Friedhöfe und Flughäfen

LVZ-Kolumne Juli 2015

Das kleine Mädchen, es war vier, fünf Jahre alt, stand mit seiner Oma am Eingang des Friedhofes. Es war ein drückend heißer Sommertag, und wahrscheinlich wollte die Oma dringend die Blumen auf den Gräbern ihrer Angehörigen gießen, damit dort nichts vertrocknet oder eingeht.

Die Enkelin, die sie mitgenommen hatte, war ganz aufgeregt. Wahrscheinlich war sie noch nicht oft auf dem Friedhof – die schattenspendenden Bäume und schönen Wege schienen sie mächtig zu beeindrucken. „Oma, Oma, das ist aber ein großer Flughafen“ rief die Kleine auf einmal. Erst dachte ich, ich hätte mich verhört, aber schon folgte die amüsierte Antwort der älteren Dame: „Schatz, das hier ist doch kein Flughafen, das ist ein Friedhof!“

Ich musste auch schmunzeln. Aus irgendeinem Grund hatte das Mädchen die Begriffe verwechselt – für sie war der „Friedhof“ eben der „Flughafen“. Schon komisch, worauf Kinder kommen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto toller fand ich den Versprecher des Mädchens.

Vielleicht war es ja die naive Vorstellung des Enkelkindes, dass die Verstorbenen in den Himmel kommen – wie sollen sie da sonst anders hin gelangen, als mit einem Flugzeug? Aber auch sonst haben Flughäfen und Friedhöfe durchaus was gemeinsam. Die Hoffnung zum Beispiel. Die Hoffnung auf etwas Neues, Unbekanntes – wenn ich verreise, bin ich gespannt, was mich erwartet: wie wird es dort sein, nach meiner Ankunft? Warten dort gute oder anstrengende Erlebnisse und Erfahrungen auf mich? Werde ich willkommen sein?

Ebenso bin ich gespannt auf das, was mich wohl erwartet, wenn ich einmal gestorben bin. Wer oder was wird mich dann erwarten? Wir Christen haben die Hoffnung, am Ende dieser Reise bei Gott zu sein. Wie auf Reisen mit dem Flugzeug hoffe ich in meinem Leben auf ein Ziel, für das sich die Reise, die Anstrengung lohnt.

Dem kleinen Mädchen mag der Versprecher aus Versehen rausgerutscht sein. Ohne es zu wissen, hat die Kleine dafür gesorgt, dass ich jetzt dieses neue Bild im Kopf habe: von Friedhöfen – als Flughäfen. Für die Reise zwischen Erde und Himmel, von den Menschen zu Gott.

Hinweis:
Diesen Text habe ich für die „Leipziger Volkszeitung“ geschrieben, in der er am 18. Juli 2015 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

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Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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