viel Serranoschinken.

3 – Liverpool
Eine Woche zu Gast bei alten Freunden. Liverpool, die zweite – und das Gefühl, „daheim“ zu sein.

2 – Wroclaw
Eine Reise zu den Wurzeln meiner Familie. Mit meiner Familie. Tief berührend, bisweilen aber auch zum Brüllen komisch.

1 – Banja Luka
Bosnien hat mich schwer beeindruckt. Nirgendwo sonst habe ich bisher derart krasse Gräben zwischen arm und reich, hoffnungsvoll und verzweifelt, Schönheit und Zerstörung gespürt wie hier.

Die Bücher des Jahres

7 – Benjamin Lebert – Flug der Pelikane
Erst kam ich nicht so richtig rein in Leberts neues Büchlein, aber dann entwickelte die Erzählung eine interessante Dynamik. Angenehmes Lesevergnügen.

6 – Manfred Lütz – Gott. Eine kleine Geschichte des Größten
Steht nicht auf der Leseliste meines Theologie-Fernstudiums. Hab ich mir auch nur aus Lektüremangel heraus im Harz (siehe oben) gekauft, nachdem ich mit Platz 1 (siehe unten) durch war. Große Überraschung: Lütz‘ rheinisch-launische Gottesbetrachtung ist witzig, herzlich, niemals plump, aber auch nicht verkopft. Große Empfehlung – für Gläubige aller Couleur wie für Atheisten und Agnostiker.

5 – Daniel Kehlmann – Ruhm
Neun Geschichten, die auf unterschiedlichste Weise ineinandergreifen und spätestens am Ende ein Ganzes, wenn auch kein durchsichtiges Ganzes ergeben. Raffinierte Schreibübung, die aber auch dem Leser Spaß macht. Und einige sensationell gut gezeichnete Charaktere.

4 – Paul Peukert – Festung Breslau
Eine Reise nach Wroclaw, mit alten Tanten und Onkels, ohne jede revisionistische Scheiße, dafür mit vielen Fragen und vielen, vielen Eindrücken (siehe oben). Dieses Buch hat mich auf der Reise und danach sehr beschäftigt: katholischer Priester in Breslau führt Tagebuch über den Wahnsinn der letzten Kriegsjahre.

3 – Luke Haines – Bad Vibes. Britpop And My Part In Its Downfall
Ex-Auteurs-Hirn Haines schreibt seine Memoiren über die Britpop-Neunziger. Und ist dabei so gnadenlos ehrlich, bitterböse (gegenüber sich selbst und allen, wirklich allen anderen) und lustig, dass ich dieses Buch an nur einem Tag verschlungen – und dann am nächsten Tag gleich nochmal gelesen habe.

2 – Stefan Petermann – Der Schlaf und das Flüstern
Sowohl Stefan als auch sein Buch haben es gar nicht nötig, von mir gelobhudelt zu werden. Umso ehrlicher ist diese Platzierung gemeint: Stefans Debütroman hat mich angerührt und begeistert. Wäre Howie Days Song „I’ll Take You On“ ein Buch, es wäre dieses hier.

1 – Andreas Eschbach – Ein König für Deutschland
Einfach gutes Popcorn-Kino in Buchform. Es geht um Wahlmanipulation, ums Internet und um einen verklemmten deutschen Penne-Pauker als Hauptperson. Klingt lahm, ist aber alles andere als das. Definitv mein Lieblingsschmöker 09.

Persönliche Lieblingsluxusgüter des Jahres

7 – Relix-Abo
Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon genug Musikzeitschriften abonniert hätte (jetzt sinds fünf). Aber ich hatte eben noch keine amerikanische. Und da in so ziemlich allen anderen Blättern dieser Galaxie zu wenig über all die schrägen Jambands und Folkies geschrieben wird, die ich nun mal gerne höre, musste es Relix sein. Habs nicht bereut – deren Avett Brothers- und Monsters Of Folk-Texte waren das beste, was ich in Sachen Musik in diesem Jahr lesen durfte.

6 – Fotoapparat
War einfach bitter nötig. Nach nem halben Jahr mit dem Teil bin ich zufrieden, aber nicht begeistert. Und eine wichtige Lektion hab ich auch gelernt: bloss, weil ich ’nen neuen Apparat habe, mache ich nicht zwingend mehr Fotos.

5 – Internet-Stick
Doch, das hat was, einfach seinen Laptop per UMTS mit dem Internet zu verbinden. Vor anderthalb Jahren war für mich noch n Laptop unvorstellbar, seit ein paar Monaten isses der Internet-Stick. Bin eben ein Spätentwickler.

