Spin Doctors – Live in Cincinnati (2004)

Revenge is sweet but success is sweeter, take the salt from my wounds and put it in my margherita.

Jetzt ist es amtlich, jetzt ist es definitiv. Die Spin Doctors sind unkaputtbar. Die Spin Doctors sind immer noch da. Und sie sind besser denn je.

Zwölf lange Jahre ist es inzwischen her, da waren sie ganz oben. „Little Miss Can’t Be Wrong“ , „Two Princes“ und Jimmy Olsen’s Blues“, das magische Hit-Trio, kam über die USA wie eine frische Brise. In einer Zeit, in der Grunge die Charts dominierte, kam dieser gut gelaunte Vierer aus New York City daher, und präsentierte Songs voller Witz, guter Laune und Melodien. In ihren Liveshows bewiesen sie ihre Musikalität. Ja, die Hits waren auch immer mit dabei, aber was die Spin Doctors live auszeichnete, waren ihre begnadeten, mäandernden Improvisationen, die brüllend komische Interaktion mit dem Publikum, und vor allen Dingen: diese Seele, dieser Groove, dieser Funk. Die Spin Doctors waren „das nächste große Ding“, und sie waren es zwei Sommer lang.

Dass diesem kurzen Ruhm vier knochenharte Jahre des Rumtourens, In-jeder-noch-so-kleinen-Kaschemme-spielens und nicht zuletzt des Erwachsenwerdens vorausgingen, fiel schon damals kaum jemandem auf. Musste es auch gar nicht: Lehrjahre sind nun mal keine Meisterjahre, und bis heute geht es unzähligen Bands so. Was aber nach all den Headliner-Touren, der Zeit als Vorband für die Rolling Stones, einem Titelbild auf dem US-„Rolling Stone“ und einem legendären Auftritt beim 1994er Woodstock-Festival folgte, ist das, was sich nur als eine der größten Tragikkomödien der neueren Musikgeschichte beschreiben läßt.

Hier der Plot im Zeitraffer: Die vier Mitglieder einer Rock-Funk-Jamband auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes zerstreiten sich, versuchen, mit immer wieder neuen Bandmitgliedern an alte Erfolge anzuknüpfen (was musikalisch fast immer gelingt, nur interessiert es irgendwann niemanden mehr). Just zu dem Zeitpunkt, an dem die Sterne wieder günstiger stehen, sie wieder einen Hit in der Tasche haben, den die ersten DJs bereits als Comeback-Hit rotieren lassen („The Bigger I Laugh The Harder I Cry“ heißt er, was für eine Ironie des Schicksals!), eine ausgedehnte Tour geplant und ein neues Album fertig ist, verliert der Sänger und kreative Kopf der Band (außer dem Schlagzeuger das einzige vom Original-Lineup verbliebene Mitglied) seine Stimme, im wahrsten Sinne des Wortes. Er kann nicht mehr sprechen, geschweige denn singen. Die Tour wird abgeblasen, der Sänger ein Dreivierteljahr ärztlich behandelt, die Band – auf Eis gelegt. Das war viele Sommer später, 1999.

Doch dann der Wendepunkt, die nicht für möglich gehaltene Peripetie: die Stimme des Sängers kehrt zurück, fester und souveräner denn je. Er schart alte und neue Freunde um sich, spielt Gelegenheitsgigs in New Yorker Jazzbars (und nennt seinen losen Musikerverbund „The Give Daddy 5“, den Nobelpreis für Humor bitte!), singt alte und neue Lieder und arrangiert sich mit der alten und neuen Situation, wieder ganz am Anfang zu stehen, als kleiner, unbekannter Musiker. Dann kommt das Angebot, das alles ändern wird: nur dieser Abend, nur dieses eine Mal, aus hehren Motiven, kommt, das tut Euch doch nicht weh. Die Wiedervereinigung für eine Nacht, die wahren Vier, wie in alten Zeiten. Das große, rührende Finale, im September vor drei Jahren.

Das große, rührende Finale? Nein, nur ein weiteres retardierendes Moment in dieser unglaublichen Geschichte. Der einen Nacht folgt die ehrliche Versöhnung, später folgt eine einwöchige Tour der vier durch kleine und kleinste Clubs der USA. Dann kommt gleich noch eine, dann eine ganze Sommertour mit anderen Bands, dann die nächste Tour, und noch eine… Womit wir in der Gegewart angekommen wären.

