Rückblick: Seeed, Soulstreet, David Gray live

Mir tut immer noch der Nacken weh vom vielen Ananderenleutenvorbei- und Überandereleutedrüber-Gucken in der letzten Woche. Ja, drei Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Tagen zollen jetzt ihren Tribut in Form von Muskelkater im Nacken. Aber hey, das war’s wert – drei völlig unterschiedliche Shows, nicht alle gleich gut, aber trotzdem freue ich mich, dass jede einzelne von ihnen erleben durfte.

Donnerstag, 2. Februar 2006: Seeed im Haus Auensee, Leipzig

Meine Herren, so voll war das aber beim letzten Seeed-Konzert im gleichen Saal vor zwei Jahren oder so aber nicht! Außerdem schien das gesamte Publikum – außer mir – jünger zu werden und nicht älter. So viele Sechszehnjährige hab ich lange nicht mehr bei einem Konzert um mich rum gehabt. Seeed sind offenbar endgültig Stars und haben verdientermaßen volle Häuser und blutjunges Publikum. Nur leider hielt die Show nicht, was meine Erinnerung versprach: als ich Seeed zum letzten Mal sah, spielten sie ein unglaublich energiegeladenes, aufgekratztes Set und hatten sichtlich Spaß – an der Interaktion mit dem Publikum als auch am Musizieren.

Diesmal war das aber deutlich anders. Als wären sie gar nicht richtig da, spulten Seeed ihr Set runter – kaum wirkliche Höhepunkte, das neue Material vom letzten Album erwies sich auch live als deutlich schwächer als das der ersten beiden Platten. Das war alles ganz nett und natürlich auch tanzbar, und man kann nicht behaupten, dass hier irgendwas schlecht war. Aber die Show war größtenteils einfallslos, seltsam satt und ohne nennenswerte Höhepunkte. Was dann aber auch wieder egal war, wenn man sich ansah, welch großen Spaß den Kids im Publikum das Ganze gemacht hat. Dieses Konglomerat aus Dancehall, Downbeat, Dub und Reaggae, das Seeed da abliefern, ist musikalisch immer noch reizvoll. Die inhaltliche Substanzlosigkeit und die eigenartig lähmende Bühnen-Routine der Band sind allerdings bedauerlich. Ein schöner Abend war’s trotzdem. Irgendwie.

Freitag, 3. Februar 2006: Soulstreet im Kosmoshaus, Leipzig

Geradezu familiär ging es dagegen am nächsten Abend im Kosmoshaus am Kopfe der Leipziger Gottschedtstraße zu. Soulstreet, so eine Art Leipziger Allstar-Soul-Band, spielte mal wieder zum Tanz auf, diesmal allerdings aus besonderem Anlaß. Es war das Examenskonzert von Schlagzeuger Frank König, der sich an dem Abend auch dementsprechend ins Zeug legte und ganz und gar entzückend trommelte (soweit meine nichtstudierten Ohren das überhaupt beurteilen können). So gabs denn auch handverlesene Soulklassiker von dieser überragend gut aufeinander eingespielten Zehnpersonen-Combo; und die Stimme von Sängerin Jane Maturell muß hier einfach mal in den höchsten Tönen gelobt werden: großartig! Alles in allem eine schon merklich angespannte Show, jedoch mit über jeden Zweifel erhabener Musik. Ich hoffe doch sehr, dass die Prüfer dem Herrn König wohl gesonnen waren – das zweite Set hab ich nicht mehr erlebt, weil mich die Müdigkeit und die Vorfreude auf den nächsten Tag recht schnell gen Heimat ziehen ließen.

Samstag, 4. Februar 2006: David Gray in Huxleys Neuer Welt, Berlin

Schließlich stand dann am Samstag ein Trip nach Berlin auf dem Programm. Endlich würde ich David Gray mal live zu Gesicht bekommen. Und ja, die lange Reise hat sich mehr als gelohnt. David Gray live, das war der krönende Abschluß dieses dreitägigen Konzertreigens. Vom ersten Ton des Openers „Alibi“ bis zum herrlich kruden Schluß mit dem The Cure-Cover „Friday I’m In Love“ zwei Stunden später war das ein sensationelles Konzert. Okay, ich könnte mich jetzt genüßlich auslassen über die blöde zugedröhnte Schrulle, die meiner Begleitung und mir das erste Drittel der Show durch ihren Kampftanz (mit ganz viel Gefühl, äh, Ellenbogen) verlitten hat. Sicher, ich könnte meiner Verwunderung Ausdruck verleihen, warum jemand zu einem David Gray-Konzert geht und sich nicht ein einziges Mal bewegt (der Kerl vor mir. Dir widme ich übrigens meine aktuellen Nackenschmerzen). Herrje, und ich könnte bemängeln, dass einige Songs, die ich gerne von Herrn Gray live gehört hätte, nicht Teil der Setlist waren.

Aber das alles wird unsagbar nebensächlich, wenn ich mir dieses Konzert in Erinnerung rufe: glasklarer, brillianter Sound. Wunderbare Songs, tolle Arrangements. Ein ausgelassener, gut gelaunter und stimmlich in Höchstform befindlicher David Gray. Clune, dieser unendlich sympathische Freak an den Drums, der immer so aussieht, als entdeckte der Glöckner von Notre Dame gerade das Schlagzeugspiel für sich. Die großartige Caroline Dale am Cello – eine alte Bekannte von vielen Sinéad O’Connor-Konzerten, die jetzt mit Herrn Gray umherzieht (schade, dass ich sie kaum gesehen habe – Davids Klavier und der sich nicht bewegende Schrank von einem Mann vor mir im Publikum waren schuld). Sail Away. Lately. Alibi. Please Forgive Me, natürlich. Babylon. Und und und – das war ein großes, anrührendes Konzert. Eines mit erstaunlich vielen Momenten, in denen die Augen so komisch feucht werden. Und Du für ein paar Augenblicke einfach nicht weißt, was Du zuerst machen sollst: vor Freude lachen oder vor Glück weinen.

Bilder geklaut von den Websiten der jeweiligen Künstler.

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

1 Kommentar zu „Rückblick: Seeed, Soulstreet, David Gray live“

  1. Ich war auch in Berlin bei David Gray. Das war ein Superkonzert! Stimmt alles was Du schreibst. Ich hatte auch so stressige Leute um mich rum.

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