Angstfrei stark machen für eine weltoffene, bunte Gesellschaft

Bericht von der Frühjahrsvollversammlung des Katholikenrates im Bistum Dresden-Meißen

ZWICKAU. Für den umfassenden Schutz nationaler Minderheiten und Sprachminderheiten in Europa hat sich der Katholikenrat im Bistum Dresden-Meißen ausgesprochen. Auf seiner Frühjahrsvollversammlung in Zwickau verabschiedete er einstimmig eine Erklärung zur Unterstützung der Bürgerinitiative Minority SafePack. Diese sammelt derzeit europaweit Unterschriften, um die Minderheitenrechte in der EU zu stärken. “Welchen Reichtum das Miteinander mit nationalen Minderheiten bedeuten kann, erleben die Menschen in unserem Bistum im Zusammenleben mit den Sorben. Kulturelle Vielfalt verstehen wir als ein Geschenk Gottes, das es zu beschützen und zu bewahren gilt”, heißt es in der Erklärung. Unterzeichnen kann man für dieses Anliegen auf der Internetseite minority-safepack.eu.

Ebenfalls mit einer einstimmig verabschiedeten Erklärung unterstützen die Kirchenvolksvertreter das Ostritzer Friedensfest vom 20. bis 22. April. Mit einem bunten Familienfest wollen die Ostritzer ein Zeichen für Freiheit, Menschlichkeit, Frieden und Weltoffenheit setzen, während zur gleichen Zeit in einem Hotel der Stadt ein Neonazi-Treffen stattfinden soll, zu dem aggressive Kern der rechtsextremen Szene erwartet wird. Höhepunkt der Provokation ist hierbei das gewählte Datum um den Geburtstag Hitlers. Der Katholikenrat begrüßt, “dass die Ostritzer Kirchgemeinden, Verbände, Initiativen und Einrichtungen zeigen wollen, wie bunt, vielfältig und freundlich die Stadt und der ganze Freistaat sind” und fordert die Katholiken im Bistum auf, das “Ostritzer Friedensfest” im Gebet oder ganz konkret durch den Besuch der Veranstaltung zu begleiten: “angstfrei, gewaltfrei, lebensfroh und selbstbewusst”.

Starke inhaltliche Impulse gab Referent Frank Richter den Teilnehmenden der Frühjahrsvollversammlung im Gemeindesaal der Zwickauer Pfarrei “Heilige Familie”. Mit dem Blick auf das Motto des bevorstehenden Katholikentages in Münster, “Suche Frieden”, bot der Geschäftsführer der Dresdner Stiftung Frauenkirche und ehemalige Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung einen persönlich gefärbten Blick auf die aktuelle Situation in Sachsen. Während das “Auseinanderdriften” der Gesellschaft immer gravierender werde – etwa zwischen arm und reich, jung und alt oder Stadt und Land – und er durchaus drastisch diagnostiziert: “In Sachsen ist der Teufel los”, bleibt der in Meißen geborene Theologe dennoch hoffnungsvoll. “Es mag zunächst platt rüberkommen, doch ich bin davon überzeugt: wir müssen alle wieder mehr beten”, so sein Fazit nach dem angeregten Gedankenaustausch mit den Ratsmitgliedern. “Denn aus dem Gebet heraus entsteht in uns eine Kraft, die uns schon einmal den Mut gegeben hat, die Gesellschaft positiv zu verändern – in der friedlichen Revolution von 1989.”

Neben der Beschäftigung mit aktuellen politischen Fragen standen auch interne Themen auf der Tagesordnung der Frühjahrsvollversammlung. So besprachen die rund 30 Delegierten in einer ersten Lesung den Entwurf einer neuen Ratssatzung, die den strukturellen Veränderungen im Zuge des bistumsweiten Erkundungsprozesses Rechnung tragen soll. Als Einzelpersönlichkeit wurde der Dresdener Pädagoge Benno Kretschmer-Stöhr neu in den Katholikenrat gewählt; im Vorstand unterstützt künftig Mathias Kretschmer aus Leisnig das Team um die Vorsitzende Martina Breyer.

