NP: John Mayer – Continuum (2006)

Ach wie schön: nach einem anstrengenden Arbeitstag inklusive Dienstreise nach Berlin komme ich zu Hause an, und finde im Briefkasten nun endlich das neue Album von John Mayer vor. Continuum heißt der Nachfolger des inzwischen auch schon wieder drei Jahre alten, vielleicht etwas zu glatt geratenen Albums „Heavier Things“, danach folgte die Zeit des John Mayer Trios, und jetzt liegt also ein neues Studiowerk vor.

Von den zwölf Tracks kenne ich gerade mal die Single „Waiting On The World To Change“, und auch die nur durch einen Internet-Stream – und zwei Songs in Liveversionen. Ganz viel neue Musik also für mich, und ich lad Euch gerne ein, meiner ganz persönlichen First-Listening-Party beizuwohnen. Alsdenn: es ist 22.22 Uhr, ein leckerer Rotwein schmeichelt meinem Gaumen und die „Continuum“ kommt in den Player. Los geht’s – ich bin gespannt!

Gleich zu Beginn „Waiting On The World To Change“ – damit kriegt er mich ja sofort, der Herr Mayer. Anleihen an den alten Motown / Stax-Sound, da schimmert auch eine ordentliche Portion Robert Cray durch. Wie ein Nachhausekommen – John mag etwas reifer geworden sein und erwachsener, seine Stimme hat aber nichts von diesem warmen, bisweilen naiven, immer sympathischen Timbre verloren. Als Opener ist dieser Track ein Volltreffer: Midtempo, aber nicht zu sanft.

„I Don’t Trust Myself (With Loving You)“: der Titel klingt nach einem verzweifelten Blues. Das, was da aus den Boxen tönt, ist ein enstpannt groovender Popsong. Die Horns bringen ein paar geile Farbtupfer, ansonsten hört sich’s eher irgendwie „weg“. Schön, sehr klar, unaufdringliches Solo, aber jetzt auch nix zum Vorfreudevomstuhlaufspringen.

„Belief“: na, mit so einem Track hat er mich gleich wieder, der John. Geiler Groove, Mayers Faible für police-eske Rhythmen schimmert durch, großes Arrangement. Das ist sehr unaufdringlicher, aber eben nicht belangloser Pop mit einem gern gehörten Gast – Ben Harper steuert zusätzliches Gitarrenspiel bei. Und je weiter sich das Stück entwickelt, umso zwingender, treibender wird es. Schade nur, dass es mit so einem beliebigen Fade ausläuft.

„Gravity“: den Song kenn‘ ich bereits von der John Mayer Trio-Liveplatte (die beiden Kollegen vom Trio sind auf den Studioaufnahmen übrigens auch mit dabei). Schon wieder fällt mir auf, was für ein warmer, unmittelbarer und intimer Sound bislang alle Stücke prägt. Sehr soulig, sehr „retro“, aber nicht gestrig. Beeindruckend. Ach so, der Song: „Gravity“ ist eine bluesige Ballade mit einem hübschen Solo. Überhaupt, die Gitarren: herrlich, dass Mayer niemandem mehr beweisen muß, dass er ein begnadeter Spieler ist. Er macht das, was dem Song nützt und nicht mehr. Und das ist ein charmanter Charakterzug. Hintenraus entwickelt „Gravity“ wahre R’n’B-Qualitäten. Unerwartet. Und gut. Aber das dritte Fade hintereinander – nervt wirklich!!

„The Heart Of Life“: oh, hübsch. Ein beschwingter, eingängiger Popsong. Kommt zur rechten Zeit. Erdet dieses High-End-Album ein wenig und erinnert daran, dass hier einer Musik macht, der so alt ist wie ich und nicht zwanzig bis dreißig Jahre älter. Und das Lied ist wirklich, wirklich gut – die einprägsamste Melodie seit dem ersten Titel. Och nöö, schon wieder ein Fade. Lahm, das!

„Vultures“: auch ein Song, den ich bereits von der letzten Liveplatte kenne – da fand ich ihn auch schon nicht so prall, und leider kann mich diese Studioaufnahme auch nicht überzeugen. Irgendwie hookfrei, dieses Lied. Aber dafür hat’s ne schöne Orgel und ein lässiges Piano. Ändert aber nix daran, dass hier nur Groove und Instrumentierung funktionieren, aber nicht der Song an sich. Fade? Aber klar doch. Mist!!!

Meine Güte, das liest sich aber alles recht nörgelig. Um das hier mal klarzustellen: was John Mayer hier macht, ist unglaublich professionell, glatt, brilliant, sauber, gut, hochwertig. Und hört sich gut an. Aber ein wenig mehr Temperament könnte nicht schaden. Alles ein bissel mit angezogener Handbremse…

„Stop This Train“: schöner Song, auch wieder mellow, aber immerhin mit ner coolen kleinen Hook. Erinnert stark an sein erstes Album „Inside Wants Out“, was die Grundstimmung betrifft. Gefällt mir gut, sehr gut sogar. Aber noch sind wir nicht in den letzten zehn Sekunden angekommen. Und wenn jetzt schon wieder hier irgendwas unmotiviert ausfadet, dann kriegt „Continuum“ von mir einen Sonderpreis: „Einfallsloseste Songenden des Jahres“. …und während ich hier lästere, präsentiert der Herr Mayer hier die bislang stärkste Bridge des ganzen Albums.

