Der neue Leipzig-Podcast ist da

Weil ich länger nicht mehr auf ihn hingewiesen habe, sei kurz der Leipzig-Podcast von Heldenstadt.de erwähnt. Heute ist die 35. Folge erschienen, Guido und ich unterhalten uns in loser Folge über die Themen rund um Leipzig, die uns wichtig oder besprechenswert erscheinen. Diesmal geht’s u.a. um die Karrierepläne des Oberbürgermeisters und die Pannenserie bei den neuen XL-Trams der Leipziger Verkehrsbetriebe. Reinhören und abonnieren kann man das alles hier – viel Spaß!

Konzerte, Aprilscherze, Seen und Messen: es besteht Redebedarf.

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Guido und ich mussten mal wieder reden – immerhin sind fast zwei Monate seit dem letzten Podcast für Heldenstadt.de vergangen. Und so haben wir denn eine Stunde lang geplaudert und die Aufnahmegeräte mitlaufen lassen. Wir sprechen u.a. über die Buchmesse zurück, den besten Stadtverwaltungs-Aprilscherz aller Zeiten, die Elefanten im Zoo, den Zwenkauer Sees, Großbaustellen, die Leipziger Zeitung und die jüngsten Leipzig-Gastspiele von Wanda und Olli Schulz. Wer reinhören mag, kann das hier tun, den Podcast abonnieren könnt Ihr hier (RSS) oder natürlich auch bei iTunes.

Läuft.

So eine Woche Urlaub sieht von vorne ja immer enorm vielversprechend aus: sieben Tage Zeit! Um Auszuspannen und um all die tausend Dinge zu machen, auf die man schon seit langem Lust hatte. Diese unendlichen Möglichkeiten! Das Ende vom Lied? Statt Tag für Tag neue Bäume auszureißen, ist man so faul wie eh und je – vielleicht sogar noch ein wenig fauler als sonst – und vollbringt im Urlaub dann doch nur einen Bruchteil von dem, was eigentlich möglich war.

Kurz und gut: meine Urlaubswoche geht grade zu Ende, ab Montag ist wieder Alltag angesagt. Aber statt mich zu grämen über all die Dinge, die ich in den letzten Tagen nicht gemacht habe, finde ich es schöner, die freien Tage versöhnlich ausklingen zu lassen. Statt zu klagen über In-der-freien-Zeit-nicht-Vollbrachtes geb ich deshalb lieber mal ein kurzes Update zu dem, was in den letzten Monaten so alles passiert ist.

Am vergangenen Sonntag haben Heiko und ich ein Video gedreht. Genauer, wir saßen rum und haben alle anderen um uns herum ein Video drehen lassen – vier Kinder, die die Hauptdarsteller des Clips sind, und zwei ausgewiesene Fachmänner, die richtig Ahnung davon haben, wie ein cooles Filmchen auszusehen hat – Benjamin und Maurice. Der Anlass für das Video, das Ihr voraussichtlich im September begutachten könnt? Ist einen weiteren eigenen Absatz wert.

Wir haben unsere Platte endlich fertig! Jawoll, 2zueins! haben es geschafft, ihr drittes Album fertig zu bauen – und wir sind extrem stolz auf das, was wir da in den letzten dreieinhalb Jahren (unglaublich!) zusammengebastelt haben. Die Platte heißt „Euer Ja sei ein Yeah!“, ist natürlich unfassbar super und funky und deep und rockt wie Hulle, kommt im September raus und braucht ein Video, um beworben zu werden – und genau deshalb saßen Heiko und ich am letzten Sonntag in einem muffigen alten Keller in Leipzig rum und haben uns von vier Kindern, nun ja, verschönern lassen. Aber mehr sei noch nicht verraten – wir sind ja selber auf den finalen Clip gespannt, und natürlich darauf, wie die geneigten Hörer denn unser neues Album finden werden. Nach dem 8. September wissen wir’s, dann gibt’s die elf neuen Songs als CD (todschickes Digipack, 16 Seiten Booklet und so – dringende Kauf- und Weiterschenkempfehlung!!!) und Download überall zu kaufen.