Der Katholikenrat im Bistum Dresden-Meißen (früher: Diözesanrat) ist die demokratisch gewählte und anerkannte Vertretung des Kirchenvolkes und repräsentiert die katholischen Frauen und Männer aus den Pfarreien, Verbänden und Initiativen Sachsens und Ostthüringens. Die nächste Vollversammlung des Gremiums ist für den 26. und 27. Oktober in Schmochtitz geplant.

Disclosure:
Dieser Text ist von mir im Auftrag des Katholikenrates im Bistum Dresden-Meißen für verschiedene kirchliche Medien verfasst worden. Ich bin selbst Mitglied des Katholikenrates und kümmere mich dort u.a. um die Öffentlichkeitsarbeit.

Fotos: Stephanie Hauk, Daniel Heinze.

Pflege-Debatte nach CDU-Tweet

So hat sich der CDU-Politiker Erwin Rüddel das nicht vorgestellt. Auf Twitter wollte er am letzten Wochenende* für die Ergebnisse der GroKo-Koalitionsverhandlungen in Sachen Pflege werben. Er forderte, dass „Pflegende anfangen, gut über die Pflege zu reden“ – und die Politik würde andererseits ihren Teil leisten. Wer denn also bei Twitter oder in anderen Netzwerken was Gutes über Pflege zu sagen habe, solle seine Gedanken doch mit dem Hashtag #gutezeitenfürgutepflege verschlagworten und so zu einer breiten, schönen Debatte beitragen. Soweit die Idee des Bundestagsabgeordneten.

Das ging aber ordentlich nach hinten los. Als Reaktion auf Rüddel machte nämlich seitdem ein völlig anderer Hashtag Karriere: #twitternwierueddel – abertausende Pflegende berichten von ihrem Berufsalltag. Davon, wie schwer und anstrengend es ist, in diesem Sektor zu arbeiten. Zum Teil mit beißendem Spott. So schreibt etwa @monjaeszehhah: „Du willst wissen, was in dir steckt? Komm in die Pflege und versorge 30 multimorbide Patienten zu zweit im Frühdienst!“ Und @Chaosundich twittert: „Wenn du morgens um 7 Uhr die liebe, alte Dame auf der Toilette sitzend findest, weil die Nachtschwester ihr um 2.08 Uhr gesagt hat, sie komme gleich wieder. Und sie es vor lauter Arbeit vergessen hat.“

Krasse Geschichten und harte Kommentare, oder? Wenn auch nur die Hälfte der Tweets wahr ist, dann verdeutlicht das, was für ein Riesenproblem Deutschland auf dem Pflegesektor hat: viel zu wenig Personal, unterbezahlt, restlos überarbeitet. Und die sollen bitteschön „gut über Pflege“ reden? Wenn der Twitter-Patzer von Erwin Rüddel für etwas gut war, dann, dass er die Diskussion um die Pflege wieder ordentlich angeheizt hat. Der Politiker hat es tatsächlich geschafft, dass die Menschen über ihre Berufe erzählen – und die Gesellschaft aufrütteln. So wird deutlich, dass es mehr als lauwarme Kompromisse in Koalitionsverhandlungen braucht. Es braucht einen „großen Wurf”, der das Gesundheitssystem nachhaltig verbessert. Warme Worte und öffentlich bekundete Wertschätzung allein ändern nichts an einer Situation, an der sich ganz offensichtlich dringend was ändern muss.