4 – Digitaler Videorecorder
Noch so eine praktische Sache: einfach die Sachen aufnehmen, die mich interessieren, im Zweifelsfall auch mal zwei Sendungen parallel. Ohne DVDs, VHS-Kassetten, Showview und diesen ganzen Mist, sondern einfach nur per Knopfdruck. Was es nicht alles gibt. Toll.

3 – Big Whiskey Deluxe Edition
Nee, schon klar. Ich hab das neue DMB-Album (siehe ziemlich weit oben) in zweifacher CD-Ausführung (Standardversion US, Standardversion Europa), als iTunes-Pass (wegen der Bonusdownloads) und hatte es *hüstel* auch schon vorab auf nicht hundertprozentig legale Weise „erstanden“. Aber dennoch musste diese Deluxe-Box sein – dieses edle Fotobuch! Die wunderschönen Lithographien! Die Bonus-EP! Ach ja, und das Album is natürlich auch nicht schlecht (wie gesagt, siehe ziemlich weit oben).

2 – Spotify-Abo
Ich kann nicht anders, als in den Chor der Spotify-Lobhudler einstimmen. Es ist so simpel wie genial, dieses schwedische Streaming-Angebot, das hoffentlich 2010 auch endlich regulär in Deutschland zu haben sein wird. Warum ich schon in den Genuß eines Spotify-Abos gekommen bin? Offenbar hatte ich einfach nur Glück – wenige Wochen nach meiner ersten 10-Euro-Rate wurde die Option, von Deutschland aus wenigstens den Premiumaccount buchen zu können, erstmal wieder abgeschafft.

1 – Android-Handy
Es war keine rationale Entscheidung. Eher so meine notorische Liebe für Underdogs und die wachsende Verwunderung darüber, was für Menschen neuerdings iPhones besaßen und damit auszudrücken meinten. Nachdem ich mich in die Materie eingelesen hatte, schien mir ein Android-Handy eine gute Alternative zu sein. Killer-Grund war für mich die im Hintergrund laufende Spotify-App. Und jetzt? Bin ich echt zufrieden mit meinem HTC Magic – wobei… so ein Nexus One oder wenigstens ein Milestone wären auch nicht übel. Aber hey, bald ist ja 2010.

Die Songs des Jahres (Spotify-Playlist)

7 – Selig – Ich dachte schon
Ich dachte schon, du seist ausgezogen aus den Kammern meiner Erinnerung. Doch durch irgendeine Lücke kriechst du immer wieder rein… Lass mich allein.

6 – K’Naan – Take A Minute
And any man who knows a thing knows he knows not a damn damn thing at all…

5 – Sometymes Why – My Crazy
They say I’m talking to myself when I’m talking to you, they say I’m going crazy, crazy. Am I just true?

4 – Montag – Part 1
Plötzlich ist der Kopf klar, fahr jetzt los! Halt‘ Deine Briefe aus dem Fenster und lass sie los…

3 – Brother Ali – Fresh Air
I’m surrounded by greatness, my loved ones are amazin‘, sometimes, I look in their faces and just think of the lifes they’re changin

2 – Mein Mio – Es gibt immer
…und glaub, ich brauche kein Ziel und kein‘ Halt, doch als ich mich erinnere, ist es kalt. Es gibt immer, es gibt immer, es gibt immer… jemanden, auf den man wartet.

1 – Monsters Of Folk – Temazcal
Searchin‘ west and east and all points in between and underneath the hand of god, you’re there and then you’re not…

Persönliche Erfolge des Jahres

7 – drei Phish-Shows am Stück angehört
6 – ein weiteres Jahr ohne Zigaretten
5 – „Six Feet Under“ von der ersten bis zur letzten Folge sehen können
4 – meine Solo-EP Stundevorwärts
3 – einen regionalen & einen internationalen Preis erhalten
2 – immer noch Freunde zu haben, die mich ernsthaft als Trauzeugen wollen
1 – Simsalaboom, die neue CD meiner Band 2zueins!, die nun endlich fertig ist. Also, die CD.

Die Konzerte des Jahres

7 – Selig, September, Leipzig
Homogener Sound. Druck. Gefühl. Zeitreise Teil 2, diesmal fühlt sichs aber schon wieder ganz natürlich an.

6 – Bright Blue Gorilla, April, Halle
Robyn und Michael im Objekt 5. Am Tag vorher gemeinsames Essen in Leipzig. Dazu Besuch aus Holland – perfekte Tage.

5 – Stoppok, April, Leipzig
Absolut das, was ich mir von einem Stoppok-mit-Band-Abend erhofft hatte: tolle Musik, viele bekannte Gesichter im Publikum, ausgelassene Musiker.

4 – Alberta Cross, Juli, Paris
Musikalische Neuentdeckung des Jahres, hatte sich im Vorprogramm versteckt. So unscheinbar die Herren angeschlurft kamen, so bombastisch war im Gegensatz dazu ihre Musik.