Die Spin Doctors 2004 sind, was das Personal betrifft, die selben wie vor dem Streit vor zehn Jahren. Aber sie weigern sich, ein Abziehbild ihrerselbst zu werden, schreiben neue Songs, verändern alte, spielen aber auch die alten Hits, voller Respekt, voller Hingabe, gerade so, als wären sie eben erst entstanden.

Am 12. September 2004 endete die diesjährige Sommertour der Doctors. Auf einem „Chili-Fest“ in Cincinnati, Ohio (so ne Art Stadtteilfest). Ja, die Zeiten ändern sich: da stehen ein paar hundert vor der Bühne, und nicht mehr tausende. Da ist kein Platinalbum, das es zu betouren gilt. Da stehen vier Herren Ende 30, die Musik aus Leidenschaft spielen. Die dem Publikum einmal mehr ihre so unnachahmlichen (gibt es das Wort uncoverbar?) Lieder vorspielen, es entscheiden lassen, welchen Song aus frühen Tagen es hören wolle, um ihm gleich danach einen neuen, mindestens genauso guten neuen um die Ohren zu schleudern. Da ist die alte Frau, die rummeckert, weil die Musik zu laut sei. Da ist der Sänger, der dieser Frau zur großen Freude des restlichen Publikums erklärt, was Rockmusik ist, warum verstärkte Gitarren lauter sind als unverstärkte und dass ein Stehplatz hinten am Bierstand in ihrer Situation ihrem momentanen Aufenthaltsort, direkt vor den Boxen, vorzuziehen wäre.

Knapp neunzig Minuten purer, glückseligmachender, mitreißender Rock’n’Roll. Euphorie. Jubelnde Menschen vor der Bühne, die ein Bestandteil der Show werden. Von einem Fan mitgeschnitten (das ist bei dieser Band erlaubt, ja von ihr sogar gewünscht) und dadurch unsterblich geworden. Im Internet erhältlich (Interesse? Beeilen! BitTorrents sind oft nur für wenige Wochen wirklich aktiv).

Ist das jetzt der Moment, an dem der Vorhang fallen müßte? Die Katharsis im kleinen, verborgenen? Alles gut, alles schön, alles nett? Oder ist es wieder erst die Ruhe vor dem nächsten Sturm? Die Band kommt bald nach Europa, nimmt zur Zeit ein Album auf, und will es auch veröffentlichen. Nächstes Jahr vielleicht, sagen die Spin Doctors. Und dann wirds auch wieder eine Tour geben, wenns nach ihnen geht.

Nein, so viel ist sicher: Der Vohang fällt noch nicht. Nächster Akt.

Spin Doctors
September 12, 2004
Goldstar Chilifest
Cincinnati, OH

Disc 1 – 48:51

01. What Time Is It? >
02. Nice Talking To Me*
03. Little Miss Can’t Be Wrong
04. Off My Line
05. My Problem Now** >
06. Happily Ever After**
07. Margerita**
08. Jimmy Olsen’s Blues
09. I’d Like To Love You But I Think You Might Be Crazy**

Disc 2 – 35:13

01. Sugar** >
02. Lady Kerosene
03. Two Princes
04. Big Fat Funky Booty
05. Cleopatra’s Cat
06. Yo Mamas a Pajama

Total – 84:05

Chris Barron – vocals
Eric Schenkman – guitar, vocals
Mark White – bass
Aaron Comess – drums

* – previously unreleased song (pre-1994)
** – previously unreleased song (post-2001)
Audience recording. Not for sale. Share and spread the music.

MEHR ZUM THEMA
Die Reunion der original Spin Doctors stieg am 7. September 2001 im legendären Wetlands Preserve in New York. Der Laden sollte eine Woche später dicht gemacht werden, aber vorher organisierten die Wetlands-Macher neine Reihe unvorstellbarer Konzerte: Reunions, One-Night-Only-Shows von Bands, die sich längst aufgelöst hatten und mehr. Die Geschichte des Wetlands ist nicht nur Teil der Geschichte der Spin Doctors, sie ist auch so absolut lesenswert. Hier gehts zur absolut unterhaltsamen Wetlands Story von Jesse Jarnow (jambands.com).

