Neu im Netz: Der R.SA-Hinhörkanal

Ein Webstream mit handverlesener, ruhiger Popmusik und stündlich bis zu vier Beiträgen, Gedankenanstößen, Hintergrundberichten aus den Bereichen Kirche und Gesellschaft – vom „Gedanken zum Tag“ bis hin zu aktuellen Interviews und Erklärstücken: das ist das neuste Projekt aus der RADIO PSR/R.SA-Kirchenredaktion und trägt den Titel Der R.SA-Hinhörkanal – Radio zum Auftanken.

Interessant hierbei ist, dass in diesem Fall der Sender auf uns zugekommen ist und gefragt hat, ob wir uns vorstellen könnten, so ein Zusatzangebot mitzugestalten, für das die Programmstrategen derzeit einen echten Bedarf beim Publikum sehen: eine Art „Mehrwert“-Programm mit erkennbarem christlichen Profil, aber offen für alle Leute, die gerne dazulernen, nachdenken, diskutieren und gute Popmusik zu schätzen wissen (von Leonard Cohen bis Reinhard Mey), ganz unabhängig von ihrer Weltanschauung oder Konfession. Können wir natürlich und so ist der Stream nun seit einigen Tagen auf Sendung, derzeit empfangbar über die Website des Senders und die R.SA-Handy-Apps.

Erinnern, gedenken und … feiern? (Ökumenische Notizen 3/3)

Zum Schluss ein paar Gedanken zum Stand der Ökumene heute, im Reformations-Gedenkjahr 2017.

„Der ökumenische Dialog kann heute nicht mehr von der Realität und dem Leben unserer Kirchen getrennt werden. Im Jahr 2017 gedenken lutherische und katholische Christen gemeinsam des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation. Aus diesem Anlass werden Lutheraner und Katholiken zum ersten Mal die Möglichkeit haben, weltweit ein und dasselbe ökumenische Gedenken zu halten, nicht in Form einer triumphalistischen Feier, sondern als Bekenntnis unseres gemeinsamen Glaubens an den Dreieinen Gott.“

Diese Sätze stammen von Papst Franziskus, er sprach sie im Mai 2016, als er in Rom von einer Delegation mit Christen der evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland besucht wurde. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: das Oberhaupt der katholischen Kirche spricht sich aus für ein gemeinsames Gedenken und ein gemeinsames Glaubensbekenntnis zum Reformationsjubiläum. Was wohl meine liebe Oma dazu sagen würde? Vielleicht würde sie dem Papst durch den Fernseher zurufen wollen: „Junge, bleib katholisch!

Das Wort „gedenken“ ist der Schlüssel. Als Katholik fällt es mir ganz ehrlich schwer, 500 Jahre Reformation zu „feiern“; schließt dies doch auch 500 Jahre Trennung, Ungerechtigkeit, gegenseitige Verletzungen mit ein. Selbstverständlich bin ich froh über die vielen Annäherungen der letzten Zeit. Denn auch das beobachte ich: noch nie waren sich Katholiken und Protestanten nach der Reformation theologisch, menschlich, spirituell wieder näher als in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Klar, wir sind noch lange nicht am Ziel, aber vielfach auf einem guten Weg. Der Reformation zu gedenken, mich an den großen Theologen Martin Luther zu erinnern, fällt mir als Katholik nicht schwer. Im Gegenteil, ich halte dieses Gedenken für wichtig und sinnvoll, genau wie das gemeinsame Glaubensbekenntnis.

Am Schluss dieser ungeordneten Gedanken soll der Satz eines Protestanten stehen. Ausgesprochen Ende August 2016 in der katholischen Kathedrale von Dresden-Meißen, der Hofkirche in Dresden. Es war bei der Einführung des neuen katholischen Bischofs. Natürlich war auch sein evangelischer Amtskollege, der sächsische Landesbischof, zugegen. Seine Grußworte klingen in mir nach bringen für mich auf den Punkt, warum mich als Katholiken das Reformationsjubiläum etwas angeht:

„Wir wollen als evangelische Christenheit das Reformationsgedenken mit Ihnen, den Katholiken, gemeinsam feiern – als ein Fest, das uns Christus näher bringt und das Christus ins Zentrum rückt. Unsere Einheit sind wir, der Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses wegen, allen Menschen gegenüber schuldig.

