Zu viele Ausrufezeichen

lvz 23.1.2016

Wer bei Facebook, WhatsApp & Co. sein Gegenüber die ganze Zeit in Großbuchstaben antextet, sendet eine unmissverständliche Botschaft – allerdings keine besonders nette. Ständiges Großschreiben bedeutet nämlich: Da schreit, da brüllt jemand herum. So steht es in den Netiquetten, dem Knigge für die Datenautobahn mit Verhaltensregeln zum Miteinander im Internet. Über die Jahre hat sich diese Deutung eingebürgert: Wer nur in Großbuchstaben tippt, wird als hysterisch, genervt oder wütend wahrgenommen. Wer will das schon?

Ganz ähnlich ist das auch mit Ausrufezeichen: in E-Mails oder Briefen, ja sogar bei Aushängen des Hausmeisters im Treppenhaus. Immer wieder mal bekommt man schriftliche Botschaften, in denen es regelrecht vor Ausrufezeichen wimmelt. Es ist die eine Sache, jemanden um etwas zu bitten. Oder in aller Klarheit etwas Berechtigtes einzufordern. Aber! Wenn! Dann! Gefühlt! Nach! Jedem! Wort! ein Ausrufezeichen folgt, dann liest sich das, als wäre man bei der Armee und es regnet gerade Befehle auf die Untergebenen herab: Machen Sie das! Tun Sie jenes! Unterlassen Sie dieses! Keine besonders angenehme Atmosphäre, wo man doch eigentlich auf die Einsicht, das Wohlwollen und die Kooperation des Adressaten hofft …

Ich erinnere mich noch gut an den Deutschunterricht in der Schule. Die Lehrerin meinte da zu uns: „Stellt Euch vor, Ausrufezeichen wären unheimlich kostbar und teuer. Die benutzt Ihr also nur sparsam; nur, wenn es unbedingt sein muss.“ Das finde ich schlau. Das Ausrufezeichen ist ein hilfreiches Signal, wenn mal was wirklich wichtig ist. Doch es ist kein Standardsatzende, damit das zuvor Geschriebene ein wenig wichtiger oder nachdrücklicher wirkt. Wenn mich jemand schriftlich um etwas bittet, mich ermahnt oder – von mir aus – auch mal so richtig sauer auf mich ist: Ohne Ausrufezeichen-Flut und Großbuchstaben-Attacke bin ich garantiert empfänglicher für derartige Botschaften.

Das lässt sich auch gut auf die großen Diskurse unserer Tage beziehen: Gerade bei ernsten Angelegenheiten, in hitzigen Debatten oder brenzligen Situationen können Sachlichkeit, Höflichkeit und Fairness nämlich niemals schaden.

Hinweis:
Diesen Text habe ich für die “Leipziger Volkszeitung” geschrieben, in der er am 23. Januar 2016 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

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