Büchertisch: David Sedaris, Roger Willemsen, Das Neue Testament als Magazin, Geoffrey Robinson, Paul Torday, David McCandless, Benjamin v. Stuckrad-Barre

Paul Torday – The Girl On The Landing (Phoenix Paperback, 2009)
Was macht ein Schriftsteller, dessen erstes Buch (Salmon Fishing In The Yemen) ein Überraschungserfolg wurde? Im besten Fall legt er ein paar Bücher nach, die mithalten können. Und das gelingt Spätzünder Paul Torday (er war fast 60, als sein erstes Buch in die Läden kam) inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit. Was mich begeistert, ist, dass der Brite dabei nicht auf Nummer sicher geht und eben weiter Satiren wie seinen Erstling abliefert. Bei „The Girl On The Landing“ etwa ist ihm ein packender Psycho-Thriller gelungen. Es geht um die immer schlimmer werdende geistige Verfassung eines einst „ganz normalen“ Ehemannes und um seine düstere Kindheit. Klingt schaurig, ist aber vor allem spannend und keineswegs ohne Witz geschrieben. Für mich war’s die perfekte Urlaubslektüre. Genau fünf Minuten, nachdem ich mit diesem Buch durch war, hab ich mir übrigens schon den nächsten Torday bestellt.

Das Neue Testament als Magazin (Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2010)
Das muss doch auch anders gehen – dachten sich ein Art Director und ein Journalist. Den biblischen Stoff kann man doch sicherlich auch anders darbieten als in der klassischen Weise. Gesagt, getan: Oliver Wurm und Andreas Volleritsch machten sich ans NT als Magazin, also ganz im Stile einer modernen, zeitgemäßen Illustrierten: die Evangelien werden zu Leitartikeln; Schriftarten, Aufbau und Satz verfehlen nicht ihre erfrischende Wirkung. Tatsächlich ist das nicht eben dünne Magazin ein echter Hingucker geworden, der eine neue Art, die Texte des Neuen Testaments zu erschließen, offeriert.

David Sedaris – Squirrel Seeks Chipmunk. A Wicked Bestiary (Little, Brown, 2010)
Das vielleicht absurdeste Buch, das David Sedaris jemals veröffentlicht hat. Und zweifelsohne eines seiner lustigsten. Im Grunde ist das hier eine Sammlung von Fabeln. Aber was für Fabeln das sind! Völlig abwegige, morbide, charmante, schrullige – „Squirrel Seeks Chipmunk“ ist ein Lesevergnügen sondergleichen. Das arme Streifenhörnchen, dass sich den Kopf darüber zermartert, was um alles in der Welt „Jazz“ sein könnte (und u.a. eine fiese Sexualpraktik vermutet); das ach so schrecklich vernünftige Huhn, das vorgibt, die Welt zu verstehen und schließlich selbst dran glauben muss; das strunzdoofe Schaf, das einer Krähe vertraut und und und – diese Tiergeschichten sind schräg, lustig und letztlich… unfassbar menschlich.

Roger Willemsen – Die Enden der Welt (S. Fischer, 2010)
Eine Sammlung von Reiseerzählungen, wie man sie von einem Typen wie Willemsen erwartet: wortgewandt, reich an Bildern und perfekt gedrechselten Sätzen (okay, manchmal sind sie auch ziemlich geschraubt). Es geht um berührende Momente, persönliche Krisen, Glücksgefühle oder das dringende Bedürfnis, ganz schnell wieder weg zu wollen. Die Klammer, die diese Erzählungen zusammenhalten will, ist etwas bemüht, manches „Ende der Welt“ ist nur mit viel gutem Willen als ein solches erkennbar. Aber ob Timbuktu oder Kamtschatka, ob Mandalay oder Minsk: viele dieser Geschichten sind exzellent, wecken das eigene Reisefieber und machen deutlich, was für ein Segen es ist, „so einen“ wie Roger Willemsen zu haben.

Bischof Geoffrey Robinson – Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation (Publik Forum Verlag, 2010)
Ein Buch von bedrückender Aktualität. Ein australischer Bischof lehnt sich weit aus dem (Kirchen-)Fenster und schreibt über die Probleme seiner Kirche im Spannungsfeld von Glauben, Macht und Sexualität. Mit seinen teils drastischen Worten und seiner ungewohnten Offenheit stieß er in Rom nicht unbedingt auf Gegenliebe. Geoffrey Robinson fordert ein Umdenken in der katholischen Sexualethik und berührt mit seinem eigenen persönlichen Hintergrund, wurde er doch selbst als Kind von einem Erwachsenen missbraucht. Auch wenn mir nicht jede These plausibel erscheint, so empfinde ich es doch als enorm befreiend, dass ein Mann der Kirche hier so offen und direkt schreibt, und dennoch (oder gerade deshalb?) eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu seiner Kirche spürbar ist.

