Alles, nur kein blinder Gehorsam

Der streitbare Leipziger Schriftsteller Steffen Mohr wird 75*

Fragt man Steffen Mohr, welche Berufsbezeichnung er für sich am zutreffendsten findet, muss er nicht lange über die Antwort nachdenken: „Lebenskünstler, ganz klar. Ich hab sogar Visitenkarten, auf denen das draufsteht: Steffen Mohr, Lebenskünstler. Letztlich ist es genau das.” Genau das – und doch so viel mehr. Der Leipziger könnte seine Visitenkarte auch guten Gewissens mit Berufen wie Schriftsteller, Liedermacher, Krimiautor, Feuilletonist oder Radio- und Fernsehmacher dekorieren. In diesem Sommer feiert er seinen 75. Geburtstag. Eine gute Gelegenheit, um Rückschau zu halten auf ein bewegtes Leben und ein bewegendes Lebenswerk.

Bei Erdbeerkuchen, Tee und Ibuprofen geht es in der Küche seiner Lößniger Wohnung auf einen Parforceritt durch die Jahrzehnte. Eine fiese Erkältung hat er sich eingefangen; auf die geliebten Zigaretten mag er dennoch nicht verzichten – sie gehören zum liebenswürdig-kauzigen Gesamtkunstwerk Mohr genauso dazu wie die Wandergitarre und die prallen Mappen voller Lied- und Textmanuskripte, meist abgefasst in seiner markanten, stolzen, präzisen, unnachahmlichen Handschrift.

Auf der Bühne, bei seinen Lesungen, Kabarett- oder Liederprogrammen, fühlt sich Steffen Mohr wohl wie ein Fisch im Wasser: wild gestikulierend, pointiert vortragend, mit einer tiefen, kräftigen, nuancenreichen Stimme. Er zetert, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten anzuprangern. Er singt von der Liebe und schwärmt von den Frauen wie ein Maler, der nur in den prächtigsten Farben zeichnet. Er schwitzt, gibt alles, ist euphorisch, spuckt schon mal Gift und Galle. So sorgt er dafür, dass er seinem Publikum dauerhaft in Erinnerung bleibt: Den Schülern, die er spielerisch an Literatur heranführt, indem er mit ihnen hanebüchene Geschichten erfindet. Den Zugereisten, die ungläubig staunen über das, was dieser Freigeist in DDR-Zeiten verzapft, sich getraut und ertragen hat. Den Psychatriepatienten, die mit ihm im Rahmen ihrer Therapie Rätselkrimis lösen. Den Frommen, die schon mal Schnappatmung bekommen, wenn er sich die Amtskirche vorknöpft. Den Gleichaltrigen und Weggefährten, die spüren, dass da einer weiß, wovon er spricht. Den Mitläufern und Großkopferten, denen er mit seiner unverblümten Art gerne mal auf die Schlipse tritt.

Kaum zu glauben, dass so ein „Hans-Dampf-in-allen-Kunstgassen” ursprünglich mal katholischer Priester werden wollte. „Doch, doch”, insistiert er, „ich war fest verbunden mit meinem Jesus und bin es immer noch! Die Dominikaner, allen voran der in Leipzig wirkende Pater Gordian, beeindruckten mich als Jugendlichen zutiefst.” Er wollte so werden wie Gordian – ein Predigermönch, wortgewaltig und voller Empathie, angstfrei das Evangelium verkündend, gerade in Zeiten des Kommunismus. „Ich dachte, ich würde der Bertolt Brecht Gottes!” Also besuchte er 1960 nach dem Abitur einen Vorbereitungskurs für das Theologische Seminar. Hier galt er jedoch schnell als Störenfried; die kritischen Nachfragen des hoch politisierten Jugendlichen waren unerwünscht. Schließlich sagte es ihm ein Lehrer klipp und klar ins Gesicht: Steffen, aus Dir wird im Leben kein Priester, Dir fehlt der Gehorsam.

Heute, beim Erinnern am Küchentisch, schmunzelt er darüber – damals stürzte ihn das Urteil des Lehrers in eine Sinnkrise. Und nun? War er quasi zu christlich für den Sozialismus und zu sozialistisch für die Kirche? Er konnte doch nicht anders, als alles zu hinterfragen, zu protestieren, wo er ihm nötig erschien. Vorgefertigte Antworten ungefragt zu übernehmen, war ihm ein Graus. „Der hatte ja völlig Recht damals. Ich und Gehorsam? Das hätte niemals funktioniert.”

