Mein 2016: Lieblingskonzerte

Calexico, Leipzig, Juli 2016.

10 – Calexico, Leipzig, 21. Juli
Eine laue Sommernacht, Leipzigs mit Abstand schönste Open-Air-Location und dazu die zeitlosen Klänge von Calexico: es geht mir gut, es könnte weiß Gott schlimmer sein.

9 – Konstantin Wecker, Leipzig, 26. April
Gerade in diesem Jahr war es ein großer Segen, dass wir Menschen wie Konstantin Wecker haben. Diese Mischung aus Zorn, Tatendrang, Leidenschaft, Mitgefühl und Humor, die er so wunderbar verkörpert, scheint mir das einzig funktionierende Gegengift zu sein gegen all diesen neurechten, menschenfeindlichen Postfaktenpropagandascheiss unserer Tage. Ein großartiger Abend im Gewandhaus mit Langzeitwirkung.

The View, Leipzig, Februar 2016.

8 – The View, Leipzig, 3. Februar
Es ist ganz und gar nicht fair, dass bei diesem Konzert gerade mal zwanzig oder dreißig zahlende Gäste dabei waren. Im kleinen Saal des Täubchenthals spielte die Band um Stimm- und Songwritingwunder Kyle Falconer ein Set für die Ewigkeit. Britischer Poprock, wie er besser nicht geht – das nächste Mal kommt ihr alle mit, ja?

7 – Von Wegen Lisbeth, Leipzig, 7. Oktober
Ja, ich hab mich schon ein wenig alt gefühlt zwischen all den Teens und Twens in der Halle D vom Werk II. Aber zu keiner Sekunde hab ich bereut, dieses Konzert besucht zu haben. Die Berliner sind eine Hammerliveband mit großartigen Songs – und erfreuen uns hoffentlich noch lange, lange mit ihrer schlauen, großen Popmusik.

Ben Harper, Berlin, September 2016

6 – Ben Harper & The Innocent Criminals, Berlin, 25. September
Das haben sie gut gemacht: die Euphorie der Comebacktour von 2015 hinübergerettet in die erste „reguläre“ Albumtour nach der langen Pause. Ben und die Criminals, das ist auch 2016 und mit neuem Material eine höchst sehenswerte Kombination.

5 – Glen Hansard, Leipzig, 24. November
Einer der Abende, der Dir den Glauben ans Gute im Menschen zurück gibt. Was Hansard und sein überaus begabtes Dutzend Mitmusiker da auf der Bühne und später auch auf den Rängen des Gewandhauses veranstaltet haben, war ganz großes Kino. Und wie da ein sanfter Chor aus Band und Leipziger Publikum „So Long Marianne“-singend vorm gerade verstorbenen Cohen den Hut zog, werde ich mein Lebtag nicht vergessen.

Chris Barron, London, November 2016.

4 – Chris Barron, London, 13. November
Ob es das wert ist? Für eine gute Stunde Chris-Solo-Konzert einen Städtetrip nach London zu planen? Auch noch im ohnehin stressigen November? Und ob es das wert ist ist. Ein magisches, kleines Konzert, ein liebenswürdiges, wohlwollendes Publikum und wie so oft danach dann herrliche Gespräche mit Chris am Tresen. What a time to be alive.

3 The Tallest Man On Earth, Leipzig, 15. August
Immer noch Sommer, immer noch lau, schon wieder die herrliche Parkbühne in Eutritzsch. Diesmal aber keine Posaunen und Mariachiklänge, sondern die feinsinnigen, versponnenen und immer so ganz unmittelbar ans Herz gehenden Songs des Tallest Man On Earth. Ein ergreifender Abend.

2 Damien Rice, Vilnius, 4. Juli
Der botanische Garten von Vilnius im Regen. Es will partout nicht dunkel werden. Dann, gegen 10, kommt er endlich: der kleine Ire mit der großen Stimme. Und mit einer Show, die mich begeistert. Alleine mit einer Gitarre und ein, zweitausend Effekten und Loopdingsis. Genau die richtige Mischung aus Drama, Weltschmerz, Hoffnung und Humor. Plötzlich passt alles, sogar der Regen.

Gov't Mule, Berlin, Mai 2016.

1 Gov’t Mule, Berlin, 19. Mai
Dank Wecker, Barron, Harper, Hansard und Rice durfte ich in diesem Jahr so einige echte „Mund-bleibt-offen-stehen-und-Augen-werden-feucht“-Konzertaugenblicke miterleben. Doch am stärksten spürte ich dieses Glücksgefühl Mitte Mai im Huxleys in Berlin: die beiden Sets, die Warren Haynes und seine Kollegen da gespielt haben, waren einfach nur perfekt; der Run von Lay Your Burden Down über Far Away > Stratus > Whisper In Your Soul > Time To Confess bis Million Miles From Yesterday war schlichtweg nicht von dieser Welt.

Siehe auch:
Lieblingskonzerte 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009.

