Bunt und friedlich: Auch so geht Europa

LVZ-Kolumne Mai 2019

Zwei wichtige Europa-Ereignisse stehen bevor: zum einen die Europawahl. Hier in Deutschland wählen wir am Sonntag in einer Woche das neue Europäische Parlament. Nun kann man aktuell nicht gerade von Europa-Euphorie sprechen: Großbritannien steht kurz vor dem Brexit, in nahezu allen Ländern gibt’s nationalistische Bewegungen und Parteien, die Anti-Europa-Stimmung machen. Außerdem war die Beteiligung an Europawahlen noch nie besonders hoch.

Das andere Euro-Großevent steigt bereits am heutigen Abend*: das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv! Nun rollen Sie bitte nicht gleich mit den Augen. Natürlich ist es gewagt, die seriösen, wichtigen Europawahlen mit einem knallig bunten Schlagerwettbewerb in einen Topf zu werfen. Doch ich mache das trotzdem!

Schon die Tatsache, dass die Macher des ESC das mit Europa geografisch nicht so ernst nehmen (Australien und Israel gehören halt dazu), ist mir sympathisch. Dann der Wettbewerb an sich. Es geht um Dreiminutenlieder und wie und von wem sie dargeboten werden. Alles ist möglich: da gibt’s alberne Balkan-Boygroups, transsexuelle Superstars, blonde Schönheiten mit im Windmaschinen-Sturm wallendem Haar und viele mehr. Ob schrill oder konventionell – der ESC ist ein friedlicher Wettbewerb, ein großes Vergnügen, ein schillerndes Beispiel für gelebte Toleranz und Vielfalt; über Kulturen, Religionen, Grenzen hinweg. Dieses wunderbar bunte Europa-Ding begeistert die ganze Welt: der ESC ist die größte Live-TV-Musikshow der Erde.

Was das eine nun mit dem anderen zu tun hat? Nun, ich wünsche mir mehr ESC-Gefühl, wenn es um das politische Europa geht! Dass wir uns öfter erinnern, welchen Schatz wir da haben: dieses Miteinander von einst verfeindeten Staaten. Diese Vielfalt an Kulturen, Ideen, Landschaften, Sprachen, Religionen – und die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden und Gemeinschaft.

Bei allem, was man an diesem Europa kritisieren und verbessern kann: Für mich ist es eine Freude, ein Geschenk, ja, ein Segen, im geeinten Europa leben zu dürfen! Deshalb gehe ich selbstverständlich am 26. Mai zur Europawahl. Genauso selbstverständlich, wie ich mir heute Abend den herrlich albernen ESC anschaue!

* – Hinweis:
Diesen Text habe ich für die Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er am 18. Mai 2019 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.