Stattdessen schlug Steffen Mohr den einzigen anderen Weg ein, den er sich für sich vorstellen konnte. Er wurde Künstler, erarbeitete sich Diplome als Theaterwissenschaftler und Schriftsteller. Der „Widerstandsgeist” (O-Ton Mohr) fand seine berufliche Heimat in der DDR im Schauspiel, in Literatur und Musik. Was ihm freilich trotzdem regelmäßig Ärger bescherte – gelegentlich mit der Polizei, häufig mit der Stasi. Das Genre des Kriminalromans war und ist Mohr immer besonders nah. Doch auch durch Lieder oder als Regisseur von Theaterstücken übte er immer wieder subtile Systemkritik, blieb er als Erwachsener ein politischer und frommer Stürmer und Dränger.

Es sind diese vermeintlichen Widersprüche, die Steffen Mohr ausmachen: Der tiefgläubige Mann, der sein Leben nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Ex-Frauen sortiert. Der Einzelkämpfer auf der Bühne, der gleichzeitig Vater von sieben Kindern ist. Der Vollblut-Künstler, der seinen Beruf als Handwerk versteht. „Ich bin doch kein Dichter oder gar Lyriker im klassischen Sinne, sondern bediene mich halt der Werkzeuge, die mir mein Beruf so bietet.” So passt es ins Gesamtbild, dass dieser Nonkonformist schon mal zum Vereinsmeier wird, wenn es nur der richtigen Sache dient. Als Gründungsmitglied und Vorsitzender der „Freien Literaturgesellschaft Leipzig” organisiert er unter anderem alljährlich den „Sächsischen Literaturfrühling”. „Im Verein muss ich zwischen dreißig Schriftsteller-Egos und unterschiedlichsten Weltsichten vermitteln. Das fordert mich. Weil Diplomatie nun nicht gerade meine Kernkompetenz ist”, grinst er und zündet sich eine weitere Zigarette an.

Nach Aufhören ist dem demnächst 75-jährigen noch nicht zumute. Zum einen hält ihn das Kind seiner Ziehtochter, sein Quasi-Enkelchen, auf Trab: „Ich liebe es über alles!” Zum anderen sind da die Ideen für mindestens zwei weitere große (Kriminal-)Romane, in denen er einige düstere Kapitel seines eigenen Lebens verarbeiten möchte. „Ich hoffe und bete, dass mir dafür noch genug Zeit und Kraft bleiben.” Auch geht es natürlich weiter mit den Lesungen, Konzerten, Rätselkrimis und Kinderbüchern. Steffen Mohr kann gar nicht anders, als die Bühnen, die sich dem gestandenen Lebenskünstler bieten, zu bespielen – und sie auszufüllen.

* – Hinweis:
Dieses Porträt habe ich aus Anlass des 75. Geburtstags von Steffen Mohr in diesem Sommer für „angezettelt – Das Informationsblatt des Sächsischen Literaturrates“ geschrieben. Erschienen ist es Ende April im Heft 2/2017, das das Schwerpunktthema „Christentum und Literatur“ hatte.

Neu im Netz: Der R.SA-Hinhörkanal

Ein Webstream mit handverlesener, ruhiger Popmusik und stündlich bis zu vier Beiträgen, Gedankenanstößen, Hintergrundberichten aus den Bereichen Kirche und Gesellschaft – vom „Gedanken zum Tag“ bis hin zu aktuellen Interviews und Erklärstücken: das ist das neuste Projekt aus der RADIO PSR/R.SA-Kirchenredaktion und trägt den Titel Der R.SA-Hinhörkanal – Radio zum Auftanken.

Interessant hierbei ist, dass in diesem Fall der Sender auf uns zugekommen ist und gefragt hat, ob wir uns vorstellen könnten, so ein Zusatzangebot mitzugestalten, für das die Programmstrategen derzeit einen echten Bedarf beim Publikum sehen: eine Art „Mehrwert“-Programm mit erkennbarem christlichen Profil, aber offen für alle Leute, die gerne dazulernen, nachdenken, diskutieren und gute Popmusik zu schätzen wissen (von Leonard Cohen bis Reinhard Mey), ganz unabhängig von ihrer Weltanschauung oder Konfession. Können wir natürlich und so ist der Stream nun seit einigen Tagen auf Sendung, derzeit empfangbar über die Website des Senders und die R.SA-Handy-Apps.