3 – Amarcord, Dezember, Leipzig
Was für ein liebevoll ausgewähltes Programm, ausschließlich Stücke mit direktem Thomaskirchen-Hintergrund. Und dann natürlich: diese Stimmen!

2 – Selig Reunion Show, März, Dresden
Zeitreise, Teil 1: Selig spielen ihr erstes öffentliches Konzert seit 1998 und wir waren dabei. Die Nostalgie wich binnen weniger Songs der alten Euphorie. Immer noch die beste Liveband Deutschlands.

1 – Dave Matthews Band, Juli, Paris
Celebrate we will, ‚cause life is short but sweet for certain. Was soll ich noch schreiben – auch DMB-Konzert Nummer 3 war außerirdisch gut, ich freu mich schon auf #4 und #5.

Montag – Montag (2009)

montag32

Vieler meiner Freunde können ja leider meinen Faible für Montag (neuerdings ist die )-Klammer wohl aus dem Namen verschwunden) nicht so ganz nachvollziehen. Ich steh‘ einfach auf diesen verschrobenen, zum Bombast neigenden Entwurf von Pop, auf diese bisweilen kryptischen Texte, auf die spröde Herzlichkeit von Band und Songmaterial. „Gefallen“ war ein Meisterstück von einem Debüt, „Sender“ war kantiger, düsterer, komplexer, nur nicht schlechter.

Jetzt, nach fast vier Jahren, also Album Nummer 3. Es ist groß, hysterisch, übertrieben, euphorisch, toll: Songs wie „Part 1“, „Was wir sagen“, „Großstadt“ oder „Nachtfahrt“ sind brillianter Pop. Könnte gut sein, dass einiger meiner eingangs erwähnten Freunde „umfallen“ und ihre Meinung ändern, wenn ich sie auch diesmal wieder mit Montag-Musik nerve: denn noch nie waren die Hamburger zugänglicher und eingänglicher als hier – ohne dass die Songs was von ihrer Wucht oder ihrem Zauber verloren hätten. Plötzlich ist der Kopf klar, ich fahr jetzt los, halt‘ Deine Briefe aus dem Fenster und ich lass sie los – und lass die Finger von mein‘ CDs…

siebenSACHEN vom 28. April 2008. Mit Ben Folds, Madonna, Mon)tag u.a…

– Von „Hitchiker’s Guide To The Galaxy“ bis „Slaugtherhouse Five“: Eine Liste mit den 50 besten „Kult“-Büchern, zusammengestellt vom Telegraph.

– Beim Word-Magazine spielen sie schon wieder das iPod-Randomizer-Spiel – die ersten fünf Shuffle-Tracks des iPods, und Bescheißen is‘ nich. Hier die Listen, hier meine fünf von grade eben: Chris Barron – Providence, Southerly – Young William Snow, Dave Matthews Band – Still Water -> Don’t Drink The Water (live), Paperlung – Beating Hearts, Joseph Arthur – Chapter 1.

Intro weiß mehr über das für September erwartete neue Album von Ben Folds.

Alabama 3 covern Joy Division: Love Will Tear Us Apart. (mp3)

– Und gleich noch ein Cover: What Made Milwaukee Famous covern You May Be Right von Billy Joel (mp3)

Frustratingly ordinary: Pitchfork renzensiert das neue Madonna-Album „Hard Candy“

– Meine neue Lieblings-Soap geht in die vierte Runde: das Mon)tag-Studiotagebuch:

Notizen vom 10. April 2008

– Los geht’s mit ner Liste: die zehn besten Classic Rock-Alben aller Zeiten.

Markus Wiebusch von Kettcar hat ausführlich mit 1Live geplaudert. Das Interview als Podcast (mp3) gibts hier.

Scott Matthew ist derzeit in aller Munde – jetzt kann man sein Album beim Luisterpaal anhören. Tatsächlich: klasse Musik.

– Früher brauchte man Petitionen, um den Sack mal herzulocken, heutzutage ist er ja dagegen fast schon dauerpräsent in Deutschland: Ben Folds kommt mal wieder zu uns, genauer nach Hamburg, Mannheim, Bochum und Bonn.

– Wie findet Ihr denn das neue Pitchfork.tv? Hab noch nicht so viel gesehen, aber auf den ersten Blick doch ganz anständig, oder?

Deviousness I can’t deal with. That’s not to my taste. Der Guardian hat Salman Rushdie gesprochen.

Mon)tag gehen ins Studio und begleiten das Werden ihres neuen, dritten Albums künftig in Wort und Bild im eigenen YouTube-Kanal. Das ist toll, zur Feier der Stunde hier ein Video von ihnen: