Alles, nur kein blinder Gehorsam

Der streitbare Leipziger Schriftsteller Steffen Mohr wird 75*

Fragt man Steffen Mohr, welche Berufsbezeichnung er für sich am zutreffendsten findet, muss er nicht lange über die Antwort nachdenken: „Lebenskünstler, ganz klar. Ich hab sogar Visitenkarten, auf denen das draufsteht: Steffen Mohr, Lebenskünstler. Letztlich ist es genau das.” Genau das – und doch so viel mehr. Der Leipziger könnte seine Visitenkarte auch guten Gewissens mit Berufen wie Schriftsteller, Liedermacher, Krimiautor, Feuilletonist oder Radio- und Fernsehmacher dekorieren. In diesem Sommer feiert er seinen 75. Geburtstag. Eine gute Gelegenheit, um Rückschau zu halten auf ein bewegtes Leben und ein bewegendes Lebenswerk.

Bei Erdbeerkuchen, Tee und Ibuprofen geht es in der Küche seiner Lößniger Wohnung auf einen Parforceritt durch die Jahrzehnte. Eine fiese Erkältung hat er sich eingefangen; auf die geliebten Zigaretten mag er dennoch nicht verzichten – sie gehören zum liebenswürdig-kauzigen Gesamtkunstwerk Mohr genauso dazu wie die Wandergitarre und die prallen Mappen voller Lied- und Textmanuskripte, meist abgefasst in seiner markanten, stolzen, präzisen, unnachahmlichen Handschrift.

Auf der Bühne, bei seinen Lesungen, Kabarett- oder Liederprogrammen, fühlt sich Steffen Mohr wohl wie ein Fisch im Wasser: wild gestikulierend, pointiert vortragend, mit einer tiefen, kräftigen, nuancenreichen Stimme. Er zetert, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten anzuprangern. Er singt von der Liebe und schwärmt von den Frauen wie ein Maler, der nur in den prächtigsten Farben zeichnet. Er schwitzt, gibt alles, ist euphorisch, spuckt schon mal Gift und Galle. So sorgt er dafür, dass er seinem Publikum dauerhaft in Erinnerung bleibt: Den Schülern, die er spielerisch an Literatur heranführt, indem er mit ihnen hanebüchene Geschichten erfindet. Den Zugereisten, die ungläubig staunen über das, was dieser Freigeist in DDR-Zeiten verzapft, sich getraut und ertragen hat. Den Psychatriepatienten, die mit ihm im Rahmen ihrer Therapie Rätselkrimis lösen. Den Frommen, die schon mal Schnappatmung bekommen, wenn er sich die Amtskirche vorknöpft. Den Gleichaltrigen und Weggefährten, die spüren, dass da einer weiß, wovon er spricht. Den Mitläufern und Großkopferten, denen er mit seiner unverblümten Art gerne mal auf die Schlipse tritt.

Kaum zu glauben, dass so ein „Hans-Dampf-in-allen-Kunstgassen” ursprünglich mal katholischer Priester werden wollte. „Doch, doch”, insistiert er, „ich war fest verbunden mit meinem Jesus und bin es immer noch! Die Dominikaner, allen voran der in Leipzig wirkende Pater Gordian, beeindruckten mich als Jugendlichen zutiefst.” Er wollte so werden wie Gordian – ein Predigermönch, wortgewaltig und voller Empathie, angstfrei das Evangelium verkündend, gerade in Zeiten des Kommunismus. „Ich dachte, ich würde der Bertolt Brecht Gottes!” Also besuchte er 1960 nach dem Abitur einen Vorbereitungskurs für das Theologische Seminar. Hier galt er jedoch schnell als Störenfried; die kritischen Nachfragen des hoch politisierten Jugendlichen waren unerwünscht. Schließlich sagte es ihm ein Lehrer klipp und klar ins Gesicht: Steffen, aus Dir wird im Leben kein Priester, Dir fehlt der Gehorsam.