* – Hinweis:
Diesen Text habe ich für die Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er am 10. Februar 2018 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

Der Jakobsweg zum Hören

Seit einigen Jahren hat mein Freund und Kollege Marcus Poschlod das Pilgern für sich entdeckt. Klar, dass er als Radiomann auch schon mal den einen oder anderen Moment auf seinen Jakobsweg-Trips nach Santiago de Compostela per Handymikrofon festgehalten hat: Begegnungen am Wegesrand und Pilgerherbergen voller Schnarcher zum Beispiel. Zurück zuhause entstand daraus ein ganzes Hörbuch, entspannt erzählte Notizen und Geschichten gemischt mit eben jenen Camino-O-Tönen. Eigentlich war das ganze „nur“ als Weihnachtsgeschenk für seine Freunde gedacht (ich Glückspilz war einer der Beschenkten). Doch inzwischen hat Marcus eingesehen, dass es enorm schade wäre, wenn ihm nicht auch der Rest der Welt beim Pilgern zuhören könnte.

Kurz und gut: das kann er nun. Marcus‘ Pilgererinnerungen gibt es jetzt als „richtiges“ Hörbuch und ich freue mich, dass ich im Hintergrund ein wenig zur Entstehung beitragen konnte. Das Ergebnis – besonders die wunderschöne CD-Edition mit extra Fotobooklet – könnt und solltet Ihr hier bestellen. Außerdem ist aus dem ganzen Projekt auch noch eine abendfüllende Bühnenshow entstanden. Diese hat am Mittwoch (31. Januar) im Leipziger Elsterartig Weltpremiere. Dringende Hingehempfehlung!

Zu Gast im Leipzig Fernsehen

Neulich war ich zu Gast in Tim Thoelkes Sendung „Tim im Turm“ bei Leipzig Fernsehen. Wir haben über meine neue CD geredet, aber auch übers Radiomachen, die katholische Kirche und meinen Hang zu Künstlern mit Achterbahnkarrieren … Die Sendung könnt Ihr jetzt im LF-Nachtprogramm sowie in der Mediathek des Senders anschauen.

Mein 2017: Ein Fazit.

Woah, einmal Vollbremsung, bitte! Was war das denn bitte für ein pickepackevolles 2017? Es beginnt in Jerusalem, acht Uhr morgens bei strahlender Sonne auf dem Ölberg. Der erste 2zueins!-Gig als Trio – insgesamt werden es stolze fünf. Der 80. Geburtstag meines Vaters. Vier Tage Abtauchen ins Hofer Tonstudio-Exil. Neuerdings Vereinsvorsitzender. Berlin, Dresden, Schmochtitz, Hamburg. Zum ersten Mal Münster. Zum vierten Mal Rom. Lutherjahr. Weiterbildung in München. Burgstädt. Konzerte, Konzerte. Urlaub mit einem 77jährigen: London, Salisbury, Stonehenge. Der 40er-Geburtstagsreigen im Freundeskreis läuft. Jena, Dresden. Berlin. Unplugged-Studio-Session mitten im Hochsommer. Dann ein Marathon-Herbst: von der Hochzeit meines Neffens Ende August bis zur Record-Release-Party Ende November kein freies Wochenende. Medienkongresse, Patenkinderbesuche, Vollversammlungen. Videodrehs. Stuttgart. Bonn. Glauchau. Klassentreffen. St. Benno in Meißen. Und Brahms in Görlitz. Familienausflug ins Miniatur-Wunderland nach Hamburg. Grünkohl, Weihnachtsfeiern, noch ein Gig – schon ist Weihnachten.

Wie gerne würde ich dieses Jahr 2017 als schönes, volles Jahr mit viel Musik (bin stolz auf die selbst gemachte und froh über die gehörte und gesehene) und tollen Reisen abheften. Doch Ende April ist eine meiner ältesten und besten Freundinnen gestorben – viel zu früh, viel zu plötzlich. Gewiss wird das das Ereignis sein, das mir später mal beim Erinnern an 2017 als erstes in den Sinn kommt. Man könnte meinen, über die Jahre entwickelt man eine gewisse Routine im Abschiednehmen von geliebten Menschen. Entwickelt man aber nicht. Es tut immer wieder neu weh.

2017, Du warst eine Herausforderung. Als sei man ständig auf der Überholspur unterwegs gewesen. Mein Vorsatz für 2018: Fuß vom Gas.