Neue Platte, neues Video, und auch sonst jede Menge Termine, Ideen und Projekte: vielleicht gar nicht so schlecht, dass meine zu Ende gehende Urlaubswoche viel fauler war als geplant – jedenfalls hab ich das Gefühl, dass meine Akkus wieder etwas voller sind. Ich freu mich auf das, was da kommt; gelobe, hier wieder ausführlicher darüber zu berichten; und stürze mich nun voller Faulheit in die letzten 24 Stunden meiner Auszeit, bevor ich ihn am Montag wieder gut gelaunt herzen, knuddeln und umarmen werde – den guten alten Kumpel Alltag.

Ein Stöckchen voller Fragen

Der nette Herr LePettre hat mir vor ein paar Tagen zehn Fragen in Form eines Blog-Stöckchens zugeworfen, die es nun endlich mal zu beantworten gilt. Nun denn:

Was würdest du tun, wenn du noch einen Tag zu leben hättest?
„Buy a beer, find a place to stand, have a couple of laughs and hear the band, smoke a couple of your favorite brand, wake up with a stamp on the back of your hand.“

Spaghetti esse ich am liebsten mit …
… Tomatensauce, Käse, Wein und Freunden.

Leipzig sollte aufpassen, dass nicht …
… irgendwann die, die am lautesten schreien, das Sagen haben.

Wann beginnt dein Tag normalerweise? Was machst du als erstes?
So gegen halb sieben. Aufstehen.

Star Wars oder Star Trek?
Star Trek, hands down.

Modeblogs finde ich …
… faszinierend! Was es im Weltraum, diesen unendlichen Weiten, nicht alles gibt.

Hast du einen Fernseher? Wenn ja: Wie groß und welche Sendungen schaust du am liebsten?
Hab ich. Er ist sehr groß, sehr flach und am liebsten guck ich darauf US- und BBC-Serien, Youtube und Livekonzerte. Außerdem lass mir ganz gerne von Claus und Marietta die Welt erklären.

Was denkst du zur NSA-Affäre? Hast du seitdem etwas verändert?
Am meisten ärgert mich, dass dieses ganze Themenfeld so wenige Menschen interessiert. Verändert hat sich leider vor allem der Grad meines Vertrauens in gesellschaftliche und rechtsstaatliche Grundprinzipien.

Mein Lieblingskuscheltier als Kind war …
…ein braungrauer Teddybär mit Hosenträgern und fehlender, weil abgefallener Stupsnase.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?
„Buy a beer, find a place to stand, have a couple of laughs and hear the band, smoke a couple of your favorite brand, wake up with a stamp on the back of your hand.“

Ein alter Brauch will es, dass man einmal selbst aufgefangene Stöckchen nach Gebrauch an andere Blogger weiter wirft. Im Falle dieses speziellen Stöckchens soll man sich wohl auch zehn neue Fragen einfallen lassen. Nun, dann bitte ich hiermit hochoffiziell Jakob („Nach der Reise ist vor der Reise“), Rebekka („Ilses Enkel“) und Frau Grande um die Beantwortung folgender Fragen:

Dein Lieblingsrestaurant in Leipzig?
Miltitz oder Meusdorf?
Beatles oder Stones?
Bücher kauft man am besten …
Welcher ist dein Lieblingsort in Leipzig?
Welche Platte ist für Dich die wichtigste aller Zeiten?
Für welchen guten Zweck würdest Du Geld spenden / spendest Du Geld?
Wir hatten Bubble Tea. Wir hatten FroYo. Was kommt jetzt?
What Does The Fox Say?
Dein letzter Gedanke gestern vor dem Einschlafen?