Fade? Ja, klar. Das kann doch nicht wahr sein!!!

Gut, weiter. „Slow Dancing In A Burning Room“ beginnt mit einem wunderbaren Gitarren-Intro und einer runden, eingängigen Strophenmelodie. Und einem tollen Refrain. Okay, brauchen wir nicht weiter drüber reden. Starker Song, geiles Arrangement, tolle Stimmung. Und endlich „traut“ er sich auch textlich mal wieder was: „You’ll be a bitch because you can / you’ll try to hit me just to hurt me / So you leave me feeling dirty / cause you can’t understand“. Ah ja… Lasst uns nicht über das Ende dieses Songs reden. Ich fasse es nicht.

„Bold As Love“: dürfte wohl jeder kennen, den ollen, großen Hendrix-Klassiker. Das zeugt sehr wohl von Selbstbewußtsein – das einzige Cover auf dieser Platte, und dann gleich einer der wichtigsten Songs von Jimi Hendrix. Aber Mayer weiß genau, was er tut und was er kann und so gelingt diese Interpretation in jeder Hinsicht – John stülpt dem Lied seinen weichen, typischen Sound über, ohne es zu sehr zu glätten. Super. Und das Solo ist in jeder Hinsicht brilliant. Stimmt es mich nun bedenklich, dass ich ein wahrlich gelungenes Cover als den bisherigen, über alle Zweifel erhabenen Höhepunkt des neuen John Mayer-Albums werten muss? Weiß ich noch nicht. Aber auf alle Fälle fadet hier nix aus. Ich werte das inzwischen als ein Zeichen von ganz, ganz oben. Super Nummer!

„Dreaming With A Broken Heart“: das erste Stück mit einem Piano-Intro, ein willkommener Farbtupfer. Und der Song entwickelt sich prächtig – nach und nach setzen Gitarre, Drums, Bass ein, der mitunter etwas zu abgeklärte Grundsound dieser Platte wird aktueller, moderner. Klar, das hier ist „die große Ballade“, der Gänsehautmoment für die nächsten 250 Mayer-Konzerte. Aber meine Güte, warum denn nicht? Ein geiles Lied, das sicher jeder andere Songschreiber auch ganz gerne geschrieben hätte. Kein Fade, übrigens.

„In Repair“: huch, wirkt die vorherige Nummer so stark nach, oder sind sich die Melodien dann doch sehr ähnlich. Egal – „In Repair“ ist ein Song, der deutlich in der musikalischen Tradition von Johns Erfolgsalbum „Room For Squares“ steht. Kann mir gut vorstellen, dass das mal eine Single fürs Radio wird. Klingt seltsam nach Joshua Kadison in cool, purer Pop, der aber nicht peinlich wird. Warum packt dieser Mensch seine ganzen guten Songs ans Ende der Platte und liefert im ersten Drittel so komisches Füllermaterial ab? Eigenartig… (Und das schreibe ich, obwohl dieser Song ausfad…. OK, ja, langsam wird’s albern. Aber is‘ doch wahr.)

Na gut, das Finale: „I’m Gonna Find Another You“. Haha, jawollja!!! John Mayer goes Van Morrison. Northern Soul vom Feinsten. Und das von meinem Lieblings-US-Pop-Nachwuchs-Schnösel!! Was für ein schönes Lied, was für eine geschmackvolle Instrumentierung. Ein schöner Schlußpunkt, der mich – wohlgemerkt, ich höre diese Platte gerade zum allerersten Mal – mit einigen Schwächen und Makeln der letzten 50 Minuten versöhnt. An dieser Stelle muß auch noch mal ausdrücklich das begnadete Gitarrenspiel des Mr. Mayer gewürdigt werden.

Huch, das war’s ja schon.

Tja, wie lautet das Fazit nach dem ersten Hören? Jetzt, um kurz nach 11 Uhr abends? Doch, ich hatte Spaß. Doch, die meisten Tracks gefallen mir ausgesprochen gut. Nein, diese Platte ist dennoch kein „großer Wurf“. Auf der „Any Given Tuesday“-DVD äußert der – mir nach wie vor wirklich sympathische! – John Mayer gegenüber den verzückten Fans den Wunsch, dass er doch gerne gemeinsam mit seinen Fans älter werden wolle (oder gar „alt“? Weiß es gar nicht mehr so genau). Das fand ich damals einen coolen, authentischen Spruch. Und da wollte ich mich auch gerne drauf einlassen.

Aber herrje, der Knabe altert in einem Tempo, das ich einfach noch nicht mitmachen möchte! Oder warum macht John Mayer hier das beste EricClaptonRobertCraySting-Album seit langem? Das kann doch bitteschön nicht sein Job sein! Das klingt reif, erwachsen, erfahren – und gut, talentiert, inspiriert, ohne Frage. Aber etwas weniger Abgeklärtheit, weniger „wissende Zurückhaltung“, weniger Gediegenheit zugunsten stärkerer Experimentierfreude, ehrlicherer Jugendlichkeit und rotzigerer Arrangements hätten diesem Album gut getan.

Meine Wertung? Nach dem ersten Durchgang „nur“ 7 von 10 Punkten. Aber nicht, weil diese Platte auch nur im Ansatz schlecht wäre. Sondern nur, weil ich wohl noch ein wenig zu jung für „Continuum“ bin. Und der gute John definitiv auch. (7/10)

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

2 Kommentare zu „NP: John Mayer – Continuum (2006)“

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