Heute, beim Erinnern am Küchentisch, schmunzelt er darüber – damals stürzte ihn das Urteil des Lehrers in eine Sinnkrise. Und nun? War er quasi zu christlich für den Sozialismus und zu sozialistisch für die Kirche? Er konnte doch nicht anders, als alles zu hinterfragen, zu protestieren, wo er ihm nötig erschien. Vorgefertigte Antworten ungefragt zu übernehmen, war ihm ein Graus. „Der hatte ja völlig Recht damals. Ich und Gehorsam? Das hätte niemals funktioniert.”

Stattdessen schlug Steffen Mohr den einzigen anderen Weg ein, den er sich für sich vorstellen konnte. Er wurde Künstler, erarbeitete sich Diplome als Theaterwissenschaftler und Schriftsteller. Der „Widerstandsgeist” (O-Ton Mohr) fand seine berufliche Heimat in der DDR im Schauspiel, in Literatur und Musik. Was ihm freilich trotzdem regelmäßig Ärger bescherte – gelegentlich mit der Polizei, häufig mit der Stasi. Das Genre des Kriminalromans war und ist Mohr immer besonders nah. Doch auch durch Lieder oder als Regisseur von Theaterstücken übte er immer wieder subtile Systemkritik, blieb er als Erwachsener ein politischer und frommer Stürmer und Dränger.

Es sind diese vermeintlichen Widersprüche, die Steffen Mohr ausmachen: Der tiefgläubige Mann, der sein Leben nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Ex-Frauen sortiert. Der Einzelkämpfer auf der Bühne, der gleichzeitig Vater von sieben Kindern ist. Der Vollblut-Künstler, der seinen Beruf als Handwerk versteht. „Ich bin doch kein Dichter oder gar Lyriker im klassischen Sinne, sondern bediene mich halt der Werkzeuge, die mir mein Beruf so bietet.” So passt es ins Gesamtbild, dass dieser Nonkonformist schon mal zum Vereinsmeier wird, wenn es nur der richtigen Sache dient. Als Gründungsmitglied und Vorsitzender der „Freien Literaturgesellschaft Leipzig” organisiert er unter anderem alljährlich den „Sächsischen Literaturfrühling”. „Im Verein muss ich zwischen dreißig Schriftsteller-Egos und unterschiedlichsten Weltsichten vermitteln. Das fordert mich. Weil Diplomatie nun nicht gerade meine Kernkompetenz ist”, grinst er und zündet sich eine weitere Zigarette an.

Nach Aufhören ist dem demnächst 75-jährigen noch nicht zumute. Zum einen hält ihn das Kind seiner Ziehtochter, sein Quasi-Enkelchen, auf Trab: „Ich liebe es über alles!” Zum anderen sind da die Ideen für mindestens zwei weitere große (Kriminal-)Romane, in denen er einige düstere Kapitel seines eigenen Lebens verarbeiten möchte. „Ich hoffe und bete, dass mir dafür noch genug Zeit und Kraft bleiben.” Auch geht es natürlich weiter mit den Lesungen, Konzerten, Rätselkrimis und Kinderbüchern. Steffen Mohr kann gar nicht anders, als die Bühnen, die sich dem gestandenen Lebenskünstler bieten, zu bespielen – und sie auszufüllen.

* – Hinweis:
Dieses Porträt habe ich aus Anlass des 75. Geburtstags von Steffen Mohr in diesem Sommer für „angezettelt – Das Informationsblatt des Sächsischen Literaturrates“ geschrieben. Erschienen ist es Ende April im Heft 2/2017, das das Schwerpunktthema „Christentum und Literatur“ hatte.

Die Generation „Man müsste mal“

Klimawandel? Ja, schon mal gehört. Müsste man mal was dagegen machen.
Hunger in der Dritten Welt? Ja, da müsste man mal wieder was spenden.
Wieder Essen aus dem Kühlschrank direkt in den Müll geworfen? Ja, müsste man endlich mal anders einkaufen.

