Unterwegs im Heiligen Land (5): Yad Vashem. Der da oben. Ihr werdet das nie verstehen.

Yad Vashem

Warum geht man freiwillig an einen Ort, von dem man schon vorher weiß, dass man dort nur traurig wird? Im Falle der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem war die Antwort vor meinem Besuch eine politisch korrekte: Weil ich als Deutscher förmlich eine Verpflichtung habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, weil Erinnern und Gedenken unerlässlich sind, weil Shoah und Holocaust hier keine Begriffe aus dem Geschichtsbuch sind, sondern allgegenwärtiger Teil der israelischen Identität.
Und tatsächlich kommt es wie erwartet: kann ich in der Dauerausstellung und auf der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ meinen Kloß im Hals noch halbwegs bändigen, gelingt mir das im „Denkmal für die Kinder“ nicht mehr. Ein unterirdischer, dunkler Raum, in dem drei Kerzen brennen, die sich durch Spiegel scheinbar ins Unendliche vervielfachen. Dazu werden die Namen der 1,5 Millionen jüdischen Kinder verlesen, die im Holocaust ermordet wurden. Mit Tränen in den Augen gehe ich zurück ins Tageslicht.
Nach meinem Besuch lautet meine Antwort auf die eingangs gestellte Frage ein wenig anders: ich gehe nach Yad Vashem, um zu verstehen. Um mit den Juden über das unendliche Leid zu trauern, das ihnen widerfahren ist. Und um mich daran zu erinnern, dass die Umstände, in denen ich leben darf, alles andere als selbstverständlich sind.

Der da oben

Nach einem Essen in einem Kibbuz am Stadtrand von Jerusalem gehe ich mit einem pensonierten Priester zurück zu unserem Reisebus. Man hat uns vorher erzählt, dass hier, wo wir jetzt so gemütlich laufen, im Sechstagekrieg erbittert gekämpft wurde, um jeden Meter Land. Ein wenig naiv frage ich den Pfarrer, wie man denn den Konflikt in diesem Land auflösen könne, was den die beste Idee sei, um hier so etwas wie Frieden hinzubekommen. Der Pfarrer zögert keinen Moment, sondern schaut mich nur an, schüttelt mit dem Kopf und zeigt mit dem Zeigefinger gen Himmel: „Wir beide? Können da gar nichts auflösen, fürchte ich. Aber ich bete jeden Tag, dass der da oben uns Menschen irgendwie hilft.“
Überhaupt, scheint mir, ruhen die Hoffnungen vieler Menschen auf „dem da oben“, wenn es um die politische Lage in Israel und Palästina geht. Ob von Muslimen, Juden oder Christen – immer wieder hören wir auf dieser Reise diese eine Bitte: „Betet zu Gott um Frieden für dieses Land.“

Ihr werdet das nie verstehen

Auf dem Weg zum Flughafen in Tel Aviv. Im Reisebus herrscht Abschiedsstimmung. Erstaunlich, wie man sich in zehn Tagen aneinander gewöhnt, wie man Mitreisende ins Herz schließt und selbst ins Herz geschlossen wird. Es ist Zeit, sich bei unserem Tourguide Aki zu verabschieden. Der deutsche Reiseleiter hält eine kurze Rede über die Bus-Lautsprecheranlage. Er bedankt sich bei Aki für seine in der Tat ausgezeichneten Dienste, für sein Organisationstalent. Und auch dafür, dass er mit seiner politischen Meinung zwar nie hinter dem Berg gehalten hat – er ist israelischer Patriot durch und durch und konnte unsere Sympathien für Palästina nur schwer nachvollziehen -, aber immer für eine angeregte, faire Diskussion zu haben war. Er habe uns Deutschen geholfen, sein Land und die Situation hier etwas besser zu verstehen, sagt der deutsche Reiseleiter zu Aki. Aki schmunzelt nur, auch, wenn er tatsächlich ein wenig gerührt scheint ob der Danksagung. Dann sagt er: „Nein, nein, Ihr werdet das nie verstehen. Das hier, das ist der Orient.“
Und dann, an uns alle im Bus gerichtet, äußert er eine Bitte, die bei mir Gänsehaut auslöst: „Wenn ihr nach Hause kommt, dann berichtet Euren Freunden und Familien nicht, was ich Euch gesagt habe. Erzählt nicht, was ich denke oder der Reiseleiter in Bethlehem. Nein, erzählt, was Ihr mit eigenen Augen gesehen und erlebt und gespürt habt. Dann hat sich diese Reise gelohnt – für Euch und für uns.“

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Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

6 Kommentare zu „Unterwegs im Heiligen Land (5): Yad Vashem. Der da oben. Ihr werdet das nie verstehen.“

  1. Diesen Yad-Vashem-Effekt habe ich seinerzeit auch in Berlin verspürt, mitten im Holocaust-Mahnmal.

    Und ich würde es nicht mit dem Terminus „politisch korrekt“ abtun, wenn man vor Ort dem Abstraktum „moralischer Verpflichtung“ konkrete Eindrücke zuteil werden lässt.

  2. Mein Mann und ich haben vor genau vier Wochen die gleiche Reise gemacht, mit Aki, dem Reiseführer. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an Israel denken – vielleicht wegen der momentanen Präsenz in den Medien, aber auch hauptsächlich wegen der vielen unglaublichen Eindrücke, die ich gerade hier nachgelesen habe. Und bestimmt auch wegen Aki, dem Reiseführer, der uns sein Land aus seiner Sicht vermittelt hat. Danke, Daniel für die Beschreibung der Reise, die wir immer noch nicht in Worte fassen können!

    1. Margit, Danke für den schönen Kommentar. Die Reise ist bei mir jetzt anderthalb Jahre her und sie klingt immer noch (und immer wieder) in mir nach. Beeindruckend. Und Aki ist immer noch im Dienst? Toll, schön zu wissen! 🙂

      1. 🙂 Aki sieht es wohl als Berufung, diesen Beruf. Ich hätte mir keinen besseren Reiseführer vorstellen können. Viele Grüße!

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