Ebenfalls erschienen:
Teil 1 – „Junge, bleib katholisch!“
Teil 2 – Gemeinsam und doch getrennt
Diese Texte erschienen ursprünglich in leicht geänderter Fassung als Audiobeitrag für den Hör-Adventskalender 2016 des Katholischen Blindenwerks Ost, an dem ich mich seit mehreren Jahren beteilige.

Gemeinsam und doch getrennt (Ökumenische Notizen 2/3)

Eine weitere persönliche Erinnerung zum Thema Ökumene.

Ich war inzwischen einige Jahre älter und besuchte als Jugendlicher hin und wieder das Christliche Friedensseminar in Königswalde bei Zwickau. Seit den siebziger Jahren waren diese regelmäßigen Treffen in der westsächsischen Pampa wichtige Mosaiksteine in der DDR-Opposition, es ging um Gewaltfreiheit, Umweltschutz, Bewahrung der Schöpfung. Auch nach der Wiedervereinigung machte das Friedensseminar weiter, es existiert Gott sei Dank bis heute. Zu den offenen Treffen mit Vorträgen und Diskussionen und Musik kamen viele Aktivisten aus den evangelisch-lutherischen Gemeinden, aber auch Methodisten, Katholiken, Nichtchristen.

Ich habe diese Wochenenden Mitte, Ende der Neunziger als große persönliche Bereicherung im Gedächtnis. Jedoch auch mit einem schmerzhaften Moment: der gemeinsamen Gottesdienstfeier. In Königswalde suchte man nach einer ganz eigenen Art, sowas wie Abendmahlsgemeinschaft herzustellen – der evangelische Pfarrer und der katholische beteten nacheinander das Hochgebet, vor separatem Wein und separatem Brot. Beim Moment des Abendmahls bekamen dann die anwesenden Katholiken den – flapsig ausgedrückt – „katholischen“ Leib Christi, und die Protestanten eben den „evangelischen“.

Keine Ahnung, wie kirchenrechtlich „sauber“ diese gemeinsame Gottesdienstfeier war – ich empfand sie als beklemmend. Mir war durchaus klar, dass das der Versuch war, „alle unter ein Dach“ zu bekommen. Eine gemeinsame Feier. Und eben an den Stellen, wo wir offiziell nicht gemeinsam feiern dürfen, nach Konfessionen aufzuteilen. Doch selten wurde mir klarer, wie schlimm, schmerzhaft, tragisch es ist, dass wir Christen nicht eins sind und, obwohl so viel gemeinsam machbar ist, wir bis heute nicht gemeinsam Abendmahl halten dürfen.

Gleichzeitig waren es Momente wie dieser, die mich zu einem begeisterten „Ökumeniker“ haben werden lassen. So sehr ich meine Heimat, die katholische Kirche, schätze und achte, so wichtig ist mir aber eben auch das Miteinander-Christsein mit „den anderen“ geworden. Ökumene verstehe ich nicht als Option oder als notwendiges Übel, sie ist ein klarer Auftrag: „Alle sollen eins sein!”

Bisher erschienen: Teil 1 – „Junge, bleib katholisch!“
Morgen mach ich mir schließlich ein paar Gedanken zur Zukunft bzw. zum Ist-Stand der Ökumene.

„Junge, bleib katholisch!“ (Ökumenische Notizen, 1/3)

“Was hältst Du als Katholik eigentlich davon, dass gerade alle 500 Jahre Reformation feiern?” Diese Frage wurde mir in letzter Zeit tatsächlich häufiger gestellt. Ein guter Grund, ein paar Gedanken und Erinnerungen rund um die Themen Ökumene und Reformation aufzuschreiben, die mir da so als mögliche Antworten durch den Kopf geistern …

Meine Oma, Jahrgang 1911, erzählte immer gern von ihrer Jugendzeit. Damals, berichtet sie einmal, galt es für Katholiken als echte Sünde, eine evangelische Kirche auch nur zu betreten! So etwas ging gar nicht, das musste man beim Herrn Pfarrer beichten gehen. Als meine Oma, inzwischen hochbetagt, weit über 80 Jahre alt, mitbekam, dass ich als katholischer Teenager im Hause des evangelischen Superintendenten ein- und ausging und gelegentlich sogar mit der Familie des Pastors zu Abend aß, da war sie außer sich. Ihr sorgenvolles „Junge, bleib katholisch!“ klingt mir bis heute in den Ohren.