Gib mir Musik: New York Electric Piano – Hidden Path

„New York Electric Piano“, das sind die New Yorker Musiker Pat Daugherty (E-Piano), Tim Givens (Bass) und Aaron Comess (Spin Doctors, Schlagzeug). Vor zwei, drei Jahren haben sie ein Album veröffentlicht, das man durchaus als bahnbrechend beschreiben kann: Federleichte Instrumentalstücke, die oft wie Acid Jazz klingen, aber durchweg live eingespielt wurden. Ein warmer, einmaliger Pianosound sorgt für den nötigen Wiedererkennungswert. Die Platte, bis heute nur über US-Independent-Mailorder zu bestellen, wurde denn auch schnell zu einem wahren Insider-Tipp, und ist bis heute in vielen New Yorker Cafés und Kneipen als Barmusik zu hören. Aaron Comess hat auf seiner Website unlängst angekündigt, dass noch in diesem Jahr eine weitere NYEP-Scheibe erscheinen soll. Und siehe da, seit dieser Woche ist „War Oracle“ erhältlich. Bis die den weiten Weg aus den USA in heimische CD-Player schafft, kann es aber noch etwas dauern (Rezension folgt, sobald es soweit ist). Fürs erste lohnt sich die Probe aufs Exempel mit einem typischen Stück aus der ersten Veröffentlichung.

Das Stück „Hidden Path“ gibts hier.

PS: Das schreibt Aaron Comess über das Projekt NYEP: „New York Electric Piano is the brain child of Pat Daugherty. Pat is a pianist and songwriter whom I play with in many other groups. We made this album in four hours one night in Manhattan. I like this record and I highly recommend checking it out. Tim Givens plays upright bass in the group. Through the years, Tim and I have played together extensively in The City.

Mixtape (2): Schlechtwettersongs

Schlechtwettersongs: nicht, um Dich runterzuziehen, sondern um selbst die unerwartetste Regenhusche auch im Sommer mit ein paar herrlich melancholischen Songs zu überstehen (erstellt im Mai 2004).

01 BEAT DOWN SOUND – PIGLET’S LAMENT
Los gehts mit einem launischen Instrumental vom „September Sessions“-Soundtrack, einem Sampler von und mit Jack Johnson. Das Mistwetter zieht langsam, aber sicher herauf, und es wird Zeit, sich mit 80 Minuten Musik abzulenken…

02 PHISH – WASTE
…denn schließlich haben die Künstler auf diesem Mixtape die Einladung ausgesprochen: Come, waste your time with me! Eines der schönsten Lieder der Jamband-Helden rund um Trey Anastasio (vocals, guitar) und Mike Gordon (bass).

03 EELS – WODDEN NICKELS
Chefschrulle E von den Eels wirft bei so einem Mistwetter selbstredend auch einen Song in die Runde – „Wooden Nickels“ vom bis dato schönsten Eels-Album „Daisies from the galaxy“.

04 BIM SHERMAN – LOVER’S LEAP
Natürlich pieselts auch ab und an auf Jamaica, der Heimat von Bim Sherman. Unser lieber Buddy Bim, Gott hab ihn selig, weiß, womit sich der gemeine Jamaicanese den Platzregen versüßt – er macht ein bisschen Liebe in der Holzhütte seiner Wahl. Oder so.

05 THE MUSTARD SEEDS – QUICKSAND
Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr erinnern, wie das Wetter am 31. Oktober 1996 war. Aber ich kann mich noch sehr gut an das Konzert der Mustard Seeds aus Los Angeles im Anker in Leipzig erinnern, und Simone sicher auch. „Quicksand“ ist bis heute einer meiner Lieblingssongs dieser Combo, aus der ja leider irgendwie nie was geworden ist. Schade eigentlich.

06 BLIND MELON – SOUL ONE
Ähnlich wie Bim von von gerade eben dürfte auch dem Sänger dieses Liedes das Wetter auf Erden inzwischen reichlich egal sein, Shannon Hoon ist nämlich auch schon gestorben. Im zarten Alter von 28 Jahren, an einer Überdosis Heroin. Der Vollidiot. Aber egal – „Soul One“ wurde posthum veröffentlicht, und das ist unser großes Glück. So können wir nämlich diesen wunderbaren Song genießen, während es bei uns schifft, und dort, wo Shannon und Bim gerade sind, wahrscheinlich Elvis und Jimi gerade ne Runde schmeissen.