Wir sind die “Generation Man müsste mal”, klagt die Münchener Autorin und Aktivistin Claudia Langer und sagt in ihrem gleichnamigen neuen Buch klipp und klar: so kann, so darf es nicht weiter gehen! Ihr Buch ist eine Streitschrift, eine offene Anklage einer ganzen Generation.

Eine Generation, für die es normal ist, in den Urlaub zu fliegen, statt mit Auto oder Bahn zu verreisen. Eine Generation, die weiß, dass in Afrika Tag für Tag tausende Kinder verhungern, während das reiche Deutschland im Überfluss lebt und Lebensmittel einfach wegschmeißt. „Wenn wir so weiter machen, hinterlassen wir unseren Kindern eine völlig kaputte Welt“, warnt die Autorin.

Na, ist Ihnen inzwischen gründlich die Lust vergangen, weiter zu lesen? So viel Negativität hält ja keiner aus. Wo doch an dieser Stelle eigentlich immer Erbauliches, Mut machendes stehen sollte! Da vergeht einem ja die gute Laune!

Genau das will Claudia Langer aber erreichen: dass wir uns gestört fühlen bei unserem täglichen Wegschauen. Es reicht eben nicht, den Müll zu trennen, Bio-Gemüse zu kaufen, mit einer kleinen Spende vor Weihnachten das Gewissen zu beruhigen und zu hoffen, damit wäre alles in Butter. Ohne echtes Umdenken und Verzicht wird sich nichts zum Guten ändern.

Um dann doch noch etwas Positives zu schreiben: dieser Verzicht kann auch Gewinn bedeuten! Mehr Lebensqualität und Zeit für die Familie, wenn ich zum Beispiel konsequent auf Dienstreisen verzichte, die nicht unbedingt sein müssen. Auch lebe ich automatisch gesünder, wenn ich nicht jeden Tag auf Fleisch zum Mittag bestehe.

Das sind kleine, aber wichtige Schritte. Schritte, die nicht „die anderen“ zuerst gehen müssen, sondern ich selbst. Es ist ganz konkret meine Aufgabe. Als Mensch, Christ, Nachbar. Als Leipziger, Deutscher, Europäer. Ich sollte mich anrühren lassen von dieser Anklage und statt „Man müsste mal…“ endlich sagen: „Ja, ich werde alles daran setzen, diese Welt besser zu machen – auch, wenn’s mühsam wird!“

Hinweis:
Diesen Text habe ich für das Ressort “Gesellschaft und Religion” der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er am 12. Oktober in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

Büchertisch: David Sedaris, Roger Willemsen, Das Neue Testament als Magazin, Geoffrey Robinson, Paul Torday, David McCandless, Benjamin v. Stuckrad-Barre

Paul Torday – The Girl On The Landing (Phoenix Paperback, 2009)
Was macht ein Schriftsteller, dessen erstes Buch (Salmon Fishing In The Yemen) ein Überraschungserfolg wurde? Im besten Fall legt er ein paar Bücher nach, die mithalten können. Und das gelingt Spätzünder Paul Torday (er war fast 60, als sein erstes Buch in die Läden kam) inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit. Was mich begeistert, ist, dass der Brite dabei nicht auf Nummer sicher geht und eben weiter Satiren wie seinen Erstling abliefert. Bei „The Girl On The Landing“ etwa ist ihm ein packender Psycho-Thriller gelungen. Es geht um die immer schlimmer werdende geistige Verfassung eines einst „ganz normalen“ Ehemannes und um seine düstere Kindheit. Klingt schaurig, ist aber vor allem spannend und keineswegs ohne Witz geschrieben. Für mich war’s die perfekte Urlaubslektüre. Genau fünf Minuten, nachdem ich mit diesem Buch durch war, hab ich mir übrigens schon den nächsten Torday bestellt.

