Neue Musik: Justin Townes Earle, Aloe Blacc, Ocean Colour Scene, The Tallest Man On Earth, Dumpstaphunk, David Gray, Dave Matthews Band

Justin Townes Earle – Harlem River Blues (2010)
Dass einer, der wegen Körperverletzung inhaftiert war und derzeit in einer Entzugsklinik lebt, solche herzzerreißend schöne Musik machen kann – das ist einer dieser seltsamen Widersprüche im Leben. Darf ich vorstellen: Justin Townes Earle, Alternative-Country-Darling der Stunde in den USA, vier große Alben in nicht ganz vier Jahren, Sohn der Songwriterikone Steve Earle. „Harlem River Blues“ changiert zwischen Folk, Country und Blues; die Platte strahlt eine Lebenslust aus, dass man schlichtweg nicht glauben will, dass sie von einem Mann stammt, der offenbar größere persönliche Probleme mit sich herumschleppt. Ich bin froh über diese tolle, tolle Musik und wünsche mir und ihm, dass es Justin Townes Earle bald besser geht.

Aloe Blacc – Good Things (2010)
Scheinbar aus dem Nichts tauchte in diesem Spätsommer Aloe Blacc auf und er hatte einen Überhit im Gepäck. „I Need A Dollar“, dieses sich ach so beiläufig ins Hirn fräsende Soulpopbrett, war mit einem Schlag überall: in den Fernsehshows, den Radios, im Feuilleton, in der Musikpresse sowieso. Hype? Geschicktes Marketing seitens der Plattenfirma? Kann alles sein. Entscheidend ist, dass Aloe Blacc ein wahrlich famoses Album vorweisen kann, das eben mehr ist als ein „stimmiges Produkt“. „Good Things“ funktioniert nicht, es lebt, atmet, eckt an, begeistert, verwundert. Da schickt sich einer an, Soul und R’n’B sanft ins 21. Jahrhundert zu hieven, stets voller Respekt vor den Anfängen, aber eigenständig und raffiniert genug, um nicht als Retro-Act abgestempelt zu werden.

Ocean Colour Scene – 21 (2010)
Andere lassen sich anläßlich ihres 21. Geburtstages ein Auto schenken oder besaufen sich, einfach, weil sie’s jetzt dürfen. Ocean Colour Scene feiern ihren 21. Geburtstag mit einem Mörderrelease. Die 4-CD-Deluxe-Box „21“ enthält fast 90 Songs, ein wunderbares Booklet mit herrlich nerdiger Diskographie und ist weit mehr als ein „Best Of“-Album. Die Herren aus Birmingham blicken dankbar und zu Recht auch stolz zurück auf ihre bisherige Karriere: die holprigen Anfänge, die Hochphase mit „Moseley Shoals“ und „Marching Already“, der Wandel, die Suche, die wiedererlangte Topform der letzten Zeit. Altbekannte Hits stehen neben bislang unveröffentlichten Demos, Outtakes und Liveversionen (natürlich genau 21 an der Zahl). Ach ja, und eine komplett neue Single gibts auch. Wie die heißt? Logisch, 21. Runde Sache, tolle Anthologie, große, leider viel zu selten gewürdigte Band.

The Tallest Man On Earth – Sometimes The Blues Is Just A Passing Bird (2010)
Erst im Mai habe ich über Kristian Matsson und sein letztes Album „The Wild Hunt“ geschrieben, schon beglückt uns The Tallest Man On Earth mit einer neuen EP. Die kommt noch weitaus reduzierter, spontaner und dennoch runder daher als ihr Vorgänger. Und mit „The Dreamer“ hat der alte Schwede uns einen der schönsten Songs des Jahres geschenkt.

Dumpstaphunk – Everybody Want Sum (2010)
Funk, und zwar ohne jeden Zweifel. Schon seit einigen Jahren sorgt die Band um Ivan Neville für tolle Konzerte, auf denen es nur um eines geht: um beinharten New Orleans-Funk. Endlich gibt’s nun ein komplettes Dumpstaphunk-Studioalbum, und das macht einfach Spaß. Tanzen, zappeln, feiern – ob man nun will oder nicht. Ivan singt gleich im ersten Track das Hohelied der Liebe zur Musik: „She’s funky like the Family Stone, smooth like Marvin Gaye, she’s rock’n’roll like Keith and Mick, she sings like Lady Day. Sheez music.“

