Ben Harper – Both Sides Of The Gun (2006)

You can sell your soul
But you can’t buy it back
I’ve spent my whole life
Working to give you
Everything you lack

Da ist es also, das erste Meisterwerk des Jahres 2006: das neue Album von Ben Harper, Both Sides Of The Gun. Eigentlich ein Doppelalbum, aber bei genauerem Hinhören auch wieder nicht. Beide Teile des Albums hätten locker auf einer CD Platz gehabt. Vielmehr sind es der jeweilige Grundtenor und die Atmosphären der einzelnen Stücke, die Harper veranlassten, seine neuen Songs auf zwei separaten CDs unters Volk zu mischen.

Die eine CD, mit dem Opener „Better Way“, kann als die lautere, hektischere, aggressivere der beiden Scheiben beschrieben werden. Die andere, mit dem wunderbaren „Morning Yearning“ am Beginn, als die verhaltenere, stillere, ruhigere, sanftere. Doch selbst damit wird man dem jeweiligen Wesen der Albumteile nicht ganz gerecht. Es sind die Botschaften, die die einzelnen CDs voneinander unterscheiden. Der „Morning Yearning“-Teil von „Both Sides“ ist ohne Zweifel der privatere Part. Neun Stücke über Liebe, Trennung, Schmerz, Hoffnung, tiefe intime Emotionen – in zarten, dennoch fesselnden Arrangements. Besonders stechen dabei die Songs „Picture In A Frame“ und das tieftraurige „More Than Sorry“ heraus. Alles in allem besticht dieser Teil des neuen Harper-Opus‘ durch seine Offenheit, Ehrlichkeit und radikale Direktheit.

Und ist so fast noch radikaler und „revolutionärer“ als der „Better Way“-Teil des Albums. Die andere CD zeigt den politischen, gesellschaftlichen Künstler Ben Harper. Auch hier findet man Botschaften, die man von Harpers früheren Platten bereits kennt und schätzt. Er ist eben nicht der Durchschnitts-Songwriter, der von Liebe und so singt. Er ist ein leidenschaftlicher Zeitgenosse, der sich einmischen mag, der immer und immer wieder seine Hoffnung proklamiert, dass es einen besseren Weg gibt, dass der einzelne etwas verändern und bewegen kann. Die zweite „Seite“ von „Both Sides Of The Gun“ vereinnahmt den Hörer musikalisch durch ungefilterten Funk, bisweilen etwas kauzige Rock-Eskapaden und, im direkten Vergleich zur „Morning Yearning“-Seite, einer deutlich härteren Gangart.

Vieles haben diese beiden Teile aber gemeinsam: insgesamt erfindet sich der Musiker und Multiinstrumentalist Ben Harper sicherlich nicht neu, er spaziert aber ein weiteres Mal mit traumwandlerischer Sicherheit durch die unterschiedlichsten Stile und Epochen der Rock-, Pop-, Blues- und Soul-Geschichte. Insgesamt wirken alle Songs weitaus weniger „poliert“ und glatt gestrichen als zuletzt auf „Diamonds On The Inside“. Und was am Anfang als ein etwas wirres Konzept erscheinen mag, fügt sich zu einem erstaunlich stringenten Gesamteindruck – das mit den zwei Alben, mit den unterschiedlichen Stimmungen, mit dem Doppelalbum-Krams. Für mich steht „Both Sides Of The Gun“ auf einer Stufe mit so epochalen Harper-Veröffentlichungen wie „Fight For Your Mind“, „The Will To Live“ und „Live From Mars“.

Don’t speak to us like we work for you
Selling false hope like some new dope we’re addicted to
I’m not a desperate man but these are desperate times at hand
This generation is beyond your command

Ach ja, eines noch: der Wanderpokal für die schickste und ansprechendste optische Gestaltung einer Popmusikveröffentlichung muß von dem einen Ben (Folds; bisheriger Preisträger für die Deluxe-Edition seiner 2005er CD „Songs For Silverman“) an den anderen Ben, also den hier besprochenen, weitergereicht werden. Die exklusiv übers Internet vertriebene Spezial-Edition ist ein echtes Liebhaberstück. Eine extrem feine Pappbox, in der sich neben den beiden CDs die herrlich nüchternen und daher so edlen Booklets, ein Songsheet mit den Noten und Akkorden für die beiden Opener-Stücke, ein Sticker und vor allen Dingen eine dritte CD mit nochmals neun bislang unveröffentlichten Aufnahmen, Remixes und Livetracks befinden. „Both Sides Of The Gun“ ist also sowohl musikalisch als auch optisch das bisherige Highlight im Musikjahr 2006. (9/10)

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

2 Kommentare zu „Ben Harper – Both Sides Of The Gun (2006)“

  1. @ben: Danke für die Blumen. Die von mir erwähnte Edition ist so weit ich weiß leider schon ausverkauft. Es gibt aber definitiv noch eine nahezu identische Ausgabe, allerdings finden sich da auf der Bonus-CD nur sechs statt neun Songs. Die verlinkte Ausgabe ist die reguläre CD-Veröffentlichung, die Deluxe-Variante kriegt man im Online-Shop von Ben Harpers Internetseite.

    Viele Grüße,
    Daniel.

  2. Hm. Vielleicht sollte ich es doch wagen?

    Ich habe vor ein paar Wochen im Media-Markt ein paar Hörproben genommen und war nicht ganz überzeugt. Aber wenn Du so begeistert bist…

    Viele Grüße,

    Matthias

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s