Das Neue Testament als Magazin (Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2010)
Das muss doch auch anders gehen – dachten sich ein Art Director und ein Journalist. Den biblischen Stoff kann man doch sicherlich auch anders darbieten als in der klassischen Weise. Gesagt, getan: Oliver Wurm und Andreas Volleritsch machten sich ans NT als Magazin, also ganz im Stile einer modernen, zeitgemäßen Illustrierten: die Evangelien werden zu Leitartikeln; Schriftarten, Aufbau und Satz verfehlen nicht ihre erfrischende Wirkung. Tatsächlich ist das nicht eben dünne Magazin ein echter Hingucker geworden, der eine neue Art, die Texte des Neuen Testaments zu erschließen, offeriert.

David Sedaris – Squirrel Seeks Chipmunk. A Wicked Bestiary (Little, Brown, 2010)
Das vielleicht absurdeste Buch, das David Sedaris jemals veröffentlicht hat. Und zweifelsohne eines seiner lustigsten. Im Grunde ist das hier eine Sammlung von Fabeln. Aber was für Fabeln das sind! Völlig abwegige, morbide, charmante, schrullige – „Squirrel Seeks Chipmunk“ ist ein Lesevergnügen sondergleichen. Das arme Streifenhörnchen, dass sich den Kopf darüber zermartert, was um alles in der Welt „Jazz“ sein könnte (und u.a. eine fiese Sexualpraktik vermutet); das ach so schrecklich vernünftige Huhn, das vorgibt, die Welt zu verstehen und schließlich selbst dran glauben muss; das strunzdoofe Schaf, das einer Krähe vertraut und und und – diese Tiergeschichten sind schräg, lustig und letztlich… unfassbar menschlich.

Roger Willemsen – Die Enden der Welt (S. Fischer, 2010)
Eine Sammlung von Reiseerzählungen, wie man sie von einem Typen wie Willemsen erwartet: wortgewandt, reich an Bildern und perfekt gedrechselten Sätzen (okay, manchmal sind sie auch ziemlich geschraubt). Es geht um berührende Momente, persönliche Krisen, Glücksgefühle oder das dringende Bedürfnis, ganz schnell wieder weg zu wollen. Die Klammer, die diese Erzählungen zusammenhalten will, ist etwas bemüht, manches „Ende der Welt“ ist nur mit viel gutem Willen als ein solches erkennbar. Aber ob Timbuktu oder Kamtschatka, ob Mandalay oder Minsk: viele dieser Geschichten sind exzellent, wecken das eigene Reisefieber und machen deutlich, was für ein Segen es ist, „so einen“ wie Roger Willemsen zu haben.

Bischof Geoffrey Robinson – Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation (Publik Forum Verlag, 2010)
Ein Buch von bedrückender Aktualität. Ein australischer Bischof lehnt sich weit aus dem (Kirchen-)Fenster und schreibt über die Probleme seiner Kirche im Spannungsfeld von Glauben, Macht und Sexualität. Mit seinen teils drastischen Worten und seiner ungewohnten Offenheit stieß er in Rom nicht unbedingt auf Gegenliebe. Geoffrey Robinson fordert ein Umdenken in der katholischen Sexualethik und berührt mit seinem eigenen persönlichen Hintergrund, wurde er doch selbst als Kind von einem Erwachsenen missbraucht. Auch wenn mir nicht jede These plausibel erscheint, so empfinde ich es doch als enorm befreiend, dass ein Mann der Kirche hier so offen und direkt schreibt, und dennoch (oder gerade deshalb?) eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu seiner Kirche spürbar ist.

Benjamin von Stuckrad-Barre – Auch Deutsche unter den Opfern (KiWi Paperback, 2010)
Als „Soloalbum“ rauskam, war ich ja fast sowas wie ein Stuckrad-Barre-Fanboy. Ich mochte Thema, Ton und Attitüde dieses Buches sehr. Danach folgte viel, was mich nicht zu fesseln vermochte und irgendwann verlor ich dann das Interesse an Stuckrad-Barres Output. Bis ich mir aus Neugier „Auch Deutsche unter den Opfern“ gekauft habe; eine liebevoll gestaltete und mit tollen Fotos versehene Sammlung von Texten, die er vornehmlich für Tageszeitungen wie „Die Welt“ oder Magazine wie den Rolling Stone geschrieben hat. Ein „Sittengemälde unserer Zeit“ soll das sein, heißt es großspurig. Tatsächlich sind es durchweg lesenswerte Artikel eines brillianten Beobachters, der irgendwas ist zwischen arrogantem Schnösel und beautiful freak.