Hier noch einmal meine Lieblings-Listen 2017 im Überblick:
Lieblingsalben 2017
Lieblingskonzerte 2017
Lieblingslieder 2017

Danke, werter Besucher, für’s Mitlesen, Dabeisein, Begleiten und Beobachten im Jahr 2017 – ich freue mich auf 2018 und viele neue Lieder, Bücher, Reisen, Eindrücke, Momente und Blogeinträge.

Ältere Jahresrückblicke:
2016 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder),
2015 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2014 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2013 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2012 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2011 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2010 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2009
2008
2006
2005
2004

Mit Sachsens Buß- und Bettag zu Gast in der Domradio.de-Morningshow

Gestern, am 22. November, war ja in Sachsen gesetzlicher Feiertag, der Buß- und Bettag. Und was gibt es da Schöneres, als den Wecker auf 7 Uhr zu stellen, um wenige Minuten später in der Morningshow auf Domradio.de ein Kollegengespräch zu diesem aus NRW-Sicht „exotischen“ Feiertag zu führen. 🙂 Die Abschrift unseres Talks gibt’s direkt beim Domradio.

Timmerevers: „Jeder ist eine Mission – an seinem oder ihrem Ort“

Katholikenrat diskutiert auf Herbstvollversammlung über die Zukunft des Bistums

SCHMOCHTITZ (11. November 2017). „Großartig, was die Bischöfe hier zur Zukunft der Kirche geschrieben haben – fortschrittlich, modern, auf Beteiligung aller ausgerichtet. Doch wie können wir diese Vision von Kirche am besten zu den Gläubigen in unseren Dekanaten, Verbänden und Gemeinden tragen?“ Angelika Pohler aus Leipzig ist beeindruckt vom 2015er Dokument „Gemeinsam Kirche sein“ der Deutschen Bischofskonferenz. Gemeinsam mit Bischof Heinrich Timmerevers und rund dreißig weiteren Delegierten aus den Gemeinden, christlichen Gemeinschaften und Verbänden diskutierte sie bei der Herbstvollversammlung des Katholikenrates im Bistum Dresden-Meißen am vergangenen Wochenende im Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz das Schreiben zur Erneuerung der Pastoral.

Für Bischof Heinrich liegt das die Antwort auf diese Frage ganz nahe. Er ermutigte die Mitglieder der Kirchenvolksvertretung, selbst aktiv zu werden und zu bleiben, jede und jeder an seinem oder ihrem Ort: „Um es mit Papst Franziskus zu sagen: ‚Ich bin eine Mission‘ – dieser Gedanke sollte uns allen in Fleisch und Blut übergehen. Wer glaubwürdig lebt, kann andere mitreißen und für Gott begeistern. In unseren Gemeinden, aber und gerade auch darüber hinaus.“

In der Diskussion über die Zukunft des Bistums Dresden-Meißen überraschte der Bischof mit seiner Antwort auf die Frage, ob er sich eine gemeinsame Synode von Kirchenleitung und Kirchenvolk vorstellen könne. „Ja, kann ich. Allerdings nicht jetzt. Derzeit laufen in unserem Bistum so viele wichtige Dinge wie etwa der Erkundungsprozess oder die Überarbeitung der Räteordnung, da würde eine ‘Synode obendrauf’ alle überfordern und verunsichern – mich eingeschlossen.“

Weiteres Schwerpunktthema der Herbstvollversammlung war die Rolle der Christen in Gesellschaft und Politik, besonders im Blick auf die Ergebnisse der diesjährigen Bundestagswahl. Hierzu lieferte Thomas Arnold, Leiter der Katholischen Akademie des Bistums, Impulse und Analysen. Martina Breyer, Vorsitzende des Katholikenrates, berichtete außerdem vom Treffen des Ratsvorstandes mit Ministerpräsident Stansilaw Tillich; ebenso informierte der ratsinterne Ausschuss “Familie und Soziales” über seine Arbeit. Den Delegierten wurde auch ein neuer Kommunikationsleitfaden präsentiert; außerdem stellte der neu gegründete Verein „engagiert-katholisch.de – Trägerverein für das Engagement von Katholiken im Bistum Dresden-Meißen in Kirche und Gesellschaft e.V.“ sich und seine zukünftigen Arbeitsfelder vor.