Mein 2012: Ein Fazit

Every Moment Can Be Joyous, London, March 2012

Zunächst: Tempo, Tempo. Hamburg, Köln, Berlin, Erfurt. Wunderbare Tage in London. Musik, Musik, Musik. Heldenstadt: mehr bloggen denn je. Konferenzen. Tagungen. Moderationen. Studium. 2zueins: Konzerte, viel Spaß im Studio, neues nimmt allmählich Form an. Bonn. Irgendwo bei Bonn. Estland: Tallin, Clowns, Cafés, Nächte ohne Dunkelheit. Helsinki. Unterwegs sein. Aufnehmen, einatmen, aufsaugen, inhalieren.
Später: Zwangsentschleunigung. Dieses Flimmern. Runterfahren, abschalten, ausatmen, loslassen. Halb so schnell. Klarkommen. Klarwerden. Kein Bock mehr. Weniger Termine, mehr Schlaf. Überhaupt: Schlaf. Herbe Verluste: Dirk Bach zum Beispiel. Nils Koppruch zum Beispiel. Mist, das.
Schließlich: Wieder Fahrt aufnehmen. Behutsam diesmal, halb so schnell, doppelt so intensiv. Weiter unterwegs sein. Weil’s das nun mal ist für mich. Dankbar sein für so viele Freunde, so viel Liebe. Viel gelernt in diesem 2012. Viel erlebt, viel gesehen und eingesehen. Warst ein gutes Jahr, 2012. Nicht trotz, sondern weil.

Every Moment Can Be Joyous, London, March 2012

Hier noch einmal meine Lieblings-Listen 2012 im Überblick:
Lieblingsalben 2012
Lieblingskonzerte 2012
Lieblingslieder 2012

Danke, werter Besucher, für’s Mitlesen, Dabeisein, Begleiten und Beobachten im Jahr 2012 – ich freue mich auf 2013 und viele neue Lieder, Bücher, Reisen, Eindrücke, Momente und Blogeinträge.

Ältere Jahresrückblicke:
2011 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2010 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2009
2008
2006
2005
2004

siebenSACHEN vom 10. Januar 2012: Kunming, China. E-Reader ohne Zukunft? Taizé wird katholisch. Die YouTube-Story. The Black Keys.

China-Reisetagebuch (Mein Freund Jakob ist gerade in Kunming in China und bloggt von dort, jamue.wordpress.com):

Wir stapften durch so so enge Gassen, es stank nach Kloake und Müll und die Eingänge waren dunkel und dreckig. Dennoch schien es in diesem Viertel alles zu geben. Kleine Garküchen versorgten auch dort die Bewohner mit frittierten Hühnerkrallen, verkauften halbe Hunde (vor allem das Hinterteil mit Schwanz) und kleine Kioske sorgten für den Rest der Waren des täglichen Bedarfs.

mittelfinger hoch 2011 (Frank Lachmann über 2011, argh.de):

zwanzigelf war das jahr, in dem fingernägel schneller wuchsen als sonst, in dem kontakte zu bekannten wurden und bekannte zu freunden und freunde zu guten und gute zu todesanzeigen und menschen zu weit weg. die initialen des jahres waren schwarz/weiß, und genau deswegen war die tinte unter der haut bunt.

“The E-Reader, as we know it, is doomed” (Gegenrede von Instapaper-Macher Marco Arment auf eine düstere E-Reader-Prognose von The Loop-Autor Matt Alexander, marco.org):

I don’t think the e-reader is “doomed” at all. It may just be relegated to a fringe device for reading nerds, but that’s what it’s been for most of its lifespan as a category and it’s been fine.

The Stoner Arms Dealers: How Two American Kids Became Big-Time Weapons Traders (Guy Lawson, rollingstone.com)

„Dude, if you had to leave the country tomorrow, how much would you be able to take?“ — „In cash?“ — „Cold, hard cash.“ — Diveroli pulled the car over and turned to look at Packouz. „Dude, I’m going to tell you,“ he said. „But only to inspire you. Not because I’m bragging.“ Diveroli paused, as if he were about to disclose his most precious secret. „I have $1.8 million in cash.“

Taizé wird katholisch (Christian Modehn, publik-forum.de):

Über Jahrzehnte pflegte die Bewegung von Taizé eine ökumenische Spiritualität. Doch ihr europäisches Jugendtreffen in Berlin offenbarte jetzt: Die Bruderschaft – einst vom Protestanten Roger Schutz gegründet – ist sehr katholisch geworden.