Kranksein und Heil-Werden – in biblischen Zeiten und heute

Schon ein paar Wochen her, dass diese Serie bei RADIO PSR on air war, da sie aber dauerhaft online abrufbar ist, möchte ich hier gerne auf sie hinweisen: in der Fastenzeit 2017 haben wir uns in einer sechsteiligen Reihe mit dem Titel „Heile, heile, Segen“ den Themen Krankheit, Gesundheit und Heil gewidmet.

Wieso erzählt die Bibel davon, wie Jesus Aussätzige, Frauen und Schwache heilt? Was bedeutet es überhaupt, „gesund“ zu sein? Was kann die moderne Medizin von uralten Heilsgeschichten lernen? Und macht mich Wasser aus dem Marienwallfahrtsort Lourdes tatsächlich gesund?

Die RADIO PSR-Kirchenredakteure Friederike Ursprung und Daniel Heinze berichten in der Reihe „Heile, heile, Segen“ von Heilserzählungen und -erfahrungen aus der Bibel, aber auch vom heutigen „ganzheitlichen“ Blick auf den Patienten als Mensch.

Die Gesprächspartner: Dr. Bettina Relke, Fachärztin für Innere Medizin und Hausärztin mit Schwerpunkt Diabetes in Leipzig, und Dominikanerpater Philipp König OP – er macht als Kaplan in der Leipziger Propsteigemeinde auf ganz andere Art Erfahrung mit Menschen, die „Heil“ suchen.

Hier geht’s zu Seite mit der kompletten Serie zum Nachhören.

Erinnern, gedenken und … feiern? (Ökumenische Notizen 3/3)

Zum Schluss ein paar Gedanken zum Stand der Ökumene heute, im Reformations-Gedenkjahr 2017.

„Der ökumenische Dialog kann heute nicht mehr von der Realität und dem Leben unserer Kirchen getrennt werden. Im Jahr 2017 gedenken lutherische und katholische Christen gemeinsam des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation. Aus diesem Anlass werden Lutheraner und Katholiken zum ersten Mal die Möglichkeit haben, weltweit ein und dasselbe ökumenische Gedenken zu halten, nicht in Form einer triumphalistischen Feier, sondern als Bekenntnis unseres gemeinsamen Glaubens an den Dreieinen Gott.“

Diese Sätze stammen von Papst Franziskus, er sprach sie im Mai 2016, als er in Rom von einer Delegation mit Christen der evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland besucht wurde. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: das Oberhaupt der katholischen Kirche spricht sich aus für ein gemeinsames Gedenken und ein gemeinsames Glaubensbekenntnis zum Reformationsjubiläum. Was wohl meine liebe Oma dazu sagen würde? Vielleicht würde sie dem Papst durch den Fernseher zurufen wollen: „Junge, bleib katholisch!

Das Wort „gedenken“ ist der Schlüssel. Als Katholik fällt es mir ganz ehrlich schwer, 500 Jahre Reformation zu „feiern“; schließt dies doch auch 500 Jahre Trennung, Ungerechtigkeit, gegenseitige Verletzungen mit ein. Selbstverständlich bin ich froh über die vielen Annäherungen der letzten Zeit. Denn auch das beobachte ich: noch nie waren sich Katholiken und Protestanten nach der Reformation theologisch, menschlich, spirituell wieder näher als in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Klar, wir sind noch lange nicht am Ziel, aber vielfach auf einem guten Weg. Der Reformation zu gedenken, mich an den großen Theologen Martin Luther zu erinnern, fällt mir als Katholik nicht schwer. Im Gegenteil, ich halte dieses Gedenken für wichtig und sinnvoll, genau wie das gemeinsame Glaubensbekenntnis.