Dabei waren die Kinder des Superintendenten doch auf dem gleichen Gymnasium wie ich, wir waren befreundet, machten zusammen Musik und stampften im Nachwende-Trubel sogar gemeinsam einen selbstverwalteten Jugendclub aus dem Boden – katholische und evangelische und konfessionslose Jugendliche gemeinsam, weil sonst nichts los war in unserer westsächsischen Kleinstadt. Irgendwann fand sich ein Träger für diesen Jugendclub: ausgerechnet die Johanniter, also ein evangelischer Wohlfahrtsverband.

Von all dem wusste meine liebe Oma natürlich nichts, sie war einfach nur verwundert darüber, wieso ich im Hause des evangelischen Pfarrers ein- und ausging und als katholischer Bengel dort offenbar auch noch sehr willkommen war. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass sich die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten geöffnet hatte, aber sonderlich gekümmert hat sie das nicht. Sie war eben geprägt durch ihre Jugendjahre; wie auch das Gesangbuch in der Kirche für sie bis zuletzt „Laudate“ hieß und nicht „Gotteslob“.

Ich schreibe das nicht auf, um mich über meine Großmutter lustig zu machen. Gewiss, als Teenager fand ich ihre Ansichten unglaublich altmodisch und eingestaubt. Aber hey, es war ja auch meine Oma. Heute, mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod, erinnere ich mich an eine tiefgläubige Christin, liebevoll, hilfsbereit, durch und durch „katholisch“ – als Vertriebene nach dem Krieg aus Schlesien über Prag nach Sachsen gekommen. Ökumene war ihr Thema nicht, doch war sie tief verwurzelt in ihrer Kirchgemeinde, war “halt ganz normal katholisch“.

Und auch für mich als Teenager war „Ökumene“ kein bewusstes Thema. In den fünf Jahren Schule, die ich in der DDR-Zeit bis zur Friedlichen Revolution mitbekommen hatte, hatte ich gelernt, dass alle Christen in der Schule als Außenseiter galten, ganz egal, ob katholisch oder evangelisch. Das schweisste uns irgendwie zusammen, unabhängig von der Konfession.

Und nach der „Wende“? Wenn es im eigenen Nest plötzlich kein Kino mehr gibt und man als gelangweilter Teenager eben einen Jugendclub aufbauen will, freut man sich über gleichgesinnte Mitstreiter und guckt doch nicht auf den Taufschein. Aus Mitstreitern wurden Freunde; so war Ökumene eben etwas vollkommen Selbstverständliches. Herrje, selbst unser katholischer Pfarrer und sein evangelischer Kollege, besagter Superintendent, verstanden sich prächtig, warum dann nicht auch wir Kids aus beiden Gemeinden? Ich bin zutiefst dankbar, diese Erfahrungen als Kind gemacht zu haben und so auf ganz praktische Weise zu verstehen, dass uns über Konfessionsgrenzen hinweg mehr verbindet als trennt.

Morgen im zweiten Teil: Erinnerungen an das Königswalder Friedensseminar.

Kirchenredaktion mit frischem Internetauftritt

Neuer Auftritt RPSR Kirchenredaktion Dezember 2016

Alles neu macht bei RADIO PSR der Dezember: seit einigen Tagen ist die generalüberholte Website des Senders online – und damit auch der generalüberholte Auftritt der Kirchenredaktion. Mal abgesehen von neuen Bildern von Friederike Ursprung, meiner evangelischen Kollegin, und mir sind die Seiten auch wesentlich funktionaler geworden. Alle unsere Beiträge zum Nachhören für mindestens sieben Tage, dazu jede Menge weiterführende Links und Hintergrundinfos. Im einzelnen könnt Ihr jetzt folgende Inhalte gezielt ansteuern: Augenblick mal (Gedanken zum Tage), Themen, die Sachsen bewegen (unser wöchentliches Magazin am Sonntagabend), Christen in Sachsen – Die Kirchen-News sowie die Ratgeber- und Servicerubrik Familiensache. Ach so, und natürlich erfahrt Ihr auch steckbriefartig mehr über Friederike und mich.