Streaming Dreams (Wie aus der Idee für YouTube ein Millardengeschäft wurde. John Seabrook, newyorker.com):

YouTube was created by three former employees of PayPal, in a Silicon Valley garage, in early 2005. […] the idea grew out of a dinner party at Chen’s home in San Francisco, in the winter of 2004-05. Guests had made videos of one another, but they couldn’t share them easily. The founders envisioned a video version of Flickr, a popular photo-sharing site. All the content on the site would be user-generated: “Real personal clips that are taken by everyday people,” as Hurley described his vision.

– Zum Schluß… Musik! Ein schöner Clip zu „Tighten Up“ von den Black Keys, den ich bis gestern noch nicht kannte:


The Black Keys – Tighten Up bei Youtube

…und immer wieder Mohnklöße

Auch in diesem Jahr musste ich Freunden und Kollegen „offenbaren“, dass es in meiner Familie doch recht eigenwillige Weihnachtsbräuche gibt. Da fiel mir ein, dass ich 2002 mal für die Wochenzeitung „Der Sonntag“ einen Text über genau diese Traditionen geschrieben habe. Weil grade Weihnachten war, hab ich den Artikel noch mal aus meinem Archiv gekramt – viel Spaß!

…und immer wieder Mohnklöße

Wären sie nicht so unglaublich müde gewesen, hätten sie gestrahlt: Die Augen des zehn- oder elfjährigen Jungen, an Heilig Abend, kurz vor Mitternacht, in der Kirche. Zum ersten Mal hatten ihn seine Eltern in die Christnacht der Großen, der Erwachsenen, mitgenommen, zum ersten Mal sang er mit der Gemeinde „Stille Nacht, heilige Nacht“ und zum ersten Mal würde er mit dabei sein, wenn sich seine ganze Familie – Omas, Tanten, Onkels, Geschwister, Cousins – mitten in der Nacht, „nach der Kirche“, treffen: zum traditionellen Mohnklößeessen. Mohnklöße – eine braun-schwarze Süßspeise aus Rosinen, Weißbrot, Mandeln, Rum und jeder Menge Mohn. Mohnklöße – ein traditionelles Essen aus Schlesien, liebevoll am Morgen vor der Heiligen Nacht zubereitet. Mohnklöße – für den kleinen Jungen noch Jahre später ein anderes Wort für Weihnachten in Familie.

Gestatten, der kleine Junge, das bin ich. Geboren und aufgewachsen im sächsischen Werdau bei Zwickau, als jüngster Sproß in einem katholischen Elternhaus. Wie zwei Drittel der kleinen katholischen Diasporagemeinde in Werdau hat meine Familie ihre Wurzeln nicht im Sächsischen – nach dem Zweiten Weltkrieg kamen meine Omas und Opas aus Schlesien hierher, als Vertriebene, als Neuankömmlinge. Sieht man heute in die wohlvertrauten Gesichter der Menschen in den Kirchbänken, finden sich etliche ähnliche Biographien. Familien aus Ungarn, dem Sudetenland, Ostpreußen oder eben Schlesien – und ihre zahlreichen Nachkommen. Die Nachwehen des Krieges haben sie hierher verschlagen, die meisten haben sich mit dieser Situation nicht nur arrangiert, sondern sind hier, kurz vor der Grenze zu Thüringen, heimisch geworden. Sicher, ihr altes Hab und Gut konnten unsere Eltern und Großeltern nicht mitnehmen. Ihre Traditionen, gerade an Weihnachten, aber sind bis heute allgegenwärtig. Und so kommt es, dass man in der sächsisch-katholischen Diaspora Bräuche vorfindet, die dem – mit Verlaub – „normalen“ Sachsen eher unbekannt sein dürften.

Oder haben Sie schon einmal Brühtopf gegessen? Eine kräftige Fleischbrühe, mit Kassler, Schweinefleisch, Knackwürsten, Wienern und Debrezinern, dazu Salzkartoffeln und Sauerkraut? In der Schule guckten meine Leidensgenossen immer etwas verwirrt, wenn ich ihnen erzählte, dass exakt dieses Essen alle Jahre wieder auf dem Fest-Speiseplan meiner Familie steht. Genau wie diese ganz besonderen schlesischen Weißwürste – feines Kalbfleisch, nur gewürzt mit Salz und Pfeffer. Ein einziger Fleischer in ganz Werdau hat diese Würste heute noch im Sortiment, und das auch wirklich nur an Weihnachten und zu Silvester.