Am Schluss dieser ungeordneten Gedanken soll der Satz eines Protestanten stehen. Ausgesprochen Ende August 2016 in der katholischen Kathedrale von Dresden-Meißen, der Hofkirche in Dresden. Es war bei der Einführung des neuen katholischen Bischofs. Natürlich war auch sein evangelischer Amtskollege, der sächsische Landesbischof, zugegen. Seine Grußworte klingen in mir nach bringen für mich auf den Punkt, warum mich als Katholiken das Reformationsjubiläum etwas angeht:

„Wir wollen als evangelische Christenheit das Reformationsgedenken mit Ihnen, den Katholiken, gemeinsam feiern – als ein Fest, das uns Christus näher bringt und das Christus ins Zentrum rückt. Unsere Einheit sind wir, der Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses wegen, allen Menschen gegenüber schuldig.

Ebenfalls erschienen:
Teil 1 – „Junge, bleib katholisch!“
Teil 2 – Gemeinsam und doch getrennt
Diese Texte erschienen ursprünglich in leicht geänderter Fassung als Audiobeitrag für den Hör-Adventskalender 2016 des Katholischen Blindenwerks Ost, an dem ich mich seit mehreren Jahren beteilige.

Gemeinsam und doch getrennt (Ökumenische Notizen 2/3)

Eine weitere persönliche Erinnerung zum Thema Ökumene.

Ich war inzwischen einige Jahre älter und besuchte als Jugendlicher hin und wieder das Christliche Friedensseminar in Königswalde bei Zwickau. Seit den siebziger Jahren waren diese regelmäßigen Treffen in der westsächsischen Pampa wichtige Mosaiksteine in der DDR-Opposition, es ging um Gewaltfreiheit, Umweltschutz, Bewahrung der Schöpfung. Auch nach der Wiedervereinigung machte das Friedensseminar weiter, es existiert Gott sei Dank bis heute. Zu den offenen Treffen mit Vorträgen und Diskussionen und Musik kamen viele Aktivisten aus den evangelisch-lutherischen Gemeinden, aber auch Methodisten, Katholiken, Nichtchristen.

Ich habe diese Wochenenden Mitte, Ende der Neunziger als große persönliche Bereicherung im Gedächtnis. Jedoch auch mit einem schmerzhaften Moment: der gemeinsamen Gottesdienstfeier. In Königswalde suchte man nach einer ganz eigenen Art, sowas wie Abendmahlsgemeinschaft herzustellen – der evangelische Pfarrer und der katholische beteten nacheinander das Hochgebet, vor separatem Wein und separatem Brot. Beim Moment des Abendmahls bekamen dann die anwesenden Katholiken den – flapsig ausgedrückt – „katholischen“ Leib Christi, und die Protestanten eben den „evangelischen“.

Keine Ahnung, wie kirchenrechtlich „sauber“ diese gemeinsame Gottesdienstfeier war – ich empfand sie als beklemmend. Mir war durchaus klar, dass das der Versuch war, „alle unter ein Dach“ zu bekommen. Eine gemeinsame Feier. Und eben an den Stellen, wo wir offiziell nicht gemeinsam feiern dürfen, nach Konfessionen aufzuteilen. Doch selten wurde mir klarer, wie schlimm, schmerzhaft, tragisch es ist, dass wir Christen nicht eins sind und, obwohl so viel gemeinsam machbar ist, wir bis heute nicht gemeinsam Abendmahl halten dürfen.

Gleichzeitig waren es Momente wie dieser, die mich zu einem begeisterten „Ökumeniker“ haben werden lassen. So sehr ich meine Heimat, die katholische Kirche, schätze und achte, so wichtig ist mir aber eben auch das Miteinander-Christsein mit „den anderen“ geworden. Ökumene verstehe ich nicht als Option oder als notwendiges Übel, sie ist ein klarer Auftrag: „Alle sollen eins sein!”

Bisher erschienen: Teil 1 – „Junge, bleib katholisch!“
Morgen mach ich mir schließlich ein paar Gedanken zur Zukunft bzw. zum Ist-Stand der Ökumene.

„Junge, bleib katholisch!“ (Ökumenische Notizen, 1/3)

“Was hältst Du als Katholik eigentlich davon, dass gerade alle 500 Jahre Reformation feiern?” Diese Frage wurde mir in letzter Zeit tatsächlich häufiger gestellt. Ein guter Grund, ein paar Gedanken und Erinnerungen rund um die Themen Ökumene und Reformation aufzuschreiben, die mir da so als mögliche Antworten durch den Kopf geistern …

Meine Oma, Jahrgang 1911, erzählte immer gern von ihrer Jugendzeit. Damals, berichtet sie einmal, galt es für Katholiken als echte Sünde, eine evangelische Kirche auch nur zu betreten! So etwas ging gar nicht, das musste man beim Herrn Pfarrer beichten gehen. Als meine Oma, inzwischen hochbetagt, weit über 80 Jahre alt, mitbekam, dass ich als katholischer Teenager im Hause des evangelischen Superintendenten ein- und ausging und gelegentlich sogar mit der Familie des Pastors zu Abend aß, da war sie außer sich. Ihr sorgenvolles „Junge, bleib katholisch!“ klingt mir bis heute in den Ohren.