„Ich steh‘ vor Dir mit leeren Händen, Herr“: Huub Oosterhuis.

Vor zwei Wochen sollte ich in der Leipziger Nikolaikirche das Kirchenlied „Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr“ von Huub Oosterhuis und Lothar Zenetti (deutsche Übertragung) vorstellen. Im Rahmen der Reihe „Musik und Besinnung“ hielt ich zu diesem mir enorm ans Herz gewachsenen Lied als katholischer Gast in der evangelischen Nikolaikirchgemeinde eine Art Laienpredigt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, welche Kontroversen es derzeit in der katholischen Kirche um dieses Stück Musik und seinen Urheber gibt.

Das Lied (und weitere Texte von Oosterhuis) sollen im neuen „Gotteslob“, dem für 2013 geplanten neuen katholischen Gesangbuch, nicht mehr enthalten sein, weil der niederländische Dichter und Theologe in konservativen katholischen Kreisen in Ungnade gefallen ist: der ehemalige Priester und Jesuit ist seit über 30 Jahren verheiratet.

Ein „Gotteslob“ ohne „Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr“? Eine traurige Vorstellung. Und wenn es stimmt, dass bestimmte Instanzen der Amtskirche Oosterhuis aufgrund seines Privatlebens aus dem überarbeiteten Gesangbuch kicken wollen, dann empfinde ich das als Skandal und Bevormundung der singenden, betenden Gemeinden im ganzen Land.

Wen das Thema „Oosterhuis und das neue Gotteslob“ genauer interessiert, der findet bei musikundtheologie.de jede Menge Hintergründe und Links (und freilich auch einige recht polemische Kommentare, die meines Erachtens aber nur unterstreichen, wie emotional die ganze Geschichte im ‚Kirchenvolk‘ diskutiert wird – und welch Frust entsteht, wenn derartige Entscheidungen in nicht transparenten Gremien und unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen werden).

Vielleicht war es ja ganz gut, dass ich von der Debatte um Oosterhuis erst nach meiner kleinen Ansprache erfahren habe – so konnte ich mich voll und ganz dem Inhalt des Liedes widmen, ohne jeden Frust und ohne der Versuchung zu erliegen, im falschen Rahmen tagesaktuelle kirchenpolitische Dinge zu thematisieren. Im Folgenden dokumentiere ich nun meine am 7. März in der Nikolaikirche vorgetragenen Gedanken zu besagtem Lied.

Weiterlesen „„Ich steh‘ vor Dir mit leeren Händen, Herr“: Huub Oosterhuis.“

Sakramente – evangelisch und katholisch

Was sind Sakramente, und wie unterscheidet sich der katholische Sakramenten-Begriff vom evangelischen? Ende letzten Jahres wurden meine Kirchenredaktionskollegin Friederike Ursprung (evangelisch) und ich (katholisch) gebeten, genau dies mal aufzudröseln und aufzuschreiben. Das Ergebnis: zwei kurze Texte, in denen wir versuchen, die jeweiligen Sichtweisen zu umreißen. Beide Artikel sind Anfang März im Leipziger Kirchenblatt Die Glocke (Schwerpunktthema Taufe) erschienen.

Sakramente evangelisch: Taufe und Abendmahl

„Sakramente sind Zeichen, durch die Gott mit den Menschen in Verbindung tritt“, heißt es auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das lateinische Wort sacer (heilig) steckt darin. Während die katholische Kirche sieben solche sichtbaren Zeichen oder Handlungen kennt, die für eine unsichtbare, göttliche Wirklichkeit stehen, ließ die Reformation nur die Taufe und das Abendmahl als Sakramente gelten.

Denn über sie bezeugt die Bibel ausdrücklich, wie Jesus sie einsetzt – wie er also die Jünger und alle seine Nachfolger auffordert, sie in alle Zukunft weiterzugeben und zu wiederholen: Für das Abendmahl ist das in den Passionserzählungen aller Evangelien belegt, für die Taufe am Ende des Matthäusevangeliums. Die biblische Belegbarkeit ist also ein Maßstab dafür, was aus evangelischer Sicht ein Sakrament ist. Entscheidend ist außerdem: Ein Sakrament ist mehr als die äußere Handlung und die deutenden Worte, mehr also als das Wasser über den Kopf des Täuflings und mehr als Brot und Wein oder Saft. Es ist die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft in der Taufe, und im Abendmahl die Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus und mit allen Glaubensgeschwistern weltweit.