Benjamin von Stuckrad-Barre – Auch Deutsche unter den Opfern (KiWi Paperback, 2010)
Als „Soloalbum“ rauskam, war ich ja fast sowas wie ein Stuckrad-Barre-Fanboy. Ich mochte Thema, Ton und Attitüde dieses Buches sehr. Danach folgte viel, was mich nicht zu fesseln vermochte und irgendwann verlor ich dann das Interesse an Stuckrad-Barres Output. Bis ich mir aus Neugier „Auch Deutsche unter den Opfern“ gekauft habe; eine liebevoll gestaltete und mit tollen Fotos versehene Sammlung von Texten, die er vornehmlich für Tageszeitungen wie „Die Welt“ oder Magazine wie den Rolling Stone geschrieben hat. Ein „Sittengemälde unserer Zeit“ soll das sein, heißt es großspurig. Tatsächlich sind es durchweg lesenswerte Artikel eines brillianten Beobachters, der irgendwas ist zwischen arrogantem Schnösel und beautiful freak.

David McCandless – Information Is Beautiful (HarperCollins, 2009)
Opulent – das ist das Wort, das mir als erstes einfällt, um dieses Buch zu beschreiben. Infografiken sind ja seit geraumer Zeit das große Ding im Internet. Tatsächlich versuchen immer mehr Autoren, Publikationen oder Organisationen, komplexe Sachverhalte oder zahlenschwere Statistiken in anschauliche, aussagekräftige Grafiken zu pressen. Keinem gelingt das derartig brilliant wie David McCandless. Seine Infografik-Sammlung „Information Is Beautiful“ trägt diesen Titel völlig zu Recht: es ist ein Vergnügen, in diesen Statistiken zu blättern, diese Kunstwerke von einfach und effektiv dargestelltem Datenmaterial zu erkunden. Ob „Die Bedeutung von Farben auf der ganzen Welt“ oder „Kaffee-Sorten“ oder die „Weltbesten Anti-Kater-Rezepte“ – harte und nicht so harte Fakten sind hier in der Tat wunderschön anzusehen.

Ein paar zusammenhanglose Notizen zu David Sedaris…

Letzten Donnerstag war David Sedaris in Leipzig zu Gast. Die Lesung war kurz, aber heftig und ungemein lustig. Und das anschließende Signierstundenplaudergespräch mit dem Meister brachte ans Licht, dass der Herr Künstler mich auf 23 schätzt. 23. Mich! Unnötig zu erwähnen, dass ich das seither jedem erzähle, der das eigentlich gar nicht wissen will. Aber auch ohne dieses – vermutlich, unter Umständen, womöglich sogar ernst gemeinte – Kompliment wär’s ein schöner Abend gewesen.

Aber was ich eigentlich sagen wollte: heute früh hat ihn seine Deutschlandtour ins Radio geführt – David Sedaris zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. In den nächsten sieben Tagen kann man sich das hier noch mal anhören:

…und nachlesen kann man das Gespräch hier.

Und dass Schöner wirds nicht, Sedaris‘ aktuelles Buch, eine super Lektüre ist, erwähne ich nur zur Sicherheit, falls noch nicht klar genug geworden ist, dass ich ihn mag, diesen Mann, der mich auf 23 schätzt. Wo er mit seinen Fuffzig selber noch aussieht wie – nun ja… – 40.

siebenSACHEN vom 29. April 2008. Mit The Roots, Damien Dempsey, David Sedaris u.a.

– Super – schon wieder ne neue Damien Dempsey-Platte! Auf „The Rocky Road“ gibt’s wohl mehrheitlich Traditionals und Cover, das Album erscheint am 6. Juni in Irland und am 9. Juni in Großbritannien, die erste Single „A Rainy Night in Soho“ kommt am 30. Mai.

– Zehn Fragen an Keith Caputo stellt gaesteliste.de

– 109 Notizen, Storys und Bildchen, gemalt von den Lieblingskünstlern: Das Musikblog des Guardian stellt die originelle Fan-Sammlung Write Me Stories vor (gefunden hier).

A crowd at a rock show: die Typen 6, 7 und 10 gefallen mir am besten. (via)

David Sedaris schreibt im New Yorker übers Rauchen und Nichtmehrrauchen (was wohl auch Thema seines nächsten Buchs ist), hier das dazu passende Zeit-Interview aus dem Dezember 2007.

– Neues The Roots-Album „Rising Down“ anhören – hier.

– Der in diesem Blog schon öfter abgefeierte Bon Iver mal wieder: Flume, live im Radio.