Dabei waren die Kinder des Superintendenten doch auf dem gleichen Gymnasium wie ich, wir waren befreundet, machten zusammen Musik und stampften im Nachwende-Trubel sogar gemeinsam einen selbstverwalteten Jugendclub aus dem Boden – katholische und evangelische und konfessionslose Jugendliche gemeinsam, weil sonst nichts los war in unserer westsächsischen Kleinstadt. Irgendwann fand sich ein Träger für diesen Jugendclub: ausgerechnet die Johanniter, also ein evangelischer Wohlfahrtsverband.

Von all dem wusste meine liebe Oma natürlich nichts, sie war einfach nur verwundert darüber, wieso ich im Hause des evangelischen Pfarrers ein- und ausging und als katholischer Bengel dort offenbar auch noch sehr willkommen war. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass sich die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten geöffnet hatte, aber sonderlich gekümmert hat sie das nicht. Sie war eben geprägt durch ihre Jugendjahre; wie auch das Gesangbuch in der Kirche für sie bis zuletzt „Laudate“ hieß und nicht „Gotteslob“.

Ich schreibe das nicht auf, um mich über meine Großmutter lustig zu machen. Gewiss, als Teenager fand ich ihre Ansichten unglaublich altmodisch und eingestaubt. Aber hey, es war ja auch meine Oma. Heute, mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod, erinnere ich mich an eine tiefgläubige Christin, liebevoll, hilfsbereit, durch und durch „katholisch“ – als Vertriebene nach dem Krieg aus Schlesien über Prag nach Sachsen gekommen. Ökumene war ihr Thema nicht, doch war sie tief verwurzelt in ihrer Kirchgemeinde, war “halt ganz normal katholisch“.

Und auch für mich als Teenager war „Ökumene“ kein bewusstes Thema. In den fünf Jahren Schule, die ich in der DDR-Zeit bis zur Friedlichen Revolution mitbekommen hatte, hatte ich gelernt, dass alle Christen in der Schule als Außenseiter galten, ganz egal, ob katholisch oder evangelisch. Das schweisste uns irgendwie zusammen, unabhängig von der Konfession.

Und nach der „Wende“? Wenn es im eigenen Nest plötzlich kein Kino mehr gibt und man als gelangweilter Teenager eben einen Jugendclub aufbauen will, freut man sich über gleichgesinnte Mitstreiter und guckt doch nicht auf den Taufschein. Aus Mitstreitern wurden Freunde; so war Ökumene eben etwas vollkommen Selbstverständliches. Herrje, selbst unser katholischer Pfarrer und sein evangelischer Kollege, besagter Superintendent, verstanden sich prächtig, warum dann nicht auch wir Kids aus beiden Gemeinden? Ich bin zutiefst dankbar, diese Erfahrungen als Kind gemacht zu haben und so auf ganz praktische Weise zu verstehen, dass uns über Konfessionsgrenzen hinweg mehr verbindet als trennt.

Morgen im zweiten Teil: Erinnerungen an das Königswalder Friedensseminar.

Besuch vom Fernsehen

Das Fernsehen war zu Gast bei uns im Radio: das Magazin „Evangelisch in Sachsen“ (läuft auf einigen sächsischen Lokalfernsehsendern) hat über konfessionellen Journalismus im Freistaat berichtet und dafür meine Kollegin Friederike Ursprung interviewt. Ich durfte auch mal kurz mit ins Bild, für eine Sprechrolle hat’s jedoch nicht gereicht. 🙂 Hier die Sendung, ab ca. 10 Minuten und 30 Sekunden hat Friederike ihren großen Auftritt:

Berichtsband zum Leipziger Katholikentag erschienen

Vor einigen Wochen ist er erschienen, der ZiegelsteinBerichtsband zum 100. Deutschen Katholikentag 2016 in Leipzig. Auf über 600 Seiten wurde das Großereignis für die Nachwelt dokumentiert: Foren, Podien, Debatten, Gottesdienste, Ausstellungen, Konzerte …
Ich habe im Vorfeld des Katholikentages im Arbeitskreis Kultur mitgearbeitet und durfte gemeinsam mit Guido Erbrich nach den tollen Tagen Ende Mai für diese Dokumentation einen Rückblick auf „unser“ Kulturprogramm verfassen. Falls jemand den Berichtsband sein Eigen nennt: los geht’s auf Seite 585.