Die Schwester meiner Mutter hat in eine aus Ungarn stammende Familie eingeheiratet. Neben den obligatorischen Mohnklößen und Weißwürsten kommen in ihrer Sippe also noch andere Weihnachtsspeisen ins Spiel, zum Beispiel das Paprikasch. Ein scharfer Eintopf mit Geflügel- oder Schweinefleisch, Kartoffelstückchen und für traditionell sächsische Gaumen schier unglaublich viel Paprika. Auch meine Cousinen kennen die ungläubigen Blicke ihrer ehemaligen, an Karpfen und Weihnachtsgans gewöhnten Klassenkameraden gut.

Das Stelldichein der überregionalen Weihnachtsspeisen wird komplett, sobald mein Schwager ins Spiel kommt: seine Eltern haben ihre Wurzeln, wie nahezu das restliche Drittel unserer Gemeinde auch, im Bayerischen. Kommt der liebe Schwager also am ersten Feiertag zu Besuch, gesellen sich zum Brühtopf und den Mohnklößen also wie selbstverständlich auch noch bayerische Leberknödel.

Und auch der schönste Weihnachtsbrauch von allen hat bis in meine Generation überdauert: Das Familientreffen an Heilig Abend, nach der Christnacht. Bei Grog oder Glühwein servieren meine Tante und meine Mutter voller Stolz ihre Mohnklöße, unsere inzwischen recht weit in Deutschland verstreute Familie trifft sich, um miteinander zu reden, den Geschmack der Mohnklöße in den Himmel zu loben und natürlich Christi Geburt zu feiern. Immer in der Gewißheit, das auch wir zu ungläubigen Blicken in der Lage sind. Immer dann zum Beispiel, wenn uns jemand was von Schwippbögen erzählt. Oder von Karpfen an Heilig Abend. Eine Anmerkung zur Versöhnung: den Stollen haben wir assimiliert und schätzen gelernt.

Mohnklöße. Schon möglich, dass dem kleinen Jungen von damals dieses braune Irgendwas mit Rosinen etwas zu bitter geschmeckt hat. Schon wahr, dass wirklich nur der Name dieses Essens etwas mit dem zu tun hat, was man gemeinhin unter einem Kloß versteht. Aber dennoch: Heilig Abend ohne Mohnklöße und ohne die nächtliche Familienparty? Das kann und will sich der kleine Junge bis heute nun wirklich nicht vorstellen.

Daniel Heinze, Oktober 2002. Ursprünglich veröffentlicht in der 2002er Weihnachtsausgabe der evangelischen Wochenzeitung Der Sonntag.

„War’s a cruel and clever thief…“

Wo ich in den letzten Tagen war? Na, gemeinsam mit dieser Band auf ihrer 20-Jahre-PFOK-Tour-in-England! Ich bin hingerissen von der großartigen Musik, die wir hören durften. Von der Band, die uns wie Freunde behandelt hat. Von den Menschen, die uns in diesen Tagen begegnet sind. Die Doctors auf ihrer 20-Jahre-Tour begleiten zu dürfen, war ohne Zweifel eine der schönsten Konzertreisen, die ich je antrat… Es folgen jede Menge Beweise in Bild und Ton:

Spin Doctors – Sweet Widow (live in Milton Keynes, England, UK)

Spin Doctors – So Bad (live in Leamington Spa, England, UK)

Spin Doctors – Live at O2 Acedemy, Liverpool, UK
Spin Doctors – Live at Jazz Cafe, London, UK
Spin Doctors – Live at The Assembly, Leamington Spa, UK

Unterwegs im Heiligen Land (5): Yad Vashem. Der da oben. Ihr werdet das nie verstehen.