07 JOSEPH ARTHUR – SEPTEMBER BABY
Joseph dagegen ist quicklebendig, zumindest ist das mein aktueller Stand an Informationen. Wäre auch wünschenswert, denn mit Liedern wie „September Baby“ lässt sich jedes Unwetter überstehen.

08 ELEMENT OF CRIME – ES REGNET
„Und im Garten blüht die Illusion, das kenn ich schon, mal sehn, ob sich das Warten lohnt. Und immer wieder geht ein Regen nieder, und am Himmel hängt ein halber Mond.“ Sollte bei Dir irgendein Zweifel aufkommen, warum dieses Lied auf diesem Mixtape drauf ist, dann käme in mir ein Zweifel auf, ob Du noch bei Sinnen bist. Das ist ein Regenwettersampler!!

09 NICK DRAKE – WAY TO BLUE
Okay, ich verschweige besser, dass der gute Nick auch schon bei Shannon, Elvis, Jimi, Bim, Bam und Bino ist. Der hat sich – zur Abwechslung – aber selber umgebracht. Ganz ehrlich, ich merke erst jetzt, beim Tippen dieser Zeilen, dass hier der ein oder andere Verstorbene mit von der Partie ist. Das war aber keineswegs ein Aufnahmekriterium zu diesem Mixtape. Ich liebe dieses Lied, ich krieg bei jedem Hören eine Hammermördergänsehaut und feuchte Augen, und kann kaum glauben, dass diese Aufnahme bereits 34 regnerische Jahre auf dem Buckel hat – erschienen 1970!

10 NEW YORK ELECTRIC PIANO – EAST VILLAGE BUFFALO PUPPY
Die leben. Alle drei. Ehrlich! Das sind Aaron von den Spin Doctors, Tim von Give Daddy Five und Pat. Alle drei aus New York. Spielen das live, was andere mühselig am Keyboard designen – Acidjazz nämlich.

11 BLUES TRAVELER – ALONE
Und weil es in New York so nett ist, auch bei Regen, bleiben wir doch gleich dort, gehen die paar Straßen von Aarons Studio runter zum Probenraum der Blues Traveler. Da sitzt der Popper John und wurde gerade von seiner Freunding verlassen. Tolle Wurst. Andererseits: würde jeder Mensch mit Liebeskummer automatisch solche Songs schreiben, dann könnten sich die Menschen meinetwegen dauernd trennen. Is doch wahr.

12 PEARL JAM – INDIFFERENCE
Ganz, ganz verregnet muß es wohl auch gewesen sein, als Eddie Vedder dieses Lied geschrieben hat. „Indifference“ ist das bei Weitem schönste Lied, das ich von Pearl Jam kenne.

13 DANIEL HEINZE & ROBERT KRATZSCH – NE STUNDE VORWÄRTS
Ja, ich schwöre – als Robert und ich diesen Song aufgenommen haben, es war irgendwann 2002, hat es geregnet! Robert wollte nämlich eigentlich an den Cospudener See fahren, aber aufgrund der unangenehmen Witterungsbedingungen hat er sich dann doch dafür entschieden, ein wenig mit mir Musik zu machen. Und da haben wir dann dieses Lied aufgenommen. Komm, lass uns den Becher wieder fülln…

14 IVAN NEVILLE – SAME OLD WORLD
Guck mal, da, ganz hinten! Da sind keine Wolken mehr, da ist blauer Himmel. Könnte das etwa bedeuten, dass dieser Scheissregen bald vorbei ist?! Jaaa! Hurraaaa! Dann lass uns ein frohes Lied anstimmen, am besten das von Ivan Neville, in dem er singt, dass, egal, was passiert, die Welt doch eigentlich immer die selbe ist…

15 SINÉAD O’CONNOR – A HUNDRED THOUSAND ANGELS
Ein wenig Spiritualität ist im Falle eines langsam, aber merklich zu Ende gehenden Regens ja wohl mehr als angebracht. Die Sinéad, ein hoffnungsvolles Nachwuchstalent aus Irland, hat da eine nette Weisheit beizusteuern: There’s a hundred thousand angels by your side…

16 CORK – IN THIS WORLD
Der Erik von den Spin Doctors und der Corgy von Mountain sind ja auch da! Na, so eine Überraschung! Ach echt, die haben in der Zwischenzeit ein paar neue Lieder aufgenommen? Und eins davon ist herrlich melancholisch-postregnerisch-nachdenklich-optimistisch? Na, das passt ja wie die Faust aufs Auge! Dann lasst mal hören!!

