What Made Milwaukee Famous – What Doesn't Kill Us (2008)

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Liebe auf den ersten Hördurchgang. What Made Milwaukee Famous ist meine Band der Stunde – letzte Woche hab ich sie zufällig in einem Podcast gehört und fand sie gut. Heute war das Album im Briefkasten. „What Doesn’t Kill Us“ ist ein 38minütiger Ritt durch die Popgeschichte. Vom zunächst verstörenden Drama im Opener „Blood, Sweat & Fears“ über die nur vordergründige Leichtigkeit der Single „Sultan“ (siehe Video) bis hin zu Meisterstücken wie „Resistance St.“ (mp3) und dem versöhnlichen „The Other Side“ am Schluß – die fünf Herren aus Austin verdichten Zutaten, die man von den Beatles, The Who, Neil Young, aber auch Radiohead, Muse und Screaming Trees kennt, zu einem dann doch recht eigenständigen und stimmigen Sound. Obendrein ist das geschmackvoll gestaltete Digipak, in das die CD gebettet ist, mal wieder ein guter Beweis dafür, dass physische Tonträger als Einheit von Musik und Artwork einfach eine stärkere Strahlkraft haben als praktische, aber „schnöde“ mp3-Downloads. „What Doesn’t Kill Us“ wird bei mir in der nächsten Zeit wohl auf Dauerrotation laufen: WMMF sind nicht Indie, nicht DIY, nicht everyblogger’s darlings – sie sind brillianter, großer Pop.

Jason Anderson – On The Street (2008)

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Was nix kostet ist nix wert? Diesen Spruch finde ich ja eh seltsam, und hier kommt mal wieder ein schöner Gegenbeweis. Jason Anderson aus New Hampshire verschenkt eine ganze EP („On The Street“) . Nicht vom eigenartigen Live-Intro abschrecken lassen; nach einer Minute kommen dann sieben Studioaufnahmen, die recht naturbelassen und direkt klingen. So sind „On The Street“ und „Omaha“ prägnante, rotzige Rocksongs, die Drums scheppern bisweilen etwas vordergründig, aber insgesamt ist die EP ganz schick und legt Todd Thibaud- und Bruce Springsteen-Assoziationen nahe. Ein Highlight ist „This Will Never Be Our Town“, weil es noch mal einen Zacken räudiger und aggressiver daherkommt als der gute Rest. Runterladen und selber hören: kost‘ nix, tut nicht weh, klingt gut.

Tobias Fröberg – Somewhere In The City (2006)

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Tobias Fröberg ist einer von den Musikern, über die der Rest der Welt offenbar schon seit Ewigkeiten Bescheid weiß. Nur ich hab offensichtlich den Gong nicht gehört und mir dieses geile Zeugs bisher durch die Lappen gehen lassen. Fröberg ist Schwede, beim 2006er „Somewhere In The City“ handelt es sich um sein zweites Album, inzwischen ist 2007 auch schon ein drittes erschienen. Das sind aber alles nur schöde technische Daten – auf die Musik kommt’s ja aber an. Die gewinnt ihre Größe durch clevere Sparsamkeit und eine ungezwungene Schönheit, die sich teilweise erst nach mehrmaligem Hören so richtig erschließt. Super Platte, für mich eine der Neuentdeckungen der letzten Tage. Und während ich das tippe, ist mir völlig klar, dass ich offensichtlich sooo 2006 sein muß, dass es fast schon weh tut.

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Video: Tobias Froberg – On God’s Highway (Takeaway Show 33):

Jack Johnson – Sleep Through The Static (2008)

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Wollte mal schnell meinem Ärger über die neueste Platte von Jack Johnson Luft machen. Ist ja alles schön und gut, was er da so vor sich hin musiziert; tut niemandem weh, ist nett und irgendwie okay. Aber das war’s dann eben auch schon. Auch auf die Gefahr hin, jetzt wie ein nostalgischer Griesgram zu klingen: ich erinnere mich an die Zeiten, in denen Songs wie „Flake“ und Alben wie „On And On“ kleine Offenbarungen waren und wir begeistert waren, weil das zwar leicht, gleichzeitig aber auch kräftig und relevant klang. Und heute? Unauffällige Liedchen, hier und da vielleicht mal eine Melodie, die hängen bleibt, alles so übertrieben klinisch und fast schon beängstigend ideal, um nebenher zu bügeln, zu stricken oder Staub zu wischen. Ich find’s schade.

