Neue Musik: Alberta Cross, Element Of Crime, Phish, Black Crowes, Howie Day u.a.

Eine nicht eben veröffentlichungsarme Zeit, die letzten Wochen. Alte Bekannte melden sich mal wieder zurück, und ganz neue Lieblinge kommen hinzu. Hier ein Überblick über die Platten, die mich in der letzten Zeit bewegt haben.

Alberta Cross – Broken Side Of Time (2009)
Volltreffer. Das erste „richtige“ Album der englisch-schwedisch-amerikanischen Band Alberta Cross ist ein Volltreffer. Ich liebe diese weiten Gitarren, diese hypnotisierende hohe Stimme, diesen Druck, diese Größe im Sound. Aber auch die sanfteren, folkigeren Momente sind von einer länger nicht mehr gehörten Erhabenheit. Für mich ist die Platte der Stunde – und allen anempfohlen, die was anfangen können mit Bands wie den Black Crowes, Blind Melon oder auch Gov’t Mule.

The Black Crowes – Before The Frost (Until The Freeze) (2009)
Wo ich schon mal bei den Gebrüdern Robinson bin: die neue Platte der Black Crowes ist ebenfalls sehr gelungen. Eingespielt live vor Publikum im Studio, eigentlich eine 11-Track-Platte, wer den der CD beigelegten Download-Coupon einlöst, kriegt nochmal neun Songs obendrauf. Eine gute Wahl, das neue Studioalbum quasi live zu produzieren, da merkt man erstmal, wie grandios aufeinander eingespielt die Herrschaften sind. Musikalisch kommen die Crowes eingängiger daher als auf ihren letzten Platten – sie erfinden sich freilich nicht neu, experimentieren aber bisweilen mit Disco- und Funkversatzstücken. Und das steht ihnen gut. „Warpaint“ war klasse, „Before The Frost“ ist besser.

Howie Day – Sound The Alarm (2009)
Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und Howie Day wäre der Guns’n’Roses / „Chinese Democracy“-Fall unter den Singer/Songwritern geworden. Nach seinem phänomenalen Album „Stop All The World Now“ (2003) kam erst der Erfolg („Collide“ wurde 2004 zu einem US-Top-40-Hit) und dann der Absturz (Alk, Exzesse, Entzug). Und die seit Ewigkeiten angekündigte neue Platte wurde immer weiter nach hinten verschoben. Jetzt ist Howies drittes Album endlich da, und – siehe da – das Warten hat sich durchaus gelohnt. „Sound The Alarm“ ist ein unterhaltsames Songwriter-Pop-Album ohne große Überraschungen, aber mit soliden Songs geworden. Ich freue mich, endlich diese Stimme wieder hören zu dürfen, auch wenn sie jetzt deutlich reifer und rauer (böse Menschen würden jetzt „verbrauchter“ schreiben) klingt als zu Beginn dieses Jahrzehnts.

Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie (2009)
Die neue EoC. Ich wüsste nicht, was ich dazu schreiben sollte, außer: endlich. Und: Danke.

Monsters Of Folk – Monsters Of Folk (2009)
Zu dieser Platte wurde ja inzwischen an jeder möglichen und unmöglichen Ecke des Internets was geschrieben. Meistens Lobeshymnen, und das zu Recht, wie ich finde. Conor Oberst, M Ward, Mike Mogis und My Morning Jacket-Sänger Jim James geben die Crosby, Stills, Nash & Young unserer Tage und bringen – was bei solchen „Supergroups“ ja eher ungewöhnlich ist – ein absolut stringentes, tolles Album raus. Die Songs stimmen, die Arrangements überraschen und keiner drängelt sich in der Vordergrund.

Phish – Joy (2009)
Also, dass ich 2009 mal über ein neues Phish-Studioalbum schreiben würde, hätte ich vor zwei, drei Jahren nicht für möglich gehalten. Und doch: Trey und seine Kollegen haben sich wieder zusammengetan, Anfang des Jahres drei jetzt schon legendäre Comebackshows gespielt und nun ist also „Joy“ da, das neue Album. Produziert von Steve Lillywhite, genau wie „Billy Breathes“, das wohl eingängigste Phish-Album aller Zeiten. Eingängig ist „Joy“ auch, und trotzdem kraftvoll und verspielt – die Band jammt munter herum, ist dabei aber melodieselig wie schon lange nicht mehr. Noch ein Volltreffer.