17 TODD HORTON & BAND – QUEST
Nochmal fix zurück nach New York. In Aarons Studio sind nämlich ein paar weitere Musiker eingetroffen – zum Beispiel der Todd, der immer so schön Trompete spielt. Na, und wenn sich der Tim und der Aaron eh schon mit NYEP warmgespielt haben, dann könnte man doch eigentlich noch ein kleines Gleichhörtsaufmitregnenstück zum Besten geben, oder?

18 LENNY KRAVITZ – DESTINY
Das DER sich mal wieder blicken lässt, ist ja auch höchst erfreulich. Und er thinkt, he left seine past behind? Na, dann sing mal, wir lassen ja auch grade den rain behind, wenn du knowst, what we mean, Lenny…

19 THIMO SANDER – SONNE SCHEINT
Wie, Regen? War da was? Aber die Sonne scheint doch, guckt doch mal aus dem Fenster!

Mixtape (1): Spätsommersongs

Musik für die letzten sommerlichen Sonnenstrahlen, und die ersten kuschelig-nachdenklichen Herbstmomente. Möge Dich diese sanfte, meist sehr stille Musik ganz zart in die kühleren Jahreszeiten hinübertragen, und Dir immer mal wieder ein wissendes Lächeln auf die Lippen zaubern: „Der nächste Sommer kommt bestimmt!“

01 MAX – MORNING TIME
Den Anfang macht ein melancholisches Liebeslied einer britischen Band, aus der nie etwas wurde: Max. Die fünf Herren brachten 1992 ein wunderbar verträumtes, sehnsüchtiges Popalbum auf: „Silence Running“ ist ein gefragter Sammlerartikel geworden, aber mehr nicht. Schade eigentlich. Das bestechende Tempo und die sanfte Instrumentierung machen aus „Morning Time“ einen Song, der eigentlich täglich auf guten Radiostationen laufen könnte…

02 LENNY KRAVITZ – ELEUTHERIA
Ein entspannter Reaggae von Lenny Kravitz, aufgenommen in den frühen Neunzigern. „Eleutheria“ ist angeblich eine Insel irgendwo in der Karibik, auf der Herr Kravitz wohl das ein oder andere Jahr seiner Kindheit verbracht hat.

03 JASON MRAZ – YOU AND I BOTH
Der gute Jason aus Amerika ist so alt wie ich, schreibt leicht neurotische, aber immer sehr herzliche Lieder, und hat sich in den letzten 2, 3 Jahren in den Staaten eine recht ansehnliche Fangemeinde erspielt. Schuld daran sind unter anderem Songs wie dieser: „You And I Both“.

04 ELEMENT OF CRIME – DAS ALLES KOMMT MIT
Was für ein herrliches Lied! Sven Regener ist einfach einer der begnadetsten Poeten unserer Muttersprachregion. Ein Stück aus dem zweiten deutschsprachigen Album der Berliner Band, „Weißes Papier“. „Das alles kommt mit“ war ein Song, den ich eine zeitlang bei jedem Lagerfeuer, das gerade irgenwo entfacht wurde, zur Gitarre geschrammelt und aus voller Kehle gesungen habe… Nie schön, aber immer sehr leidenschaftlich.

05 BLUES TRAVELER WITH ZIGGY MARLEY – NO WOMAN NO CRY
Diese Performance läßt mich zur Zeit einfach nicht los. Wie die Herren Blues Traveler und Mister Bob Junior hier diesen Song interpretieren, ist schon geil – völlig respektvoll, trotzdem eigen und unaffektiert. Toll, toll, toll. Und keiner kann so lange wie John Popper – einen einzigen Ton halten…

06 MARC COHN – SAINTS PRESERVE US
Bleiben wir noch kurz in New York. Marc Cohn hatte mal einen Riesenhit mit „Walking In Memphis“. Aber auch die Alben, die nach dem Hit kamen, hatten es echt in sich, leider ohne eine allzu breite Öffenntlichkeit zu erreichen. „Saints Preserve Us“ (übrigens mit Aaron Comess von den Spin Doctors am Schlagzeug) ist eine der tollsten Nummern aus dem Album „Burning Daze“.

