Unterwegs im Heiligen Land (2): Das fünfte Evangelium. Auf den zweiten Blick. Alle suchen Gott.

Das fünfte Evangelium

Ich hielt das zu Beginn unserer Fahrt für einen für meinen Geschmack etwas zu frommen Spruch: „Das Heilige Land ist das fünfte Evangelium.“ Immer und immer wieder hörte ich diesen Satz. Damit ist gemeint, dass das, was in den vier Evangelien des Neuen Testaments steht, erst hier, „vor Ort“ also, so richtig plastisch, anschaulich und lebendig wird.
Doch schon nach wenigen Tagen ist mir klar: das ist kein frommer Spruch, das stimmt. Sei es das Gehen auf der Via Dolorosa, auf der Jesus sein Kreuz zu seiner eigenen Hinrichtung schleppen musste, oder aber der Berg der Seligpreisungen im hohen Norden des Landes, auf dem Jesus seinen Zuhörern seine Sicht der Dinge in der berühmten „Bergpredigt“ darlegte; ob Ölberg, Gethsemane, Betesda – auf einmal wird das, was man Sonntag für Sonntag in der Kirche gehört hat, konkret. Ja, das hier ist das fünfte Testament.

Auf den zweiten Blick

Von Streitereien zwischen den unterschiedlichen Religionen bekommt man als pilgernder christlicher Tourist aus Mitteleuropa in Israel nicht besonders viel mit. Zu gesichert sind die Orte, zu denen man uns bringt, die Menschen, denen wir begegnen, sind – ganz gleich, woran sie glauben – freundlich, aufgeschlossen und interessiert an uns. Oder aber wenigstens an unserem Geld. Wie zum Beispiel die vielen Händler rund um die Heiligtümer der einzelnen Religionen.
So auch an der Verkündigungsbasilika in Nazareth – ein prächtiger, ziemlich junger christlicher Bau, hier soll der Erzengel Gabriel Maria erschienen sein. Christliche Touristen aus aller Herren Länder kommen hierher. Draußen, vor der Kirche, die Händler. Sie verticken Rosenkränze, Priestergewänder, Gewürze und Getränke, sie sind freundlich und geschäftig. Viele von ihnen sind muslimische Araber. Alles gut, denke ich – warum sollen sie nicht von den Touris profitieren? Man muss ja dort kein Geld loswerden, aber wer es mag… Ist ja auch eine Art von interreligiösem Dialog, witzele ich zu meinen Mitreisenden.
Doch dann kommen wir ans Ende der Einkaufsstraße, und schauen noch mal hoch zur Basilika. Da fällt uns ein großes Plakat auf, geschrieben in Arabisch und Englisch. Und es sagt den hoch zum christlichen Heiligtum pilgernden Menschen unmissverständlich: „Wer auch immer einer anderen Religion nachfolgt als dem Islam, der wird niemals von ihm (Gott) akzeptiert und wird im Jenseits einer der Verlierer sein.“ Die Zwietracht und scheinbare Unversöhnlichkeit der Religionen in dieser Ecke der Welt ist nicht auf den ersten Blick auszumachen. Auf den zweiten dafür aber bisweilen umso heftiger und deutlicher.

Alle suchen Gott

Wer in Jerusalem vom Jaffator zur West- oder Klagemauer spaziert, sieht sie alle: die orthodoxen Juden mit ihren Hüten und den Zöpfchen, verschleierte Muslime, Christen aller Konfessionen, in Trachten und Gewändern, die man noch nie gesehen hat. Patriarchen, Pilger, Priester, Ordensleute, Rabbiner, Imane – Menschen, die in dieser Stadt nicht weniger wollen, als ihrem Glauben nachzuspüren. Hier ist Gott keine Randerscheinung wie in meiner Heimat. Hier scheint sich alles über Religion zu definieren. Drei Weltreligionen, für die diese Stadt das Zentrum, die Hauptstadt, ein heiliger Ort ist. Das nicht für möglich Gehaltene tritt bei mir ein: in all diesem Trubel, zwischen Fremdem und Vertrautem, bekomme ich das Gefühl, irgendwas in mir habe „Klick“ gemacht, scheine ich meinem Gott näher zu sein als anderswo. Ich schaue in die Augen der Fremden, die mir begegnen und ahne, dass es vielen von ihnen ganz ähnlich geht. Wenn sie das mit ähnlicher Freude erfüllt wie mich, wenn diese Stadt in allen ihren Besuchern so etwas Gutes, Wohliges auslöst wie in mir – wie um alles in der Welt kann man sich dann so erbittert und gnadenlos um sie streiten und bekriegen?

Unterwegs im Heiligen Land (1): Am See Genezareth. Es geht ums Wasser. In fremden Heiligtümern.