Robert Cray – This Time (2009)
…und auch Blues- und Soulveteran Robert Cray hat ein neues Album. Bei Cray ist es ein wenig wie bei Van Morrison – er klingt halt meistens gleich und es sind die Nuancen, die eine Platte von der anderen unterscheidbar machen. Schönerdings mag ich den Cray-typischen Sound einfach, ich steh‘ auf sein glasklares Gitarrenspiel, seine warme Stimme und seine moderne, frische Art, den Blues zu spielen – immer und immer wieder. „This Time“ ist da keine Ausnahme, und so freu ich mich über zehn weitere Stücke übers Verlassenwerden, Verlassensein, Verlassen und Verlieben.

siebenSACHEN vom 1. Dezember 2008. Mit Blind Melon, Phantom Planet, Jay Bennett u.a.

– Drunter und drüber: Blind Melon haben vor ein paar Wochen ihren Sänger gefeuert, wollen aber weiter machen.

– Keine Lust mehr: Phantom Planet machen Schluß und lösen sich auf.

– Neues: Todd Thibaud bringt im Januar sein neues Album „Broken“ raus, schon jetzt gibt’s einen Outtake umsonst (mp3).

– Umsonst: Ex-Wilco-Mann Jay Bennett verschenkt sein neues Album.

– Hochsaison: Die Jahresbestenlisten 2008 kommen – und der Largehearted Boy sammelt sie alle.

Better to put out three tracks five times a year than fifteen all at once: Bob Lefsetz über Alben, Singles und Indie-Bands.

– Video: Leo Blais – Slow Drivin

Blind Melon – For My Friends (2008)

Über die neue Platte von Blind Melon zu schreiben, dass sie total nach Blind Melon klingt, ist einerseits total dämlich, andererseits das wohl schönste Kompliment, das man ihr machen kann. Die Story im Schnelldurchlauf: Neo-Hippie-Folk-Rock-Band aus den USA, Riesenerfolg mit der Single „No Rain“ (1993), das zweite Album „Soup“ (1995) gerät zum Meilenstein, Sänger Shannon Hoon stirbt wenige Wochen nach Veröffentlichung durch eine Überdosis Kokain, Band löst sich auf, elf Jahre später treffen zwei der vier hinterbliebenen Blind Melon-Jungs auf Travis Warren, statt – wie ursprünglich geplant – Demos mit dem jungen Soloact aufzunehmen, wird Warren neuer Sänger der somit wieder vereinten Blind Melon, ausführliche Tour 2007, restlos ausverkauft, neues Album „For My Friends“ soeben erschienen.

Und das hat musikalisch eben genau diese typische, schrullig-schrammelige, detailversessene Anmutung, die schon Mitte der Neunziger die Kritiker bisweilen verwirrte, weil sie nirgendwo so richtig reingepaßt hat, aber den Charme der Musik ausmacht. Nun sind Blind Melon weiß Gott nicht die einzige Band mit einem Drogen-Todesfall, aber ausgerechnet die sensible Position des Sängers nach solch einer Tragödie treffend neu zu besetzen, ist schon ein heikles Unterfangen. Das in diesem Fall hervorragend gelungen ist: Travis klingt Shannon Hoon verblüffend ähnlich, aber doch eigenständig genug, um nicht zur plumpen Kopie zu verkommen – so schmerzlich der Verlust von Shannon auch zwölf Jahre später noch ist, die Blind Melon-Fans lieben den „Neuen“ (sicherlich nicht zuletzt, weil Hoons Mutter diesem ganzen Reunion-Dingens offiziell ihren Segen gegeben hat und aktiv unterstützt).

Und so symbolisiert diese Platte gleichermaßen Kontinuität wie Neuanfang, für die Band wie für ihre Hörer. Deshalb sei dieser Satz im Falle von „For My Friends“ gestattet und als Kompliment verstanden: die neue Blind Melon klingt total nach Blind Melon.

siebenSACHEN vom 6. Mai 2008. Mit Dave Matthews Band, Fettes Brot, Blind Melon u.a.

– Die schlimmsten Nummer-1-Hits der 90er listet Popdose auf.

It’s Over: My Brightest Diamond covert Roy Orbison, zu finden bei My Old Kentucky Blog.

– Großartig! Tim Reynolds spielt den ganzen Sommer über mit der Dave Matthews Band – damit wird die Band auf ihrer Sommertour gleich um drei Leute ergänzt – Butch Taylor (keys), Rashawn Ross (horns) und Tim (git). Freu‘ mich schon auf die Liveaufnahmen.

– Gleich noch mal DMB: es gibt einen neuen Fan-Podcast mit Liveraritäten etc. Hier die erste Folge (mp3).

– Das Bon Iver-Album in seiner vollen Schönheit kann man derzeit hier anhören – was ich hiermit ausdrücklich empfehle.

– Am Freitag steigt in Hamburg das letzte Konzert der aktuellen Fettes Brot-Tour, und das gibts als Livestream an mehreren Orten im Internet, u.a. auf intro.de.

Blind Melon („No Rain“) sind zurück – mit neuem Sänger und neuer Platte. Hier das Video zur ersten Single: „Wishing Well“.