Yad Vashem

Warum geht man freiwillig an einen Ort, von dem man schon vorher weiß, dass man dort nur traurig wird? Im Falle der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem war die Antwort vor meinem Besuch eine politisch korrekte: Weil ich als Deutscher förmlich eine Verpflichtung habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, weil Erinnern und Gedenken unerlässlich sind, weil Shoah und Holocaust hier keine Begriffe aus dem Geschichtsbuch sind, sondern allgegenwärtiger Teil der israelischen Identität.
Und tatsächlich kommt es wie erwartet: kann ich in der Dauerausstellung und auf der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ meinen Kloß im Hals noch halbwegs bändigen, gelingt mir das im „Denkmal für die Kinder“ nicht mehr. Ein unterirdischer, dunkler Raum, in dem drei Kerzen brennen, die sich durch Spiegel scheinbar ins Unendliche vervielfachen. Dazu werden die Namen der 1,5 Millionen jüdischen Kinder verlesen, die im Holocaust ermordet wurden. Mit Tränen in den Augen gehe ich zurück ins Tageslicht.
Nach meinem Besuch lautet meine Antwort auf die eingangs gestellte Frage ein wenig anders: ich gehe nach Yad Vashem, um zu verstehen. Um mit den Juden über das unendliche Leid zu trauern, das ihnen widerfahren ist. Und um mich daran zu erinnern, dass die Umstände, in denen ich leben darf, alles andere als selbstverständlich sind.

Der da oben

Nach einem Essen in einem Kibbuz am Stadtrand von Jerusalem gehe ich mit einem pensonierten Priester zurück zu unserem Reisebus. Man hat uns vorher erzählt, dass hier, wo wir jetzt so gemütlich laufen, im Sechstagekrieg erbittert gekämpft wurde, um jeden Meter Land. Ein wenig naiv frage ich den Pfarrer, wie man denn den Konflikt in diesem Land auflösen könne, was den die beste Idee sei, um hier so etwas wie Frieden hinzubekommen. Der Pfarrer zögert keinen Moment, sondern schaut mich nur an, schüttelt mit dem Kopf und zeigt mit dem Zeigefinger gen Himmel: „Wir beide? Können da gar nichts auflösen, fürchte ich. Aber ich bete jeden Tag, dass der da oben uns Menschen irgendwie hilft.“
Überhaupt, scheint mir, ruhen die Hoffnungen vieler Menschen auf „dem da oben“, wenn es um die politische Lage in Israel und Palästina geht. Ob von Muslimen, Juden oder Christen – immer wieder hören wir auf dieser Reise diese eine Bitte: „Betet zu Gott um Frieden für dieses Land.“

Ihr werdet das nie verstehen

Auf dem Weg zum Flughafen in Tel Aviv. Im Reisebus herrscht Abschiedsstimmung. Erstaunlich, wie man sich in zehn Tagen aneinander gewöhnt, wie man Mitreisende ins Herz schließt und selbst ins Herz geschlossen wird. Es ist Zeit, sich bei unserem Tourguide Aki zu verabschieden. Der deutsche Reiseleiter hält eine kurze Rede über die Bus-Lautsprecheranlage. Er bedankt sich bei Aki für seine in der Tat ausgezeichneten Dienste, für sein Organisationstalent. Und auch dafür, dass er mit seiner politischen Meinung zwar nie hinter dem Berg gehalten hat – er ist israelischer Patriot durch und durch und konnte unsere Sympathien für Palästina nur schwer nachvollziehen -, aber immer für eine angeregte, faire Diskussion zu haben war. Er habe uns Deutschen geholfen, sein Land und die Situation hier etwas besser zu verstehen, sagt der deutsche Reiseleiter zu Aki. Aki schmunzelt nur, auch, wenn er tatsächlich ein wenig gerührt scheint ob der Danksagung. Dann sagt er: „Nein, nein, Ihr werdet das nie verstehen. Das hier, das ist der Orient.“
Und dann, an uns alle im Bus gerichtet, äußert er eine Bitte, die bei mir Gänsehaut auslöst: „Wenn ihr nach Hause kommt, dann berichtet Euren Freunden und Familien nicht, was ich Euch gesagt habe. Erzählt nicht, was ich denke oder der Reiseleiter in Bethlehem. Nein, erzählt, was Ihr mit eigenen Augen gesehen und erlebt und gespürt habt. Dann hat sich diese Reise gelohnt – für Euch und für uns.“

Unterwegs im Heiligen Land (4): Sie wollen Euch beschützen. Oase für den Kopf.