So sind Sakramente Ausdruck des Glaubens. Wer ein Sakrament empfängt, sagt Reformator Philipp Melanchthon, dem verheißt es Heil und Gnade. Dazu kommt es auf die Haltung aller Beteiligten an. Denn ein Sakrament ist keine magische Handlung, durch die sich Gottes Zuwendung anknipsen ließe wie durch irgendeinen himmlischen Schalter. Es setzt den Glauben voraus, stärkt ihn aber auch immer wieder. Ohne ihn bliebe nur ein leeres Hokuspokus-Ritual.

Aber auch die Riten, die in anderen Konfessionen als Sakramente gelten, in der evangelischen aber nicht, haben hier dennoch ihren Platz. Beichte und Buße nennt Melanchthon in seiner Verteidigung des Augsburger Bekenntnisses ebenfalls ein Sakrament. Die reformierten Kirchen sehen das allerdings anders. Auch die Einsetzung ins Predigtamt gilt als „eine herrliche Zusage Gottes“. Die Ehe nennt Martin Luther zwar ein „weltlich Ding“ – doch auch er und seine Katharina haben ihre Ehe ja unter Gottes Segen gestellt, wie andere evangelische Paare auch. Firmung (oder Konfirmation) und Krankensalbung sind nicht aus der Bibel und Gottes Gebot begründbar, also auch keine Sakramente – aber es gibt doch gute Gründe, sie auch in evangelischen Kirchen zu pflegen.

Friederike Ursprung, evangelische Kirchenredakteurin

Sakramente katholisch: An den Landmarken des Lebens

Die katholische Kirche versteht Sakramente als „auf Jesus Christus zurückgehende Zeichen- und Symbolhandlungen, die auf sinnlich wahrnehmbare Weise die Gnade Gottes vermitteln“ – diese kompakte Kurzdefinition liefert das „Theologische Online-Wörterbuch“ der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Sakramente verdeutlichen, dass das Miteinander von Gott und den Menschen durch Rituale, Worte und symbolische Handlungen geprägt ist. Auf der offiziellen Internetseite der katholischen Kirche ist von „leibhaftigen Begegnungen mit Gott“ die Rede.

So haben Sakramente auch aus Sicht der römischen Kirche ihre Mitte, ihre Wurzel im Wirken Jesu Christi. Taufe und Eucharistie, ganz klar. Aber nach katholischem Verständnis gehört eben auch die mit der Taufe in direktem Zusammenhang stehende Firmung dazu, gilt sie den Gläubigen doch als Vollendung der Taufgnade. Dass Priesterweihe, Krankensalbung sowie Versöhnung (für mich der schönere, weil vollständigere Begriff für Buße) zu den Sakramenten zählen, kann damit begründet werden, dass Jesus seine
Apostel unmittelbar mit diesen Handlungen beauftragt und Petrus konkret zu seiner Nachfolge berufen hat.

Wer so argumentiert, muss freilich auch den Sonderstatus der Ehe erwähnen und sich mit ihm auseinandersetzen, denn hier fehlt auch durch die „katholische Brille“ der direkte Bezug zu Jesus Christus – dieses Sakrament spenden die Eheleute einander und bitten um die Gnade und den Segen Gottes. Und doch vertrauen katholische Christen darauf, dass die Bibel die Ehe als etwas Heiliges, Unauflösliches betrachtet, vergleicht Paulus im Brief an die Epheser doch die Beziehung zwischen Christus und der Kirche mit der Ehe: „Ihr Männer, liebt Eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25).

Die Liebe Gottes, die den Menschen zuteil wird, übersteigt das menschliche Fassungsvermögen. Durch die Sakramente kann ich mir etwas von dieser Liebe verdeutlichen, erhalte ich eine Ahnung von der nicht enden wollenden Zuneigung Gottes mir und meinen Mitmenschen gegenüber. Deshalb begegnen mir die Sakramente an den wichtigsten Landmarken des Lebens: bei der Geburt, in der Jugend, mitten im Leben, im Alter, in Momenten des Zweifels oder der Freude – sowie immer wieder neu in der Feier der Heiligen Messe.