In einer letzten großen Arbeitseinheit erörterten die Delegierten schließlich den aktuellen Arbeitsstand der AG Räteordnung. Dieses vom Bischof 2016 einberufene Gremium erstellt derzeit Vorschläge für die künftigen Strukturen der Räte auf Gemeinde-, Dekanats- und Bistumsebene. Hierbei wurde besonders über das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen und die künftige Rolle der Dekanate diskutiert.

Der Katholikenrat im Bistum Dresden-Meißen (früher: Diözesanrat) ist die demokratisch gewählte und anerkannte Vertretung des Kirchenvolkes und repräsentiert die katholischen Frauen und Männer aus den Pfarreien, Verbänden und Initiativen Sachsens und Ostthüringens. Die nächste Vollversammlung des Gremiums ist für den 10. März in Zwickau geplant.

Disclosure:
Dieser Text ist von mir im Auftrag des Katholikenrates im Bistum Dresden-Meißen für verschiedene kirchliche Medien verfasst worden. Ich bin selbst Mitglied des Katholikenrates und kümmere mich dort u.a. um die Öffentlichkeitsarbeit.

Fotos: Stephanie Hauk, Rafael Ledschbor, Daniel Heinze.

3. Quartal 2017

Gehört:
Ryan Adams – Prisoner B-Sides
Arcade Fire – Everything Now
Chris Barron – Angels And One Armed Jugglers
Blues Traveler – 2017-07-14 – SummerNight, Schenectady, NY
Phoebe Bridgers – Stranger In The Alps
Jake Bugg – Hearts That Strain
Bukahara – Phantasma
The Cat Empire – Live at Woodford Folk Festival 2007
The Cat Empire – Live at Stage 88 2006
Childhood – Universal High
Charlie Cunningham – Spotify Live
Deaf Havana – All These Countless Nights
Deep Banana Blackout – 1999-04-22 – Wetlands, New York, NY
Deer Tick – Deer Tick Vol. 1
Deer Tick – Deer Tick Vol. 2
Doc Robinson – Deep End
Faber – Sei ein Faber im Wind
Ian Felice – In This Kingdom Of Dreams
Ben Folds – So There (Piano/Vocal)
Ben Folds – Live In Perth
Fortuna Ehrenfeld – Hey Sexy
God Street Wine – Gots To Rewind
Helgen – Halb oder gar nicht
Iron & Wine – Beast Epic
Garland Jeffreys – 14 Steps To Harlem
Stu Larsen – Resolute
Sarah Lesch – Da draussen
Max Richard Leßmann – Liebe in Zeiten der Follower
James Maddock – Insanity vs. Humanity
Manchester Orchestra – A Black Mile To The Surface
Dave Matthews Band – Live 25
Dave Matthews Band – DMBlive 1995-07-09 Des Eurockeenes, France
Dave Matthews Band – Live Trax, Vol. 39: 1998-10-31 The Arena in Oakland
Dave Matthews Band – Live Trax, Vol. 42: 2007-09-14 Sound Advice Amphitheatre
Dave Matthews Band – Live Trax, Vol. 43: 2004-07-27 HiFi Buys Amphitheatre, Atlanta, GA
Declan McKenna – What Do You Think About The Car?
Van Morrison – Roll With The Punches
Mr Jukes – God First
My Morning Jacket – 2017-07-15 – Forest Hills Stadium – Queens, NY
Sinéad O’Connor – Ireland 2010-2013 (radio broadcasts) (bootleg)
Joan Osborne – Songs Of Bob Dylan
Joan Osborne – Live Dylan EP
Phish – 2017-07-18 – Nutter Center, Dayton, OH
Phish – 2017-07-21 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-22 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-23 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-25 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-26 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-28 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-29 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-07-30 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-08-01 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-08-02 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-08-04 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-08-05 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Phish – 2017-08-06 – MSG, New York, NY (Baker’s Dozen)
Próxima Parada – Big Seven
Queens Of The Stone Age – Villains
Josh Ritter – Gathering
Chris Robinson Brotherhood – Barefoot In The Head
Chris Robinson Brotherhood – Summer 2017 Tour Exclusive Tracks
The Stone Foxes – Visalia
The Tallest Man On Earth – The Tallest Man On Earth with yMusic
Trettmann – #DIY
Van William – The Revolution EP