Mein 2014: Lieblingslieder

Damien Rice - My Favorite Faded Fantasy (2014)

10 Hudson Taylor – Battles
Though you may have won the battle, but I’ll take the fight to you. And your flag is on the ground and your bones they rattle, too.

9 Marcus Wiebusch – Der Tag wird kommen
Aber ja, es wird besser und der Tag ist in Sicht. Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht.

8 George Ezra – Get Lonely With Me
Well I don’t need petroleum and I don’t need no power, no I don’t need no fancy boots to get me from town to town.

7 Spaceman Spiff – Mind The Gap
Und alles, was sie uns mitgegeben haben, ist ‚Ausstieg in Fahrtrichtung links‘.

6 Morrissey & Marshall – You Are Who You Are
And your mind’s no use once sedated, so open it up! Let them know that you are who you are and you’re happy. You’re the writer, creator and soul, there’s no one like you.

5 Hozier – Take Me To Church
In the madness and soil of that sad earthly scene, only then I am human only then I am clean.

4 ClickClickDecker – Was kommt wenn nichts kommen will
Zwei linke Augen, wenn sich Strukturen vermischen, gut gemeint oder wirklich: es gibt nichts dazwischen. Wie viel wir vergessen, was wir glauben zu wissen, an den Folgen verzweifeln und immer weniger müssen.

3 Sinéad O’Connor – Your Green Jacket
Even though I know I’m not for you, is it ok to say I really do adore you? And I would give anything to be the one who kisses you.

2 Strand Of Oaks – JM
Either get out or stay in, I won’t let these dark times win: we got your sweet tunes to play.

1 Damien Rice – I Don’t Want To Change You
Wherever you are, you know that I adore you. No matter how far, well, I can go before you. And if ever you need someone, well, not that you need helping, but if ever you want someone, you know that I am willing.

Meine zehn Lieblingslieder 2014 gibt’s hier als Spotify-Playlist.

Siehe auch:
Lieblingslieder 2013 (Spotify), 2012 (Spotify), 2011 (Spotify), 2010 (Spotify), 2009 (Spotify), 2008.

Mein 2014: Lieblingsalben

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10 Brothers Keeper – Todd Meadows
Bei diesem Album drückt man auf Play und fühlt sich sofort „wie zuhause“. Das Trio Scott Rednor, Michael Jude und John Michel ist an sich schon ’ne Ansage: drei gestandene Musiker, die es nach Jahren des Tourens und Backing-Band-für-andere-seins nach Colorado verschlagen hat. Wenn dann aber noch Jono Manson und John Popper dazukommen und mit den dreien ein Album schreiben und aufnehmen, hat man im Handumdrehen DAS Rootsrock-Projekt des Jahres mit gleich fünf bemerkenswerten Frontmännern und – welche Seltenheit – nicht einem einzigen miesen Song.

9 Royal Blood – Royal Blood
Ich glaube, der Erfolg ist den beiden Jungs von Royal Blood selber ein wenig suspekt. Das Bass-und-Drums-sonst-nix-Duo aus England war in diesem Jahr Nummer 1 der britischen Charts und wird im nächsten Jahr diverse Festivals headlinen. Doch in der Tat hat in diesem Jahr nichts härter gegroovt als das Debütalbum der beiden. Songs wie „Out Of The Black“, „Little Monster“ und „Figure It Out“ sind mächtige Hits, und dieser auf’s Wesentliche konzentrierte, harte Sound von Royal Blood ist ein stolzes und gelungenes Statement gegen den auch 2014 in den Charts allgegenwärtigen überproduzierten Bubblegum-Schlager-Pop.

8 Stoppok – Popschutz
Nie und nimmer hätte ich geglaubt, dass es mal eine Stoppok-Platte in meine Jahresbestenliste schafft: so sehr ich seine Konzerte auch liebe, seine Alben waren schon oft zwiespältige Angelegenheiten. Freilich, mindestens eine Handvoll Hammersongs gab’s eigentlich immer, aber halt meistens auch ein paar Stücke, die mir entweder egal oder aber deutlich zu cheesy waren. Nicht so auf „Popschutz“. Hier ist wirklich jeder Track gelungen, die Platte hat einen ganz eigenen, eigenständigen Gesamtsound und Stoppoks aktuelle Band (u.a. mit Keyboarder und Gitarrist Sebel und Schlagzeuger Wally Ingram) ist schlichtweg ein Traum.

7 The New Basement Tapes – Lost On The River
Schon die Geschichte hinter den „New Basement Tapes“ ist toll: Starproduzent bekommt bislang unveröffentlichte Songtexte von Bob Dylan zur Verfügung gestellt, trommelt ein halbes Dutzend Weltklasse-Songwriter zusammen und lässt diese innerhalb von zwei Wochen neue Songs zu den Texten schreiben und aufnehmen. Tatsächlich übertrifft das Resultat die Geschichte noch einmal. Was Jim James, Rhiannon Giddens, Marcus Mumford, Taylor Goldsmith und Elvis Costello da unter der Leitung von T-Bone Burnett aus den 47 Jahre alten Dylan-Lyrics gemacht haben, ist fantastisch und hat das Zeug zum Klassiker.