07 JELLYFISH – THE MAN I USED TO BE
Die Band Jellyfish galt im Jahr 1990 als „das nächste große Ding“ in den Staaten. Die Kritiker überschlugen sich vor Lobesarien auf das erste Album der Jungs, da wurde gar von den „neuen Beatles“ gesprochen! Ganz so extrem würde ich das nicht sehen, aber in der Tat ist das Debutalbum dieser fünf Herren eines der besten Popalben, die ich je gehört habe. Das hier ist der anfangs etwas schwermütige, zum Schluß hin dann aber quicklebendige Opener ihres selbstbetitelten Erstlings.

08 STOPPOK – UND RETOUR
Das nächste Stück hat musikalisch eine sehr ähnliche Grundstimmung wie „The Man I Used To Be“. Nur isses halt auf Deutsch gesungen, und nicht ganz so pompös. Und vor allen Dingen ist es natürlich ein völlig eigenständiger, anderer Song. Stoppok mit einer macho-esken Liebesschnulze, in gewohnt lakonischem Vortrag. Einfach ganz großes Kino. Aus dem sehr empfehlenswerten Stoppok-Album „Silber“. „Es schien, als wäre, im Grund genommen, jeder mit jedem auf den Hund gekommen…“

09 VANESSA PARADIS – AS LONG AS YOU ARE THERE
Da schleicht sich doch glatt der Herr Kravitz nochmal durch die Hintertür auf diesen Sampler. Soll er, gerne. Lenny hat nämlich in den frühen Neunzigern mal ein Album von Vanessa Paradis produziert. Und diese angenehm soulige Nummer ist einfach ein Lied, was man im September und Oktober gerne hören möchte. Immer noch fröhlich, aber längst nicht mehr so aufdringlich-schwül wie die ganzen Sommerhits, die glücklicherweise größtenteils hinter einem liegen.

10 BEN FOLDS – TINY DANCER
Nein, was freue ich mich auf Ende November!! Da werde ich diesen Herrn endlich wieder live erleben – und zwar genau so, wie Du ihn hier hörst: Solo, nur mit einem Klavier bewaffnet. Ben Harper ist einer der einfühlsamsten Songschreiber unserer Zeit. Und gleichzeitig ein ausgemachter Virtuose an den Tasten. Der Knabe kann tatsächlich mit dem Hintern, den Füßen und auch mit dem Rücken zum Klavier in die Tasten hauen. Was natürlich die im Grunde recht besinnliche Atmosphäre eines Ben Folds-Konzertes enorm auflockert. „Tiny Dancer“ ist von Bens wunderbarem Solo-Live-Album.

11 JOSEPH PARSONS – ANGELINE
Joseph Parsons ist einer dieser Musiker, die tagein, tagaus in irgendwelchen Kneipen und kleinen Clubs spielen, und immer mal wieder eine Platte aufnehmen, die dann auf einem Mini-Label veröffentlicht werden. In diesem Fall ein amerikanischer Musiker mit einem Label aus Baden-Würtemberg. Inzwischen ist Joseph Parsons auch Mitglied der Combo „Hardpan“, bei der ja auch sein Kumpel (und das meine ich tatsächlich so, die zwei sind gut befreundet) Todd Thibaud mitsingt.

12 COMPAY SEGUNDO & ANTONIO BANDERAS – BEAUTIFUL SOUL OF MARIA

Im vergangegen Jahr ist Compay Segundo gestorben, in einem gesegneten Alter oberhalb der 70. Compay war Teil des von Ry Cooder wiederentdeckten Buena Vista Social Club. Nach dem enormen Erfolg des BVSC hat Compay (sein Name bedeutet übrigens „zweiter Kumpel“, weil er im Social Club immer der war, der die Harmoniegesänge, also die zweiten Stimmen, übernahm) noch ein paar Soloalben rausgebracht. Und eine CD voller Duette. Wie zum Beispiel dieses ergreifende Stück mit dem Schauspieler Antonio Banderas. Sehr interessante Kombination, oder?