Gesehen:
Ryan Adams, Tempodrom, Berlin
Die Höchste Eisenbahn, Parkbühne Geyserhaus, Leipzig
Neufundland, Parkbühne Geyserhaus, Leipzig
No King, No Crown, Beatpol, Dresden
Conor Oberst, Beatpol, Dresden
Paradisia, Tempodrom, Berlin
Plan B Dresden, Frühstück im Grünen, Dresden

Gelesen:
Tobias Braune-Krickau, Katharina Scholl, Peter Schüz (Hg) – Das Christentum hat ein Darstellungsproblem. Zur Krise religiöser Ausdrucksformen im 21. Jahrhundert
Marianne Heimbach-Steins et. al. – Grundpositionen der Partei „Alternative für Deutschland“ und der Katholischen Soziallehre im Vergleich
James Martin SJ – Building a Bridge: How the Catholic Church and the LGBT Community Can Enter into a Relationship of Respect, Compassion, and Sensitivity
Gisela Mayer, Andreas Unger – Begegnung mit dem Leid. Sensibel berichten und recherchieren
Yassin Musharbash – Jenseits
Roger Willemsen – Wer wir waren. Eine Zukunftsrede

Alles, nur kein blinder Gehorsam

Der streitbare Leipziger Schriftsteller Steffen Mohr wird 75*

Fragt man Steffen Mohr, welche Berufsbezeichnung er für sich am zutreffendsten findet, muss er nicht lange über die Antwort nachdenken: „Lebenskünstler, ganz klar. Ich hab sogar Visitenkarten, auf denen das draufsteht: Steffen Mohr, Lebenskünstler. Letztlich ist es genau das.” Genau das – und doch so viel mehr. Der Leipziger könnte seine Visitenkarte auch guten Gewissens mit Berufen wie Schriftsteller, Liedermacher, Krimiautor, Feuilletonist oder Radio- und Fernsehmacher dekorieren. In diesem Sommer feiert er seinen 75. Geburtstag. Eine gute Gelegenheit, um Rückschau zu halten auf ein bewegtes Leben und ein bewegendes Lebenswerk.

Bei Erdbeerkuchen, Tee und Ibuprofen geht es in der Küche seiner Lößniger Wohnung auf einen Parforceritt durch die Jahrzehnte. Eine fiese Erkältung hat er sich eingefangen; auf die geliebten Zigaretten mag er dennoch nicht verzichten – sie gehören zum liebenswürdig-kauzigen Gesamtkunstwerk Mohr genauso dazu wie die Wandergitarre und die prallen Mappen voller Lied- und Textmanuskripte, meist abgefasst in seiner markanten, stolzen, präzisen, unnachahmlichen Handschrift.

Auf der Bühne, bei seinen Lesungen, Kabarett- oder Liederprogrammen, fühlt sich Steffen Mohr wohl wie ein Fisch im Wasser: wild gestikulierend, pointiert vortragend, mit einer tiefen, kräftigen, nuancenreichen Stimme. Er zetert, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten anzuprangern. Er singt von der Liebe und schwärmt von den Frauen wie ein Maler, der nur in den prächtigsten Farben zeichnet. Er schwitzt, gibt alles, ist euphorisch, spuckt schon mal Gift und Galle. So sorgt er dafür, dass er seinem Publikum dauerhaft in Erinnerung bleibt: Den Schülern, die er spielerisch an Literatur heranführt, indem er mit ihnen hanebüchene Geschichten erfindet. Den Zugereisten, die ungläubig staunen über das, was dieser Freigeist in DDR-Zeiten verzapft, sich getraut und ertragen hat. Den Psychatriepatienten, die mit ihm im Rahmen ihrer Therapie Rätselkrimis lösen. Den Frommen, die schon mal Schnappatmung bekommen, wenn er sich die Amtskirche vorknöpft. Den Gleichaltrigen und Weggefährten, die spüren, dass da einer weiß, wovon er spricht. Den Mitläufern und Großkopferten, denen er mit seiner unverblümten Art gerne mal auf die Schlipse tritt.