6 Malky – Soon
Zwei bestens vernetzte Musiker aus dem Raum Mannheim (u.a. gearbeitet als Backingsänger und Songschreiber für Max Herre und Xavier Naidoo) „flüchten“ nach Leipzig, um hier in aller Ruhe und ohne Druck an einer eigenen Platte zu arbeiten. Schnell sprach sich rum, dass Malky live absolut sehenswert sind, und im Sommer 2014 war dann endlich „Soon“ fertig: ein Album zwischen Pop und Soul, zwischen Moderne und Retro-Sounds, das bundesweit für Aufsehen gesorgt hat. Bindeglied zwischen all den verschiedenen Klängen, Einfällen, Samples und Versatzstücken ist die Stimme von Daniel Stoyanov – ein Naturereignis.

5 Sinéad O’Connor – I’m Not Bossy I’m The Boss
Recht überraschend legte Sinéad O’Connor schon in diesem Jahr ein frisches Album vor. „Bossy“ ist der Nachfolger zu „How About I Be Me (And You Be You)“ von 2012 und – und das ist die eigentliche Überraschung – übertrifft diesen Vorgänger noch einmal um Längen. Wurde die Platte von vor zwei Jahren als Rückkehr zur Topform der Sängerin gefeiert, so ist die diesjährige Veröffentlichung nicht weniger als ein Triumph in Sachen Songwriting und Performance. Selten klang Sinéad klarer, selbstbewusster und zwingender als auf „I’m Not Bossy I’m The Boss“.

4 Blake Mills – Heigh Ho
US-Weltklassemusiker liegen dem kalifornischen Gitarristen und Songschreiber seit Jahren zu Füßen, Mills ist gefragter Sessionmusiker und Produzent. „Heigh Ho“ ist sein zweites Soloalbum und beweist eindrucksvoll, warum er so ein hohes Ansehen genießt. Klar, die Songs sind über jeden Zweifel erhaben, die Performances sowieso. Was diese Platte so besonders macht, sind die ungewöhnlichen Arrangements, die den Hörer herausfordern und fordern, aber eben auch überraschen und begeistern.

3 Damien Rice – My Favorite Faded Fantasy
Acht Jahre hat sich Damien Rice für sein drittes Album Zeit gelassen. „O“ und „9“, die Vorgänger, fand ich nett und interessant und so, sie hauten mich aber nie vom Hocker. Völlig anders war das in diesem Jahr bei „My Favorite Faded Fantasy“: vom ersten bis zum letzten Ton packt mich das, was der Ire hier zusammen mit Rick Rubin geschaffen hat. Lieder, deren Melodien sofort im Kopf bleiben, die sich Zeit lassen, um sich zu entwickeln und zu wachsen und die derartig schlau und einfallsreich arrangiert sind, dass man einfach nur applaudieren möchte.

2 Niels Frevert – Das Paradies der gefälschten Dinge
Wie schön, Neues von Niels! Das war mein erster Gedanke, als ich die Ankündigung von „Paradies“ las. Wie bitte, neues Plattenfirma, und dazu der Peter-Fox-Produzent? Waren meine nächsten Gedanken beim Lesen der Presseinfo. Warum sollte es gut sein, dass es Niels Frevert vom liebenswerten Indie Tapete zu Grönland Records, dem gar nicht mal so kleinen Label von Herbert Grönemeyer, zog? Alle Sorgen waren unberechtigt. Was Frevert hier gelungen ist, ist das vielleicht stimmigste Album seiner Solokarriere – opulenter aufgezogen als die letzten beiden Kammerpop-Platten; mit Liedern und Arrangements, die auch an die deutlich rockigeren Zeiten des Ex-Nationalgaleristen erinnern. Daran gibt es nichts, aber auch gar nichts auszusetzen.

1 Conor Oberst – Upside Down Mountain
Während seine Band Bright Eyes im Dornröschenschlaf ruht, kommt Conor Oberst mit seinem dritten Soloalbum um die Ecke. Und das ist derartig schön, unkompliziert, eingängig und reichhaltig, dass es sich mit deutlichem Abstand zu meiner absoluten Lieblingsveröffentlichung des Jahres hochrotiert hat. Conors Musik mag schon mal wütender, lauter oder abgedrehter gewesen sein – auf „Upside Down Mountain“ muss er nichts beweisen, sondern liefert „einfach nur“ einen über jeden Zweifel erhabenen Liederzyklus im Alterative-Country-Gewand ab. Fast schon nebenbei, im Vorbeigehen quasi. Oberst, Du Genie.

Siehe auch:
Lieblingsalben 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2006, 2005, 2004.