Erinnern, gedenken und … feiern? (Ökumenische Notizen 3/3)

Zum Schluss ein paar Gedanken zum Stand der Ökumene heute, im Reformations-Gedenkjahr 2017.

„Der ökumenische Dialog kann heute nicht mehr von der Realität und dem Leben unserer Kirchen getrennt werden. Im Jahr 2017 gedenken lutherische und katholische Christen gemeinsam des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation. Aus diesem Anlass werden Lutheraner und Katholiken zum ersten Mal die Möglichkeit haben, weltweit ein und dasselbe ökumenische Gedenken zu halten, nicht in Form einer triumphalistischen Feier, sondern als Bekenntnis unseres gemeinsamen Glaubens an den Dreieinen Gott.“

Diese Sätze stammen von Papst Franziskus, er sprach sie im Mai 2016, als er in Rom von einer Delegation mit Christen der evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland besucht wurde. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: das Oberhaupt der katholischen Kirche spricht sich aus für ein gemeinsames Gedenken und ein gemeinsames Glaubensbekenntnis zum Reformationsjubiläum. Was wohl meine liebe Oma dazu sagen würde? Vielleicht würde sie dem Papst durch den Fernseher zurufen wollen: „Junge, bleib katholisch!

Das Wort „gedenken“ ist der Schlüssel. Als Katholik fällt es mir ganz ehrlich schwer, 500 Jahre Reformation zu „feiern“; schließt dies doch auch 500 Jahre Trennung, Ungerechtigkeit, gegenseitige Verletzungen mit ein. Selbstverständlich bin ich froh über die vielen Annäherungen der letzten Zeit. Denn auch das beobachte ich: noch nie waren sich Katholiken und Protestanten nach der Reformation theologisch, menschlich, spirituell wieder näher als in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Klar, wir sind noch lange nicht am Ziel, aber vielfach auf einem guten Weg. Der Reformation zu gedenken, mich an den großen Theologen Martin Luther zu erinnern, fällt mir als Katholik nicht schwer. Im Gegenteil, ich halte dieses Gedenken für wichtig und sinnvoll, genau wie das gemeinsame Glaubensbekenntnis.

Am Schluss dieser ungeordneten Gedanken soll der Satz eines Protestanten stehen. Ausgesprochen Ende August 2016 in der katholischen Kathedrale von Dresden-Meißen, der Hofkirche in Dresden. Es war bei der Einführung des neuen katholischen Bischofs. Natürlich war auch sein evangelischer Amtskollege, der sächsische Landesbischof, zugegen. Seine Grußworte klingen in mir nach bringen für mich auf den Punkt, warum mich als Katholiken das Reformationsjubiläum etwas angeht:

„Wir wollen als evangelische Christenheit das Reformationsgedenken mit Ihnen, den Katholiken, gemeinsam feiern – als ein Fest, das uns Christus näher bringt und das Christus ins Zentrum rückt. Unsere Einheit sind wir, der Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses wegen, allen Menschen gegenüber schuldig.

Ebenfalls erschienen:
Teil 1 – „Junge, bleib katholisch!“
Teil 2 – Gemeinsam und doch getrennt
Diese Texte erschienen ursprünglich in leicht geänderter Fassung als Audiobeitrag für den Hör-Adventskalender 2016 des Katholischen Blindenwerks Ost, an dem ich mich seit mehreren Jahren beteilige.

Suche Frieden!

LVZ Kolumne DH Oktober 2016

„Seht, da ist der Mensch“. Das war das Motto des Katholikentages Ende Mai in Leipzig. Nach dem Katholikentag ist vor dem Katholikentag – im Frühjahr 2018 steigt das nächste Großtreffen dieser Art, dann in Münster. Seit ein paar Wochen steht fest, welches Leitwort dieser Katholikentag haben wird: „Suche Frieden!“ Das Motto stammt aus dem Psalm 34: „Suche Frieden und jage ihm nach“, heißt es da. Diese Psalmen im Alten Testament waren damals ja Gassenhauer, weithin bekannte und gebräuchliche Lieder der Klage, der Bitte oder des Dankes. Der Psalm 34 gehört dabei zu den Dankliedern.

Obendrein hält er gute Tipps bereit, wie das mit dem Frieden „im Himmel und auf Erden“ funktionieren könnte. Aber bereits die Form dieses Psalms ist spannend, er ist ein Akrostichon. Das heißt, seine Verse sind in alphabetischer Reihenfolge verfasst; also für jeden hebräischen Buchstaben genau eine Zeile. Das an sich ist ja bereits ein schönes Bild: ein „ganzheitliches“ Danklied auf den Herrn, aber so richtig! Quasi 360 Grad, von A bis Z, von Anfang bis Ende. Mittendrin steht dann eben diese Aufforderung an die Menschen: „Meide das Böse, tue das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“ — „Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen“, fragt Gott in dem Lied die Menschen. Um dann gleich die Bedienungsanleitung hinterher zu schicken: „Bewahre Deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor betrügerischer Rede“.

Ja, klar, natürlich: wenn ein alter jüdischer Liedermacher solche Worte dem lieben Gott in den Mund legt, dann klingt das alles wahnsinnig einfach. Dabei ist es eine Lebensaufgabe, die ich immer wieder neu anpacken muss! Nicht Rumlästern oder Verleumden, sondern ständig prüfen: tue ich das Richtige? Nützt das, was ich mache, auch anderen, schafft es Frieden? Die Mühe, den Frieden zu suchen, mag groß sein – der Dank und die Liebe Gottes für meine Mühen sind es aber auch.

„Suche Frieden“ – ich freue mich, dass uns diese knappe, aber wichtige Formel bis zum Katholikentag 2018 in Münster begleiten wird. Denn sie liefert garantiert auch schon gute Impulse für das ökumenische Miteinander im kommenden Jahr: bei Reformationsgedenken und „Kirchentag auf dem Weg“ 2017.

Hinweis:
Diesen Text habe ich für die “Leipziger Volkszeitung” geschrieben, in der er am 15. Oktober 2016 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.