Daniel Heinze, katholischer Kirchenredakteur

Hoffnung trotz Armut und Elend

Misereor Hungertuch 2011

Wer dieser Tage in eine katholische Kirche tritt, wundert sich vielleicht: das Kreuz ist nicht zu sehen wie sonst – ein kunterbuntes Tuch verdeckt es. Das ist das sogenannte Hungertuch. In vielen Gemeinden ist es ein guter Brauch, so ein Tuch in der Fastenzeit aufzuhängen. In dieser Besinnungs- und Bußzeit bis Ostern sind die Gottesdienstbesucher eingeladen, durch dieses knallbunte, detailreiche Bild eine neue, frische Sicht auf ihren Glauben und die Welt zu gewinnen.

Dahinter steckt das katholische Hilfswerk Misereor, das Menschen aller Kulturen, Hautfarben und Religionen in Afrika, Asien und Lateinamerika unterstützt. Die Hungertücher werden von Künstlern aus diesen Regionen der Welt gestaltet. Das diesjährige Tuch ist eine riesige Collage des togolesischen Künstlers Sokey A. Edorth.

Aus afrikanischer Erde, Wellpappe, Kohle und Acryl hat er es gefertigt. Das Bild zeigt vieles, was einem in den Sinn kommt, wenn man von Deutschland aus auf die Südhalbkugel der Welt schaut: Müll, Slums, Öltanks, Flüchtlinge, Hungernde, Armut. Ja, Edorth will die unmenschlichen Bedingungen verdeutlichen, unter denen die Menschen in den Entwicklungsländern leben. Aber – er will nicht nur das Elend zeigen, sondern auch die Hoffnung, die über allem steht. Über all dem „weltlichen“ Chaos, dem Leid und dem Elend sieht man auch einen hellen Lichtkegel: eine Taube, die den Geist Gott symbolisiert. Das Licht scheint auf Menschen, die anderen Menschen helfen, sie pflegen, sich um sie kümmern. Auf Mitmenschen, die versuchen, die Ungerechtigkeit und Armut auf der Welt zu lindern. Die nicht wegschauen, sich damit abfinden, dass das alles weit weg ist. Denen „die da unten“ nicht egal sind.

Mich beeindruckt das Misereor-Hungertuch in diesem Jahr sehr. Es verdeutlicht, wie dringend andere Menschen meine Hilfe brauchen. Dass es verantwortungslos wäre, sich nicht für sie zu interessieren, sie zu ignorieren. Das Misereor-Hungertuch stört und berührt – und es lädt den Betrachter dazu ein, etwas vom Licht Gottes in die dunklen Ecken der Welt zu bringen.

Hinweis: Diesen Text habe ich für das Ressort „Gesellschaft und Religion“ der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er gestern in der Kolumnen-Reihe „Gedanken zum Wochenende“ erschienen ist. Das Bild des Hungertuchs stammt aus den Misereor-Pressematerialien zum Thema.

Fleißige Studenten halten „Erntedank“


Studierende beenden Grundkurs Theologie an der Katholischen Akademie des Bistums Magdeburg

Halle/Saale. Mit einem „Tag der Theologie“ ging in Halle am 15. Januar erneut ein Grundstudium „Theologie im Fernkurs“ zu Ende. 20 Kursteilnehmer, die sich seit Januar 2008 mit theologischen Fragen befassten, erhielten ihre Teilnahmebescheinigungen. Sieben von ihnen wurden zudem Zertifikate überreicht, da diese am Ende der Ausbildung eine freiwillige Prüfung absolvierten. Der Direktor der Katholischen Akademie Magdeburg, Hans-Joachim Marchio, ist stolz auf die Studierenden, die sich in ihrer Freizeit mit theologischen Grundfragen beschäftigen: „Mit Ausdauer und hoch motiviert haben die Kursteilnehmer aus den Bistümern Magdeburg, Dresden-Meißen und Erfurt die Mühen des dreijährigen Studiums auf sich genommen und dürfen nun ‚Erntedankfest‘ feiern.“