Kaum zu glauben, dass so ein „Hans-Dampf-in-allen-Kunstgassen” ursprünglich mal katholischer Priester werden wollte. „Doch, doch”, insistiert er, „ich war fest verbunden mit meinem Jesus und bin es immer noch! Die Dominikaner, allen voran der in Leipzig wirkende Pater Gordian, beeindruckten mich als Jugendlichen zutiefst.” Er wollte so werden wie Gordian – ein Predigermönch, wortgewaltig und voller Empathie, angstfrei das Evangelium verkündend, gerade in Zeiten des Kommunismus. „Ich dachte, ich würde der Bertolt Brecht Gottes!” Also besuchte er 1960 nach dem Abitur einen Vorbereitungskurs für das Theologische Seminar. Hier galt er jedoch schnell als Störenfried; die kritischen Nachfragen des hoch politisierten Jugendlichen waren unerwünscht. Schließlich sagte es ihm ein Lehrer klipp und klar ins Gesicht: Steffen, aus Dir wird im Leben kein Priester, Dir fehlt der Gehorsam.

Heute, beim Erinnern am Küchentisch, schmunzelt er darüber – damals stürzte ihn das Urteil des Lehrers in eine Sinnkrise. Und nun? War er quasi zu christlich für den Sozialismus und zu sozialistisch für die Kirche? Er konnte doch nicht anders, als alles zu hinterfragen, zu protestieren, wo er ihm nötig erschien. Vorgefertigte Antworten ungefragt zu übernehmen, war ihm ein Graus. „Der hatte ja völlig Recht damals. Ich und Gehorsam? Das hätte niemals funktioniert.”

Stattdessen schlug Steffen Mohr den einzigen anderen Weg ein, den er sich für sich vorstellen konnte. Er wurde Künstler, erarbeitete sich Diplome als Theaterwissenschaftler und Schriftsteller. Der „Widerstandsgeist” (O-Ton Mohr) fand seine berufliche Heimat in der DDR im Schauspiel, in Literatur und Musik. Was ihm freilich trotzdem regelmäßig Ärger bescherte – gelegentlich mit der Polizei, häufig mit der Stasi. Das Genre des Kriminalromans war und ist Mohr immer besonders nah. Doch auch durch Lieder oder als Regisseur von Theaterstücken übte er immer wieder subtile Systemkritik, blieb er als Erwachsener ein politischer und frommer Stürmer und Dränger.

Es sind diese vermeintlichen Widersprüche, die Steffen Mohr ausmachen: Der tiefgläubige Mann, der sein Leben nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Ex-Frauen sortiert. Der Einzelkämpfer auf der Bühne, der gleichzeitig Vater von sieben Kindern ist. Der Vollblut-Künstler, der seinen Beruf als Handwerk versteht. „Ich bin doch kein Dichter oder gar Lyriker im klassischen Sinne, sondern bediene mich halt der Werkzeuge, die mir mein Beruf so bietet.” So passt es ins Gesamtbild, dass dieser Nonkonformist schon mal zum Vereinsmeier wird, wenn es nur der richtigen Sache dient. Als Gründungsmitglied und Vorsitzender der „Freien Literaturgesellschaft Leipzig” organisiert er unter anderem alljährlich den „Sächsischen Literaturfrühling”. „Im Verein muss ich zwischen dreißig Schriftsteller-Egos und unterschiedlichsten Weltsichten vermitteln. Das fordert mich. Weil Diplomatie nun nicht gerade meine Kernkompetenz ist”, grinst er und zündet sich eine weitere Zigarette an.

