Hoffnung trotz Armut und Elend

Misereor Hungertuch 2011

Wer dieser Tage in eine katholische Kirche tritt, wundert sich vielleicht: das Kreuz ist nicht zu sehen wie sonst – ein kunterbuntes Tuch verdeckt es. Das ist das sogenannte Hungertuch. In vielen Gemeinden ist es ein guter Brauch, so ein Tuch in der Fastenzeit aufzuhängen. In dieser Besinnungs- und Bußzeit bis Ostern sind die Gottesdienstbesucher eingeladen, durch dieses knallbunte, detailreiche Bild eine neue, frische Sicht auf ihren Glauben und die Welt zu gewinnen.

Dahinter steckt das katholische Hilfswerk Misereor, das Menschen aller Kulturen, Hautfarben und Religionen in Afrika, Asien und Lateinamerika unterstützt. Die Hungertücher werden von Künstlern aus diesen Regionen der Welt gestaltet. Das diesjährige Tuch ist eine riesige Collage des togolesischen Künstlers Sokey A. Edorth.

Aus afrikanischer Erde, Wellpappe, Kohle und Acryl hat er es gefertigt. Das Bild zeigt vieles, was einem in den Sinn kommt, wenn man von Deutschland aus auf die Südhalbkugel der Welt schaut: Müll, Slums, Öltanks, Flüchtlinge, Hungernde, Armut. Ja, Edorth will die unmenschlichen Bedingungen verdeutlichen, unter denen die Menschen in den Entwicklungsländern leben. Aber – er will nicht nur das Elend zeigen, sondern auch die Hoffnung, die über allem steht. Über all dem „weltlichen“ Chaos, dem Leid und dem Elend sieht man auch einen hellen Lichtkegel: eine Taube, die den Geist Gott symbolisiert. Das Licht scheint auf Menschen, die anderen Menschen helfen, sie pflegen, sich um sie kümmern. Auf Mitmenschen, die versuchen, die Ungerechtigkeit und Armut auf der Welt zu lindern. Die nicht wegschauen, sich damit abfinden, dass das alles weit weg ist. Denen „die da unten“ nicht egal sind.

Mich beeindruckt das Misereor-Hungertuch in diesem Jahr sehr. Es verdeutlicht, wie dringend andere Menschen meine Hilfe brauchen. Dass es verantwortungslos wäre, sich nicht für sie zu interessieren, sie zu ignorieren. Das Misereor-Hungertuch stört und berührt – und es lädt den Betrachter dazu ein, etwas vom Licht Gottes in die dunklen Ecken der Welt zu bringen.

Hinweis: Diesen Text habe ich für das Ressort „Gesellschaft und Religion“ der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er gestern in der Kolumnen-Reihe „Gedanken zum Wochenende“ erschienen ist. Das Bild des Hungertuchs stammt aus den Misereor-Pressematerialien zum Thema.

Die Einheits-Nacht mit zwölfeinhalb

Es war der Abend des 2. Oktobers 1990. Damals war ich zwölf Jahre alt. Genauer: zwölfeinhalb, solche Details sind ja in dem Alter enorm wichtig. In meiner Heimatstadt Werdau lag Silvesterstimmung in der Luft. Es waren Böller zu hören, in den Kneipen wurde gefeiert. Alle warteten darauf, dass es endlich Mitternacht wird.

Ich durfte natürlich bis Mitternacht wach bleiben, und ich sah im Fernsehen die Bilder aus Berlin: Menschen, die sich – vor Freude weinend – in den Armen lagen, ein gigantisches Feuerwerk am Brandenburger Tor, die Politiker, wie sie alle sichtlich bewegt die Hymne sangen – die Nacht der Deutschen Einheit! Auch meine Eltern vorm Fernseher waren gerührt.

Ein Jahr zuvor hatte mich mein Vater mitgenommen zu einem dieser Friedensgebete mit anschließender Demonstration. Ich war zu jung, um ganz genau zu verstehen, worum es da ging. Was ich aber mit meinen elfeinhalb Jahren schon kapierte: das hier war wichtig. Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, freie Wahlen – das waren keine leeren Begriffe, sondern schienen für die Großen ganz wichtige Dinge zu sein, die sie endlich wollten: für sich, für ihre Nachbarn, für alle Menschen in der DDR.

Welch spannendes Jahr folgte dann: plötzlich hatten wir samstags keine Schule mehr – eine Riesensache für einen Sechstklässler! Plötzlich gab es aber auch auf einmal die Note 6, und in der Kaufhalle stand jetzt Coca Cola im Regal. Die Erwachsenen beschäftigen ganz andere Dinge: die ersten freien Wahlen kamen – genau wie erste Sorgen um den Arbeitsplatz, die ersten unabhängigen Zeitungen, alles schien sich zu verändern, alles war im Umbruch.

Dann kamen der 3. Oktober 1990 und die Einheit. Bis heute sind meine Eltern voller Dankbarkeit, wenn sie sich an all das erinnern. Auch ich bin dankbar für dieses große Glück, diese wunderbare Fügung – Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und freie Wahlen sind für mich, als inzwischen Zweiunddreißigeinhalbjährigen, Normalität und Alltag. Den Menschen, die damals auf die Straßen gegangen sind – und Gott – sei Dank.

Hinweis: Diesen Text habe ich für das Ressort „Religion und Gesellschaft“ der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er heute in der Kolumnen-Reihe „Gedanken zum Wochenende“ erschienen ist.