David Gray – Foundling (2010)
Das Ende einer großen Liebe? Meine Gefühle für David Gray haben sich in der Tat in den letzten Jahren ziemlich abgekühlt, die letzten Platten waren mir alle etwas zu adult, sophisticated – oder schlichtweg zu langweilig. „Foundling“ ist eine Doppel-CD mit Resten aus der letztjährigen Studiosession und klingt über weite Strecken leider auch so. Allerdings blitzt an manchen Stellen das auf, was mich an älteren David Gray-Alben immer so fasziniert hat. Das bittersüße „Forgetting“, das fragende „Holding On“, das vielversprechende „Only The Wine“ – starke Songs, souverän vorgetragen, so gar nicht das überflüssige MOR-Futter, aus dem der Rest der Platte leider besteht. Mal schauen, vielleicht brauchen wir ja auch nur mal ne Auszeit, der David und ich.

Dave Matthews Band – Live In New York City (2010)
Alle Jahre wieder: DMB hauen kurz vor Weihnachten ein aktuelles Livealbum auf den Markt. Warum sollte das 2010 auch anders sein. Und während es den Fan und Sammler freut, die Setlist überaus abwechslungsreich ist und das Hören dazu führt, dass man sich sofort „zu Hause“ fühlt und diese Band umgehend wieder live sehen möchte, so muss ich doch eingestehen, dass dieses 2-CD-Set für Gelegenheits-DMB-Fans nicht viel mehr sein dürfte als einfach nur eine weitere Dave Matthews-Liveplatte. Allerdings sollten diese Gelegenheitsfans besser einen objektiven Kritiker befragen – ich empfehle „Live In New York City“ nämlich uneingeschränkt.

Aufholjagd: Neue Platten im Überblick

So viele gute Alben, die mir in der letzten Zeit begegnet sind – und so wenig Zeit, über sie alle ausführlicher zu schreiben. Damit sie nicht ganz durchrutschen, hier ein paar Empfehlungen „im Schnelldurchlauf“.

Saul Zonana – Blue Monkey: Songwriter Zonana haut schon wieder ’ne CD raus, diesmal eine Art Pop-Platte mit Jamband- und Progrock-Einflüssen. Am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, später dann süchtig machend.

Jai Agnish –  Awake When You Dream: Super Folkplatte, reduziert auf ein paar Akustikgitarren, Keyboardmelodien, Harmoniegesänge und Percussion-Sprengsel. Und dann gibt’s das gesamte Album auch noch für lau. Unbedingt runterladen!

G. Love & Special Sauce – Superhero Brother: G. Love klingt wie G. Love klingt wie G. Love. Und das ist gar nicht so schlimm. Heiteres, bisweilen harmloses zehntes Album – das mich wohl für immer an meinen Sommerurlaub erinnern wird: „Who’s Got The Weed“ im Auto auf dem Weg zum Denver Airport.

Damien Dempsey – The Rocky Road: Der Mann ist auch verblüffendend arbeitswütig. Diesmal keine neuen eigenen Songs, sondern Irish Folk-Klassiker, eingespielt u.a. mit Kollegen von den Chieftains. Sehr irisch, sehr folkig, sehr schön.

Conor Oberst – Conor Oberst: Als die Platte frisch rauskam, war ich zunächst enttäuscht, weil mich das Soloalbum partout nicht so umhauen wollte wie die letzten Bright Eyes-Alben. Inzwischen hab ich meinen Frieden damit gemacht, ein paar Songs finde ich brilliant („Cape Canaveral“), ein paar nervig („I Don’t Want To Die In A Hospital“), die meisten gut.

Dave Matthews Band – Live Trax 13 (2008-06-07 Bush Stadium, St. Louis, Missouri): Wäre das ein normales Jahr für DMB und ihre Fans, könnte ich jetzt sowas schreiben wie „souveränes Live-Album; welcome back, Mr. Tim Reynolds an der E-Gitarre“. Aber so höre ich diese Aufnahme und krieg bei jedem Saxophonsolo Gänsehaut und werde schwermütig – LeRoi Moore ist tot und das ist auch drei Monate nach der Hiobsbotschaft echt schmerzhaft.

Dumpstaphunk – Listen Hear: Seit einigen Jahren sorgt Ivan Nevilles Dumpstaphunk-Combo mit ihren Konzerten für Furore – brachialer, konsequenter Funk, tief verwurzelt in den musikalischen Traditionen New Orleans‘. Das hier ist das erste offizielle Studio-Werk. Eine kurzweilige EP, aber live gehen Ivan & Co. noch wesentlich mehr ab.

So, und jetzt geh ich die MB und guck mir Josh Rouse an!!