Sie wollen Euch beschützen

„Sie wollen Euch alle beschützen, und das ist gar nicht so einfach.“ Aki, unser israelischer Reiseführer, erklärt mir, warum an diesem Sonntag so eine merkwürdige Anspannung spürbar ist in Jerusalem. Es ist schließlich nicht irgendein Sonntag – es ist der christliche Palmsonntag, der Beginn der Karwoche vor dem Osterfest. Und in diesem Jahr feiern alle christlichen Kirchen zur gleichen Zeit Ostern, dementsprechend ist in der Stadt noch mehr los als sonst. Dazu beginnt einen Tag darauf auch noch das achttägige Pessach-Fest der Juden, zeitgleich zu Ostern. Kurz und gut: ganz viele religiöse Feste, ganz viele religiöse Pilger, ganz viele Sicherheitsbedenken.
Die Stadt ist voll von Polizisten und Soldaten; irgendwann gewöhnt man sich an die schwer bewaffneten Männer und Frauen, von denen die meisten aussehen, als seien sie noch keine zwanzig Jahre alt. „Glaub mir, unsere Polizisten gehen jeden Abend zur Klagemauer, und beten dafür, dass nichts passiert und ihr alle sicher seid bei uns“, sagt Aki.
Am Nachmittag nehmen wir an der großen Palmsonntags-Prozession teil: von Betfage aus ziehen tausende Christen – ein griechisch-katholischer Ordensmann aus dem Libanon sagt mir, es wären in diesem Jahr wohl so um die 25.000 – bis zur St. Anna-Kirche in der Jerusalemer Altstadt. Lautstark singen und beten sie, es ist ein kunterbuntes Treiben in unzähligen Sprachen, wir treffen Polen, Amerikaner, Südafrikaner, Belgier. „Nur die Palästinenser fehlen“, so der Ordensmann betrübt. „Die Christen von nebenan dürfen seit acht Jahren nicht mehr einreisen, um Ostern mit uns zu feiern.“
Die Prozession verläuft friedlich, die Polizisten und Soldaten blieben dezent am Rande, nichts ist passiert. Viele von ihnen werden nach Ostern wohl wieder an die Klagemauer gehen, um sich bei Gott dafür zu bedanken, dass alles gut gegangen ist in dieser religiösen Hochsaison in Jerusalem. Jedenfalls wünsche ich ihnen das von ganzem Herzen.

Oase für den Kopf

Nur eine gute Stunde braucht man von Jerusalem aus, um ans Tote Meer zu gelangen. Viele hundert Meter unter dem Meeresspiegel ist man hier, und nicht in einer pulsierenden Metropole mit ganz viel Grün darin und darum. Nein, das hier ist die Wüste. Das sind Steine, Sand – und eben das, was vom Toten Meer noch übrig ist. Vergesst jede Landkarte, in der das Meer eingezeichnet ist – inmitten der unendlich scheinenden Sandweiten wirkt das Tote Meer wie eine winzig kleine Pfütze. Es ist eigenartig schön hier – wir besuchen Qumran, die Oase Ein Gedi, den Berg und das israelische Nationalheiligtum Masada. Immer wieder beeindruckt mich, wie viel Leben in so einer Wüste steckt. Natürlich baden wir auch im Toten Meer. Natürlich dauert es nur wenige Augenblicke, bis man wirklich auf dem Wasser treibt und nicht untergeht. Natürlich kriegen wir kleine Spritzer der salzigen Brühe in kleine Narben und spüren das Salz. Nur auf das obligatorische Foto mit Tageszeitung, auf dem Wasser sitzend, verzichte ich.
Ein durch und durch touristischer Tag. Vielleicht der einzige auf dieser Reise, an dem ich nicht permanent über Religion, Politik, Krieg, Frieden, Geschichte und Glauben nachsinne. Auch mal gut. Die Wüste und das Tote Meer entpuppen sich als willkommene Oase für meinen Kopf.