13 EELS – MISTER E’S BEAUTIFUL BLUES
Eine Gutelaunenummer von Obermegasuperschrulle E von den Eels. Das war die erste Single des fantastischen Albums „Daisies Of The Galaxie“. Aber nicht, dass dieser Song irgendwie regulär auf der Scheibe auftauchen würde, nö, das ist der versteckte Titel ganz am Ende der Platte. Er is halt eigen, der E. Aber er schreibt einfach tolle Lieder. Wie zum Beispiel dieses. Nein, das ist nicht Dein Telefon, was da gerade klingelt. Das kommt von der CD.

14 DAVID GRAY – SAIL AWAY
Jahrelang krähte kein Hahn nach ihm, inzwischen ist er einer der gefeiertsten Poppoeten der britischen Insel. David Gray aus Wales schaffte mit seinem Album „White Ladder“ nach vier schrecklich erfolglosen, aber dennoch umwerfend schönen Alben den Durchbruch. „Sail Away“ ist ein Stück aus dieser hypnotisierenden Sammlung. Diese Version, die Du hier hörst, ist allerdings die Single-Version, die etwa eineinhalb Jahre nach Veröffentlichung des Albums nochmal etwas aufgemöbelt wurde, und ein wenig frischer daherkommt als auf der Scheibe. Aber alles in allem ist es der gleiche Song. Nur mit mehr Bass.

15 WILLY PORTER – ANGRY WORDS
Und ganz ohne böse Worte oder Gefühle verabschieden wir uns langsam, aber sicher von diesem seltsam unspektakulären Sommer – zumindest, was das Wetter anbelangt. Aber immerhin versprechen uns die Wetterfrösche einen goldenen Oktober. Was ja auch viel Wert ist. Willy Porter liefert den Soundtrack zum ersten Blatt, was Du von einem Baum segeln siehst. Ja, es ist schon wieder soweit. But I have no angry words to say.

16 SMH – WIEDER EIN JAHR
Da kommt natürlich gleich noch ein Herbstsong hinterher. Das Lied fanden besonders die Mädels immer toll, wenn wir es live gespielt haben. Weil es doch so romantisch wäre. Komisch, dabei hab ich das Lied gar nicht als Jahreszeitenbeschreibung verstanden. Geschrieben am ersten Todestag meiner Großmutter, im Oktober 1997.

17 DAVE MATTHEWS BAND – THE SPACE BETWEEN
Ach, was haben sich die Fans aufgeregt. Wie konnte die DMB nur „Everyday“ veröffentlichen. Dieses schrecklich kommerzielle, glatt produzierte Album. Wo die Jungs doch unsere Alternative-Helden sind! Verrat! Alles Quatsch. Ja, mit „Everyday“ haben die Herren eine Platte gemacht, die deutlich mehr Menschen zugänglich war als die Platten zuvor. Aber betrachtet man sich mal die einzelnen Songs, kommt man nicht umhin zu attestieren, dass das alles sehr clevere, ausgereifte und ergreifende Kompositionen sind. So eine Ballade wie „The Space Between“ ist für mich einfach Weltklasse. Egal, was die stets unzufriedenen Hardcore-Fans meckern mögen.

18 OCEAN COLOUR SCENE – TELE HE’S NOT TALKING
Auf Ocean Colour Scene ist Verlaß – die vier schreiben einfach tolle kleine Lieder, die ins Herz treffen. „Tele He’s Not Talking“ stammt von meinem heimlichen Lieblingsalbum der OCS, „Marchin‘ Already“.

19 SUNHOUSE – HARD SUN
Mein kleiner Spätsommerzyklus endet mit alten Bekannten. Sowohl den Schlagzeuger dieses Stückes als auch die Backround-Sängerin haben schon eingangs für uns musiziert – im kleinen Kreis von „Max“. Es handelt sich um John Reynolds und Sinéad O’Connor. Die beiden unterstützen hier eine andere wunderbare Band, der völlig zu Unrecht eine große musikpublizistische Öffentlichkeit verwehrt blieb. Tja, so schließt sich der Kreis. Soll der Winter doch kommen.