Yeasayer – All Hour Cymbals (2007)

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Auch so eine Band, die ich nie und nimmer ohne das Internet kennengelernt hätte. Die Fakten: vierköpfige Band aus Brooklyn, bei „All Hour Cymbals“ handelt es sich um das im Oktober veröffentlichte Debütalbum, die Musik wird von der Kritik in etwa als Pop mit Ethno-Anleihen oder World Music im Indierock-Kostüm bezeichnet. Bloß, weil hier und da ein paar afrikanisch anmutende Gitarren und Gesänge zu ahnen sind, würde ich sie jedoch nicht unbedingt in eine Reihe mit Vampire Weekend stellen, um wegen dieser beiden Bands gleich einen Afro-Trend in der Rockmusik auszurufen. Während letztere nämlich dezidiert songorientierten Rock machen und sich dabei gerne mal paulsimonpetergabrielesker Elemente bedienen, vernehme ich bei den Yeasayer einen eher flächig-atmosphärischen Ansatz, der auf den Gesamteindruck abzielt und weniger auf das einzelne Stück. Ja, tatsächlich ist die Musik gerade anfänglich recht einnehmend, ich fühlte mich beim ersten Hören regelrecht von ihr „umhüllt“ (ein besseres Wort will mir gerade nicht einfallen). Zum Ende hin ist mir das Album dann allerdings zu monoton, die 46 Minuten Spielzeit wirken länger, weil der Effekt des „Fremden“, „Geheimnisvollen“ spätestens ab dem sechsten, siebenten Lied verpufft. Insgesamt ist „All Hour Cymbals“ ein angenehmer musikalischer Begleiter für jene Gemütslagen, in denen man sich auch ganz gerne Sachen von Beirut, Joseph Arthur oder Manu Chao anhört.

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Yeasayer – Sunrise (mp3)

Yeasayer – 2080 (mp3)

The Black Crowes – Warpaint (2008)

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Was war das für eine Aufregung neulich, als die Black Crowes eine vermeintliche Plattenkritik zum neuen Album „Warpaint“ in der US-Zeitschrift Maxim als Schwindel entlarvten, der Kritiker der Zeitschrift konnte die Platte unmöglich schon gehört haben! Mal abgesehen davon, dass ich in der Berichterstattung darüber die Vokabel „educated guess“ gelernt habe, musste ich mir sagen lassen, dass es wohl gängige Praxis bei manchen Publikationen ist, anhand vom Vorwissen über frühere Veröffentlichungen, einer Vorabsingle und eigener Prognosen Plattenkritiken zu schreiben, ohne das Album jemals wirklich gehört zu haben. Nicht die feine Art, zur Ehrenrettung der Kritiker-Kaste sei aber angemerkt: die Black Crowes machen es einem da aber auch nicht schwer, haben sie sich in den letzten knapp 20 Jahren nun wirklich nicht als große Innovatoren und Soundtüftler einen Namen gemacht. Hier trotzdem die Meinung Einschätzung eines Black Crowes-Fans, der die CD tatsächlich gehört hat. „Warpaint“, das erste Album seit 2001, ist absolut runder Rock mit tollen Gesänge, wummernden Orgeln, präziser und trotzdem bisweilen verträumter Gitarrenarbeit – stellenweise ist mir das etwas zu vorhersehbar und behäbig, letztlich fühle ich mich aber durchweg gut unterhalten. Mit „Oh Josephine“, „Evergreen“ und „Whoa Mule“ sind einige der besten Crowes-Songs überhaupt entstanden. Nichts Neues, aber schön.

