…und immer wieder Mohnklöße

Auch in diesem Jahr musste ich Freunden und Kollegen „offenbaren“, dass es in meiner Familie doch recht eigenwillige Weihnachtsbräuche gibt. Da fiel mir ein, dass ich 2002 mal für die Wochenzeitung „Der Sonntag“ einen Text über genau diese Traditionen geschrieben habe. Weil grade Weihnachten war, hab ich den Artikel noch mal aus meinem Archiv gekramt – viel Spaß!

…und immer wieder Mohnklöße

Wären sie nicht so unglaublich müde gewesen, hätten sie gestrahlt: Die Augen des zehn- oder elfjährigen Jungen, an Heilig Abend, kurz vor Mitternacht, in der Kirche. Zum ersten Mal hatten ihn seine Eltern in die Christnacht der Großen, der Erwachsenen, mitgenommen, zum ersten Mal sang er mit der Gemeinde „Stille Nacht, heilige Nacht“ und zum ersten Mal würde er mit dabei sein, wenn sich seine ganze Familie – Omas, Tanten, Onkels, Geschwister, Cousins – mitten in der Nacht, „nach der Kirche“, treffen: zum traditionellen Mohnklößeessen. Mohnklöße – eine braun-schwarze Süßspeise aus Rosinen, Weißbrot, Mandeln, Rum und jeder Menge Mohn. Mohnklöße – ein traditionelles Essen aus Schlesien, liebevoll am Morgen vor der Heiligen Nacht zubereitet. Mohnklöße – für den kleinen Jungen noch Jahre später ein anderes Wort für Weihnachten in Familie.

Gestatten, der kleine Junge, das bin ich. Geboren und aufgewachsen im sächsischen Werdau bei Zwickau, als jüngster Sproß in einem katholischen Elternhaus. Wie zwei Drittel der kleinen katholischen Diasporagemeinde in Werdau hat meine Familie ihre Wurzeln nicht im Sächsischen – nach dem Zweiten Weltkrieg kamen meine Omas und Opas aus Schlesien hierher, als Vertriebene, als Neuankömmlinge. Sieht man heute in die wohlvertrauten Gesichter der Menschen in den Kirchbänken, finden sich etliche ähnliche Biographien. Familien aus Ungarn, dem Sudetenland, Ostpreußen oder eben Schlesien – und ihre zahlreichen Nachkommen. Die Nachwehen des Krieges haben sie hierher verschlagen, die meisten haben sich mit dieser Situation nicht nur arrangiert, sondern sind hier, kurz vor der Grenze zu Thüringen, heimisch geworden. Sicher, ihr altes Hab und Gut konnten unsere Eltern und Großeltern nicht mitnehmen. Ihre Traditionen, gerade an Weihnachten, aber sind bis heute allgegenwärtig. Und so kommt es, dass man in der sächsisch-katholischen Diaspora Bräuche vorfindet, die dem – mit Verlaub – „normalen“ Sachsen eher unbekannt sein dürften.

Oder haben Sie schon einmal Brühtopf gegessen? Eine kräftige Fleischbrühe, mit Kassler, Schweinefleisch, Knackwürsten, Wienern und Debrezinern, dazu Salzkartoffeln und Sauerkraut? In der Schule guckten meine Leidensgenossen immer etwas verwirrt, wenn ich ihnen erzählte, dass exakt dieses Essen alle Jahre wieder auf dem Fest-Speiseplan meiner Familie steht. Genau wie diese ganz besonderen schlesischen Weißwürste – feines Kalbfleisch, nur gewürzt mit Salz und Pfeffer. Ein einziger Fleischer in ganz Werdau hat diese Würste heute noch im Sortiment, und das auch wirklich nur an Weihnachten und zu Silvester.

Die Schwester meiner Mutter hat in eine aus Ungarn stammende Familie eingeheiratet. Neben den obligatorischen Mohnklößen und Weißwürsten kommen in ihrer Sippe also noch andere Weihnachtsspeisen ins Spiel, zum Beispiel das Paprikasch. Ein scharfer Eintopf mit Geflügel- oder Schweinefleisch, Kartoffelstückchen und für traditionell sächsische Gaumen schier unglaublich viel Paprika. Auch meine Cousinen kennen die ungläubigen Blicke ihrer ehemaligen, an Karpfen und Weihnachtsgans gewöhnten Klassenkameraden gut.

Das Stelldichein der überregionalen Weihnachtsspeisen wird komplett, sobald mein Schwager ins Spiel kommt: seine Eltern haben ihre Wurzeln, wie nahezu das restliche Drittel unserer Gemeinde auch, im Bayerischen. Kommt der liebe Schwager also am ersten Feiertag zu Besuch, gesellen sich zum Brühtopf und den Mohnklößen also wie selbstverständlich auch noch bayerische Leberknödel.

Und auch der schönste Weihnachtsbrauch von allen hat bis in meine Generation überdauert: Das Familientreffen an Heilig Abend, nach der Christnacht. Bei Grog oder Glühwein servieren meine Tante und meine Mutter voller Stolz ihre Mohnklöße, unsere inzwischen recht weit in Deutschland verstreute Familie trifft sich, um miteinander zu reden, den Geschmack der Mohnklöße in den Himmel zu loben und natürlich Christi Geburt zu feiern. Immer in der Gewißheit, das auch wir zu ungläubigen Blicken in der Lage sind. Immer dann zum Beispiel, wenn uns jemand was von Schwippbögen erzählt. Oder von Karpfen an Heilig Abend. Eine Anmerkung zur Versöhnung: den Stollen haben wir assimiliert und schätzen gelernt.

Mohnklöße. Schon möglich, dass dem kleinen Jungen von damals dieses braune Irgendwas mit Rosinen etwas zu bitter geschmeckt hat. Schon wahr, dass wirklich nur der Name dieses Essens etwas mit dem zu tun hat, was man gemeinhin unter einem Kloß versteht. Aber dennoch: Heilig Abend ohne Mohnklöße und ohne die nächtliche Familienparty? Das kann und will sich der kleine Junge bis heute nun wirklich nicht vorstellen.

Daniel Heinze, Oktober 2002. Ursprünglich veröffentlicht in der 2002er Weihnachtsausgabe der evangelischen Wochenzeitung Der Sonntag.

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Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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