NP: Clueso – Weit weg (2006)

Clueso halte ich ja für ’nen sehr angenehmen Zeitgenossen – sein Album „Gute Musik“ hielt, was der Titel versprach, und live sind der Erfurter und seine Band einfach gut: tanzbar, leidenschaftlich, irgendwo zwischen zeitgemäßem Songwritertum und HipHop. Feine Sache. Und jetzt läuft hier im Hintergrund zum ersten Mal sein neues Album Weit weg – ich kann und will diesmal also über den ersten Eindruck beim Hören einer neuen Platte schreiben. Okay, los gehts…

„Frische Luft“, der erste Song. Irgendwie okay, aber ein erstaunlich unspektakulärer Opener. Solide, haut mich aber nicht um. Nummer zwei: „Sterblich“: geil – funky Gitarren, das ganze Ding groovt wie Bolle, guter Text, endet abrupt und geht über in „Mach’s gut“. Klang Clueso schon immer so nach Norbert Leisegang von Keimzeit? Erstaunlich… Ja, dieses leicht heisere Timbre isses. Akustikgitarre, sanfter Groove, nette Licks, Mitsingrefrain. Absolut radiotauglich, aber kein glattgebügelter „Hit“. Bisher mein Favorit der Platte. Nummer 4: „Bleib hier“. Clueso goes Police… Leichtes Reggae-Feeling, engagierter Text, n paar arg viele Keyboardspielereien. Aber gut.

Zwischenbilanz: nach verhaltenem Start sehr kurzweilig, nahtlose Übergänge, noch keine „Füller“, aber auch noch kein echter „Killer“. Aber da kommen ja noch jede Menge Songs. Okay, die Fünf: der Titelsong ist ein Ein-Minuten-Dreißig-Ding, eine Kooperation mit den „New Telepathics“. Mehr ein Intermezzo als ein Song, belanglos, stört aber auch nicht. Track 6: „Viel gesehen“. Bläser, Motown-Groove, schöner Refrain. Großartige Nummer. Und genauso gut geht’s weiter: „Winter Sommer“ kommt sehr sparsam arrangiert daher, ein schönes Liebeslied mit zuckersüßem Streicherarrangement und einem sanften Gitarrensolo. Klasse! „Ey Tino“ ist dann wieder so ein Zwischending, 45 Sekunden, alberner Dialog am Ende, vorher ein Hauch von Jack-Johnson-Stimmung. Weiß nicht, mit solchen Minidingern kann ich nicht so viel anfangen… Aber viel Gelegenheit, darüber nachzudenken, hab ich dann auch wieder nicht, Nummer 9 ist dran, das Tempo zieht wieder etwas an und eh‘ man sich versieht, hört man die erste potentielle „Single“ der Platte. „Überall bist Du“ ist ein runder, großer Song. Ach was, ein echter Hit. Ein wenig Wut, ein wenig Enttäuschung, ein wenig Hoffung – und ein markantes Sample („You better get yourself together“). Sowas würd ich gerne öfter im Radio hören.

Zeit für die nächste Zwischenbilanz: das war jetzt grade durchgehend große Klasse, bin auf den Rest gespannt. Track 10 ist ein Duett mit Max Herre: „Da wohnt so’n Typ“. Hmm…. Geil gesungen, groovt – wahrscheinlich eine dieser Nummern, die live stärker sein dürften als auf Platte. Hat prinzipiell alles, was mich an einem Song packt, packt mich hier aber grade nicht so richtig. Im Gegenteil: am Ende nervt’s fast ein wenig. Gut, weiter, die 11. Was ist denn jetzt los? Schrammelgitarren, Punktattitüde. Oje, nee, das ist jetzt wirklich der Elefant im Porzellanladen. „Hirn ein“ nennt sichs. Und nervt richtig, richtig dolle. Gnade – diese drei Minuten scheinen nie vorbeizugehen.

Na endlich! Vorbei. „Crash“ ist Track Nummer zwölf, recht viel Sprechgesang auf einem sehr zappeligen Drumteppich. Bis zum „Refrain“ echt guter Text, aber dann: „Diese Begegnung war ein Crash, sie hat mich sowas von geflasht, diese Begegnung war ein Crash und seitdem geht`s mir schlecht.“ Pfff… Ach nö. „Schwer“, die 13, ist ein anfangs sehr ruhiger Song, fantastisch gesungen und entschädigt völlig für die letzten zwei, drei Nummern. Großartiges Stück, bleibt im Ohr, geht ans Herz. Und der Schluß rockt wie Bolle. Track 14: ah, ja, klar. „Chicago“, die erste Singleauskopplung. Schöner Song, untypisch für den Rest des Album – sticht heraus, macht Spaß, ist grandios arrangiert. Ja, ich gebe es zu: die songlastigere Seite von Clueso sagt mir mehr zu als die Stücke mit stärkerem Hip-Hop-Einfluß. A propros: „Morgen gestern“, das nächste und bereits 15. Stück, kommt recht funky daher, ein Herr namens Immo rappt mit. Wieder so ne Nummer, die wahrscheinlich erst live so richtig funktioniert.

Schlußkurve: „Mein Bestes“ – kenne ich, wenn ich mich recht erinnere, von einer Liveshow. Ja, genau. Coole Nummer, die – wenngleich nur mit Gitarre und Bass aufgenommen – besser abgeht als andere, aufwendiger produzierte Tracks dieser Platte. Nummer 17: „Out Of Space“, das Finale. Eine Mitsingnummer, hier nerven die Schrammelgitarren absolut nicht, der Text ist gut – schöner Song fürs Ende, zumal es hier auch textlich nochmal „Weit weg“ geht. Wäre das auch wirklich der letzte Titel gewesen, wär’s das optimale Finale. Aber so kommt nach ein paar Minuten noch ein eher verzichtbarer Hidden Track. Nett, aber fügt dem Album nichts Wesentliches mehr hinzu.

Fazit: Ich hab mich bestens unterhalten gefühlt, wenngleich es drei, vier Nummern auf der Platte gibt, die nicht hätten sein müssen. Aber dieser Herr Clueso macht einfach sein Ding, ist mitreißend, hat ein paar begnadete Musiker um sich herum und verfügt über eine beachtliche Präsenz. Diese CD werd‘ ich mir sicher noch öfters anhören, aber nach dem ersten Durchgang kriegt sie von mir solide sieben von zehn Punkten. (7/10)

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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