David McCandless – Information Is Beautiful (HarperCollins, 2009)
Opulent – das ist das Wort, das mir als erstes einfällt, um dieses Buch zu beschreiben. Infografiken sind ja seit geraumer Zeit das große Ding im Internet. Tatsächlich versuchen immer mehr Autoren, Publikationen oder Organisationen, komplexe Sachverhalte oder zahlenschwere Statistiken in anschauliche, aussagekräftige Grafiken zu pressen. Keinem gelingt das derartig brilliant wie David McCandless. Seine Infografik-Sammlung „Information Is Beautiful“ trägt diesen Titel völlig zu Recht: es ist ein Vergnügen, in diesen Statistiken zu blättern, diese Kunstwerke von einfach und effektiv dargestelltem Datenmaterial zu erkunden. Ob „Die Bedeutung von Farben auf der ganzen Welt“ oder „Kaffee-Sorten“ oder die „Weltbesten Anti-Kater-Rezepte“ – harte und nicht so harte Fakten sind hier in der Tat wunderschön anzusehen.

Ein paar zusammenhanglose Notizen zu David Sedaris…

Letzten Donnerstag war David Sedaris in Leipzig zu Gast. Die Lesung war kurz, aber heftig und ungemein lustig. Und das anschließende Signierstundenplaudergespräch mit dem Meister brachte ans Licht, dass der Herr Künstler mich auf 23 schätzt. 23. Mich! Unnötig zu erwähnen, dass ich das seither jedem erzähle, der das eigentlich gar nicht wissen will. Aber auch ohne dieses – vermutlich, unter Umständen, womöglich sogar ernst gemeinte – Kompliment wär’s ein schöner Abend gewesen.

Aber was ich eigentlich sagen wollte: heute früh hat ihn seine Deutschlandtour ins Radio geführt – David Sedaris zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. In den nächsten sieben Tagen kann man sich das hier noch mal anhören:

…und nachlesen kann man das Gespräch hier.

Und dass Schöner wirds nicht, Sedaris‘ aktuelles Buch, eine super Lektüre ist, erwähne ich nur zur Sicherheit, falls noch nicht klar genug geworden ist, dass ich ihn mag, diesen Mann, der mich auf 23 schätzt. Wo er mit seinen Fuffzig selber noch aussieht wie – nun ja… – 40.

Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten (1)

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Seit drei Wochen quäle ich mich inzwischen durch den heftig diskutierten Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Zugegeben, so richtig aufmerksam auf diese fiktive Biographie eines reuelosen SS-Offiziers bin ich erst durch die radikalen Verrisse geworden, die das Buch hierzulande bekommen hatte – und die so sehr im Gegensatz stehen zu den Lobeshymnen, die man in Frankreich auf Littells Buch gesungen hat. Quälen ist übrigens das richtige Wort und dennoch bereue ich bis jetzt keine einzige Seite (bin etwa auf Seite 800, also habe noch gut 600 Seiten vor mir). Mal ekelt mich das, was da geschildert wird, mal wundere ich mich über mich selbst, weil ich für diesen Offizier in wenigen Passagen sogar so etwas ähnliches wie Sympathie empfinde. Soviel kann ich jetzt schon mal sagen: dieses Buch als Gewaltpornographie abzutun, scheint mir verkehrt und unsachlich. „Die Wohlgesinnten“ fordern mich, mehr als mir lieb ist (rund um Ostern könnte man auch erbaulicheres oder leichteres lesen) – sie lassen mich aber auch nicht los. Fortsetzung folgt.