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Bon Iver – For Emma, Forever Ago (2008)

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Genau dreidreiviertel Lieder dauert es, bis ich endgültig nur noch gebannt ins Nichts starre und in diese Musik versinke. Dabei weiß ich gar nicht viel über Justin Vernon alias Bon Iver („bohn eevair; French for ‚good winter‘ and spelled wrong on purpose“), außer, dass er neulich beim SXSW Festival auf viele Menschen mächtig Eindruck gemacht haben muss. Dann habe ich von ebenjenem Festival einen Konzertmitschnitt angehört, war angetan und habe mir das Album besorgt. Jetzt hör ich es ständig: irgendwie Folk, aber auch Pop, unverschämt zwingend, groß durch seine behutsamen Arrangements, erhaben die Stimme, rotzig im richtigen Moment, um nicht in die Kitschfalle zu tapsen. „For Emma, Forever Ago“ ist absolut ungeeignet zum Nebenbeihören, und das ist als Kompliment gemeint. Bei jedem Hördurchgang passiert es, an dieser einen Stelle von „The Wolves“ – ich starre ich nur noch vor mich hin. Nach genau dreidreiviertel Liedern.

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Bon Iver live beim SXSW Festival (NPR All Songs Considered Podcast, mp3):

Niels Frevert – Du kannst mich an der Ecke rauslassen (2008)

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Das Internet quillt dieser Tage über vor Lobeshymnen auf Niels Freverts neues Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“. Völlig zu Recht, ist Freverts drittes Soloalbum in Instrumentierung, Texten und Melodien doch das sanfteste, nahbarste Stück Musik, das er bisher veröffentlicht hat. Ich kenne keinen besseren Texter als ihn, und ich kenne keinen, der derart lakonisch und doch so auf den Punkt singt und spielt. Diese neun Songs, diese dreißig Minuten reißen mich immer und immer wieder mit. Kaum bin ich „Aufgewacht auf Sand“, will ich schon wieder „Baukran“ hören. Ob mir die E-Gitarre fehlt, zwischen all den Akustikgitarren, Streichern und Vibraphonen? Nur ein ganz ganz kleines bißchen, aber irgendwas zu meckern braucht man schließlich, um eine so schöne Platte überhaupt verdauen zu können.

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The Moog – Sold For Tomorrow (2008)

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The Moog sind eine fünfköpfige Rockband aus Ungarn. Irgendwie haben die es geschafft, in den USA jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was dazu führte, dass sie ihr Debütalbum „Sold For Tomorrow“ in Teilen sogar in Seattle aufnehmen und mit Jack Endino einen Mixexperten mit Nirvana- und Hot Hot Heat-Vergangenheit verpflichten konnten. Die Platte enthält ein paar sehr zwingende Songs, Lieder wie „Everybody Wants“, „I Like You“ oder „If I Died“ sind ohne Frage Ohrwürmer. Insgesamt klingen die Jungs aber seltsam nach Schülerband und verschießen schnell ihr Pulver, eine gewisse Langeweile stellt sich spätestens beim achten der zehn Songs ein. Und wenn ich sie jetzt noch als „die ungarischen Mando Diao“ bezeichne, dann wird das momentane Dilemma dieser Band deutlich: trotz all der hübschen Liedchen fehlt ihr ein eigenständiges Profil. Noch klingen sie zu auffällig nach all den anderen, nach Weezer und nach Phantom Planet und nach xyz.

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Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten (1)

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Seit drei Wochen quäle ich mich inzwischen durch den heftig diskutierten Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Zugegeben, so richtig aufmerksam auf diese fiktive Biographie eines reuelosen SS-Offiziers bin ich erst durch die radikalen Verrisse geworden, die das Buch hierzulande bekommen hatte – und die so sehr im Gegensatz stehen zu den Lobeshymnen, die man in Frankreich auf Littells Buch gesungen hat. Quälen ist übrigens das richtige Wort und dennoch bereue ich bis jetzt keine einzige Seite (bin etwa auf Seite 800, also habe noch gut 600 Seiten vor mir). Mal ekelt mich das, was da geschildert wird, mal wundere ich mich über mich selbst, weil ich für diesen Offizier in wenigen Passagen sogar so etwas ähnliches wie Sympathie empfinde. Soviel kann ich jetzt schon mal sagen: dieses Buch als Gewaltpornographie abzutun, scheint mir verkehrt und unsachlich. „Die Wohlgesinnten“ fordern mich, mehr als mir lieb ist (rund um Ostern könnte man auch erbaulicheres oder leichteres lesen) – sie lassen mich aber auch nicht los. Fortsetzung folgt.