Nach wie vor sei das Interesse an den von der Akademie in enger Zusammenarbeit mit der Domschule Würzburg und der Fachakademie für Gemeindepastoral in Magdeburg angebotenen Kursen groß: „Von unseren aktuellen Grundkurs-Absolventen haben sich 22 entschieden, mit dem Aufbaukurs Theologie ihr Studium fortzusetzen. Sie schließen also noch einmal knapp drei Jahre Ausbildung an, um ihr Wissen weiter zu vertiefen. Außerdem begann bereits im August ein weiterer Grundkurs, bei dem 19 weitere Teilnehmer aus den drei Bistümern dabei sind.“ Aber auch andere Kooperationsprojekte der Katholischen Akademie wie zum Beispiel die „Hallenser Gespräche zu Psychotherapie, Religion und Naturwissenschaften“ würden sehr gut angenommen.

Während des Tages der Theologie wurde in der Kapelle des Krankenhauses „St. Elisabeth und St. Barbara“ in Halle auch Gott in einer Eucharistiefeier für die reiche geistige Ernte gedankt. In einem Festvortrag erörterte Akademiedirektor Hans-Joachim Marchio grundlegende religiöse Fragen unter der Überschrift „Gott – der Fund meines Lebens.“

Hintergrund: Diesen Artikel habe ich für die katholische Wochenzeitung „Tag des Herrn“ geschrieben, wo er in der Ausgabe vom 6. Februar 2011 erschienen ist. Ich bin selbst Teilnehmer des erwähnten Studiums „Theologie im Fernkurs“ im Bistum Magdeburg. Links zum Thema: Tag des HerrnTheologie im FernkursKatholische Akademie Magdeburg. Die Grafik oben zeigt den Leitspruch des theologischen Fernkurses und stammt von der Website von „Theologie im Fernkurs“.

Die Einheits-Nacht mit zwölfeinhalb

Es war der Abend des 2. Oktobers 1990. Damals war ich zwölf Jahre alt. Genauer: zwölfeinhalb, solche Details sind ja in dem Alter enorm wichtig. In meiner Heimatstadt Werdau lag Silvesterstimmung in der Luft. Es waren Böller zu hören, in den Kneipen wurde gefeiert. Alle warteten darauf, dass es endlich Mitternacht wird.

Ich durfte natürlich bis Mitternacht wach bleiben, und ich sah im Fernsehen die Bilder aus Berlin: Menschen, die sich – vor Freude weinend – in den Armen lagen, ein gigantisches Feuerwerk am Brandenburger Tor, die Politiker, wie sie alle sichtlich bewegt die Hymne sangen – die Nacht der Deutschen Einheit! Auch meine Eltern vorm Fernseher waren gerührt.

Ein Jahr zuvor hatte mich mein Vater mitgenommen zu einem dieser Friedensgebete mit anschließender Demonstration. Ich war zu jung, um ganz genau zu verstehen, worum es da ging. Was ich aber mit meinen elfeinhalb Jahren schon kapierte: das hier war wichtig. Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, freie Wahlen – das waren keine leeren Begriffe, sondern schienen für die Großen ganz wichtige Dinge zu sein, die sie endlich wollten: für sich, für ihre Nachbarn, für alle Menschen in der DDR.

Welch spannendes Jahr folgte dann: plötzlich hatten wir samstags keine Schule mehr – eine Riesensache für einen Sechstklässler! Plötzlich gab es aber auch auf einmal die Note 6, und in der Kaufhalle stand jetzt Coca Cola im Regal. Die Erwachsenen beschäftigen ganz andere Dinge: die ersten freien Wahlen kamen – genau wie erste Sorgen um den Arbeitsplatz, die ersten unabhängigen Zeitungen, alles schien sich zu verändern, alles war im Umbruch.

Dann kamen der 3. Oktober 1990 und die Einheit. Bis heute sind meine Eltern voller Dankbarkeit, wenn sie sich an all das erinnern. Auch ich bin dankbar für dieses große Glück, diese wunderbare Fügung – Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und freie Wahlen sind für mich, als inzwischen Zweiunddreißigeinhalbjährigen, Normalität und Alltag. Den Menschen, die damals auf die Straßen gegangen sind – und Gott – sei Dank.

Hinweis: Diesen Text habe ich für das Ressort „Religion und Gesellschaft“ der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er heute in der Kolumnen-Reihe „Gedanken zum Wochenende“ erschienen ist.