Suche Frieden!

LVZ Kolumne DH Oktober 2016

„Seht, da ist der Mensch“. Das war das Motto des Katholikentages Ende Mai in Leipzig. Nach dem Katholikentag ist vor dem Katholikentag – im Frühjahr 2018 steigt das nächste Großtreffen dieser Art, dann in Münster. Seit ein paar Wochen steht fest, welches Leitwort dieser Katholikentag haben wird: „Suche Frieden!“ Das Motto stammt aus dem Psalm 34: „Suche Frieden und jage ihm nach“, heißt es da. Diese Psalmen im Alten Testament waren damals ja Gassenhauer, weithin bekannte und gebräuchliche Lieder der Klage, der Bitte oder des Dankes. Der Psalm 34 gehört dabei zu den Dankliedern.

Obendrein hält er gute Tipps bereit, wie das mit dem Frieden „im Himmel und auf Erden“ funktionieren könnte. Aber bereits die Form dieses Psalms ist spannend, er ist ein Akrostichon. Das heißt, seine Verse sind in alphabetischer Reihenfolge verfasst; also für jeden hebräischen Buchstaben genau eine Zeile. Das an sich ist ja bereits ein schönes Bild: ein „ganzheitliches“ Danklied auf den Herrn, aber so richtig! Quasi 360 Grad, von A bis Z, von Anfang bis Ende. Mittendrin steht dann eben diese Aufforderung an die Menschen: „Meide das Böse, tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“ — „Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen“, fragt Gott in dem Lied die Menschen. Um dann gleich die Bedienungsanleitung hinterher zu schicken: „Bewahre Deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor betrügerischer Rede“.

Ja, klar, natürlich: wenn ein alter jüdischer Liedermacher solche Worte dem lieben Gott in den Mund legt, dann klingt das alles wahnsinnig einfach. Dabei ist es eine Lebensaufgabe, die ich immer wieder neu anpacken muss! Nicht Rumlästern oder Verleumden, sondern ständig prüfen: tue ich das Richtige? Nützt das, was ich mache, auch anderen, schafft es Frieden? Die Mühe, den Frieden zu suchen, mag groß sein – der Dank und die Liebe Gottes für meine Mühen sind es aber auch.

„Suche Frieden“ – ich freue mich, dass uns diese knappe, aber wichtige Formel bis zum Katholikentag 2018 in Münster begleiten wird. Denn sie liefert garantiert auch schon gute Impulse für das ökumenische Miteinander im kommenden Jahr: bei Reformationsgedenken und „Kirchentag auf dem Weg“ 2017.

Hinweis:
Diesen Text habe ich für die “Leipziger Volkszeitung” geschrieben, in der er am 15. Oktober 2016 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

Kirchenredaktion mit frischem Internetauftritt

Neuer Auftritt RPSR Kirchenredaktion Dezember 2016

Alles neu macht bei RADIO PSR der Dezember: seit einigen Tagen ist die generalüberholte Website des Senders online – und damit auch der generalüberholte Auftritt der Kirchenredaktion. Mal abgesehen von neuen Bildern von Friederike Ursprung, meiner evangelischen Kollegin, und mir sind die Seiten auch wesentlich funktionaler geworden. Alle unsere Beiträge zum Nachhören für mindestens sieben Tage, dazu jede Menge weiterführende Links und Hintergrundinfos. Im einzelnen könnt Ihr jetzt folgende Inhalte gezielt ansteuern: Augenblick mal (Gedanken zum Tage), Themen, die Sachsen bewegen (unser wöchentliches Magazin am Sonntagabend), Christen in Sachsen – Die Kirchen-News sowie die Ratgeber- und Servicerubrik Familiensache. Ach so, und natürlich erfahrt Ihr auch steckbriefartig mehr über Friederike und mich.