Es sind die kleinen Begegnungen und Momente, die eine Reise zu etwas Besonderem machen. Mein zehntägiger Trip durch Israel und Palästina kurz vor Ostern war derartig voll von solchen Momenten, dass es mir schwer fällt, meine Gedanken zu sortieren. Aber bevor mich der Alltag wieder fest im Griff hat und mir dann Zeit und Muße fehlen, das niederzuschreiben, was mich im Heiligen Land fasziniert und bewegt hat, möchte ich hier über die Kar- und Ostertage ein paar ungeordnete Notizen und Fotos ablegen und konservieren.

Am See Genezareth

Kommt man an den See Genezareth, ist man erstmal sprachlos. Rund um den See wimmelt es von exotischen Pflanzen, putzigen Tieren und frischem Leben, das Gewässer selbst wirkt erhaben und mächtig. Kein Wunder, dass hier seit Tausenden von Jahren Menschen leben, wohnen und arbeiten. Wie eben auch Jesus, oder die Fischer, die er zu seinen Jüngern machte.
Der erste Eindruck vom See Genezareth: das ist das Paradies. Doch es dauert nur wenige Stunden, bis man auch die andere Seite dieser Landschaft kennenlernt. Aus einem lauen Lüftchen wird ein ausgewachsener Sturm, das Wasser wirkt nicht mehr erhaben, sondern rau und unberechenbar. Und plötzlich kapiert man die eine oder andere Stelle in der Bibel, plötzlich sieht man sie beinahe vor sich, die in Seenot geratenden Fischer, die dem See und seiner Naturgewalt ausgesetzt sind.

Es geht ums Wasser

Banyas waterfall

„Wasser. Es dreht sich fast alles ums Wasser.“ Von allen Versuchen, mir die verfahrene politische Situation zwischen Israel, seinen Nachbarländern und den Palästinensern erklären zu lassen, war der unseres israelischen Tourguides der pragmatischste. Israel sei angewiesen auf die spärlichen Wasserquellen im Norden wie den See Genezareth und die Golan-Höhen, um das ganze Land mit Wasser zu versorgen. Ein Kanal, der Trinkwasser aus dem See Genezareth bis in die Wüsten des Südens transportiert, wird von Polizei und Militär bewacht wie ein Hochsicherheitstrakt – zu groß ist die Angst vor Anschlägen und Sabotage. Wer den Dauer-Konflikt in der Region verstehen will, dürfe den Aspekt Wasserversorgung keinesfalls außer Acht lassen. Klingt soweit nachvollziehbar.
Kommt man dann aber nach Palästina, dann erfährt man auf dieser „anderen Seite“, dass Israel systematisch versucht, die natürlichen Wasservorräte der West Bank zu kontrollieren. Die Checkpoints der Israelis verlaufen so entlang von Seen und Teichen, dass die Palästinenser keinen oder nur erschwerten Zugang zu diesem Wasser haben. Als wäre Wasser nicht auch für Palästina essentiell, als hätte Israel ein alleiniges Anrecht auf diese lebensnotwendige Ressource.

In fremden Heiligtümern

Jerusalem, Westmauer (aka Klagemauer)

So müssen sich meine Freunde fühlen, wenn ich sie in einen katholischen Sonntagsgottesdienst in einer deutschen Kirche schleifen würde. Ich stehe an der Westmauer in Jerusalem (in Deutschland sagt man oft Klagemauer zu ihr) und beobachte die frommen Juden bei ihren Gebeten.
Ich habe keine Ahnung, was die da tun. Weiß nicht, wie die Rituale funktionieren oder was sie zu bedeuten haben. Ich sehe orthodoxe Juden und liberale, Menschen aus Israel und aller Herren Länder. Das hier ist ein heiliger Ort für Sie. Zielstrebig gehen sie zu den Bücherregalen in den Räumen, die als Synagoge genutzt werden, greifen sich ihre Schriften und… ja, klagen und beten dann an dieser weltberühmten Mauer.
Jeden meiner Schritte überlege ich mir ganz genau. Sie lassen mich ungehindert zu sich, an die Mauer, in die Synagoge. Sie lassen zu, dass ich ihnen zuschaue bei ihrem Gebet. Sie beachten mich gar nicht, aber dennoch fühle ich mich in diesem mir fremden Heiligtum willkommen. Wir Christen sprechen bei den Juden gerne von unseren „älteren Brüdern und Schwestern“ im Glauben. Das sagt sich so leicht. Hier bekomme ich erst mal mit, wie wenig ich über meine älteren Geschwister weiß. Aber ich spüre, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist – Ehrfurcht gebietend wichtig.