Nach Aufhören ist dem demnächst 75-jährigen noch nicht zumute. Zum einen hält ihn das Kind seiner Ziehtochter, sein Quasi-Enkelchen, auf Trab: „Ich liebe es über alles!” Zum anderen sind da die Ideen für mindestens zwei weitere große (Kriminal-)Romane, in denen er einige düstere Kapitel seines eigenen Lebens verarbeiten möchte. „Ich hoffe und bete, dass mir dafür noch genug Zeit und Kraft bleiben.” Auch geht es natürlich weiter mit den Lesungen, Konzerten, Rätselkrimis und Kinderbüchern. Steffen Mohr kann gar nicht anders, als die Bühnen, die sich dem gestandenen Lebenskünstler bieten, zu bespielen – und sie auszufüllen.

* – Hinweis:
Dieses Porträt habe ich aus Anlass des 75. Geburtstags von Steffen Mohr in diesem Sommer für „angezettelt – Das Informationsblatt des Sächsischen Literaturrates“ geschrieben. Erschienen ist es Ende April im Heft 2/2017, das das Schwerpunktthema „Christentum und Literatur“ hatte.

Lob des Alltags

Heute* sind jede Menge sechs- und siebenjährige Leipziger ganz besonders aufgeregt und stolz, denn heute ist Schulanfang. Da gibts jede Menge gute Wünsche und prall gefüllte Zuckertüten. Doch ist das Fest erst einmal vorbei, beginnt für die Mädchen und Jungen der Schulalltag. Aber nicht nur für die Erstklässler geht in diesen Tagen der „Ernst des Lebens“ los, sondern für die meisten Leipziger. Die Ferien sind vorbei, die einen packen Ranzen und Sportbeutel, die anderen machen sich mit Brotbüchse und Thermoskanne auf den Weg zur Arbeit. Der Alltag hat uns wieder.

Da schwingt immer ein gewisses Bedauern mit. Ja, im Sommer, in den Ferien, da war alles toll. Da waren die fernen Reiseziele, das Nichtstun, das Meer, die Berge, die Zeit für die Familie. Herrscht erst wieder Alltag, werden die Urlaubserlebnisse zu Erinnerungen, sehnen sich viele recht bald nach einer nächsten Unterbrechung.

Dabei ist Alltag nicht nur schlecht. Im Gegenteil. Die Mitmenschen, die mich jeden Tag begleiten, die Aufgaben, die auf mich im Beruf warten, der wöchentliche Stammtisch oder die Vereinssitzung: Auch mein Alltag kann viele schöne Momente bereithalten. Termine, die ich nicht nur als Stress empfinde, sondern als Bereicherung meines Lebens – wie die Zeit zum Spielen mit den Kindern am Nachmittag etwa oder das Feierabendbierchen.

Weh dem, der seinen Alltag stets nur als Belastung, Zeitverschwendung oder gleichförmigen Trott empfindet; der jeden Morgen aufwacht und den Tag verflucht, der vor ihm liegt. Wer so empfindet, sollte schleunigst was an seinem Alltag ändern. Ich muss ja nicht gleich euphorisch alles Normale bejubeln und abfeiern. Aber wohl fühlen sollte ich mich in der Zeit, die den Hauptteil meines Lebens ausmacht, schon.

Und: erst durch den Alltag kann es überhaupt auch Höhepunkte im Leben geben! Egal, ob Geburtstage, Reisen, Partys, Konzert- oder Kinobesuche – die Vorfreude gehört dazu. Auch wollen viele Höhepunkte im Leben liebevoll und gut vorbereitet werden. Auch dafür brauche ich den ganz normalen Lauf der Dinge. Ob Erstklässler, Schüler, Berufstätige oder auch Senioren: Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Alltag als wertvolle Lebenszeit wahrnehmen – jeden Tag aufs Neue!

* – Hinweis:
Diesen Text habe ich für die Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er am 5. August 2017 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.