Niels Frevert live im Bärenzwinger, Dresden (28. Januar 2005)

Der Abend beginnt mit so einer Art Déjà vu-Erlebnis: gemeinsam mit zwei Freunden fahre ich in eine fremde Stadt. Das Ziel ist ein mir bis dato unbekannter Club, in dem Niels Frevert ein Konzert geben soll. Nach ein wenig Herumgesuche ist der Club gefunden, wir drei sind natürlich viel zu früh da, und der erste, der uns im Laden über den Weg läuft – ist der Künstler persönlich: schüchtern, zurückhaltend, irgendwie unsicher wirkend. In Berlin, wo all das vor etwas mehr als zwei Jahren schon einmal so ähnlich geschah, ernteten wir fast Gelächter, als wir dann am Tresen schonmal prophylaktisch unsere Karten kaufen wollten, nur, um sicherzugehen, dass wir später dann auch wirklich rein kämen. Damals ahnten wir nicht, dass die Gefahr, nicht rein zu kommen, weil der Andrang zu groß sein könnte, ziemlich gering war. Diesmal, in Dresden, haben wir uns die Nachfrage am Tresen daher gleich gespart – nein, überfüllt würde es nicht sein, das war recht früh klar. Aber dass Niels Frevert in einer Stadt wie Dresden vor gerade mal 25 zahlenden Gästen spielen sollte, haben wir so auch nicht geahnt.

Gute zwei Stunden später: Niels betritt die Bühne. Sieht aus wie ein Häufchen Elend. Die Besucher sitzen auf den Stühlen, die an den vier Wänden des Mini-Schuppens rumstehen. In der Mitte, vor der Bühne: niemand (ja, okay, wir auch nicht. Aber immerhin standen wir). Das Konzert beginnt, mit diesem vertrauten, warmen E-Gitarren-Sound, mit „Seltsam Öffne Mich“, mit zaghaftem Applaus danach. „Weil Du anders bist“ folgt, und kurz darauf ein deutlich stärkerer Applaus. Ein ganz langsames Ankommen – für den auf der Bühne wie auch für die anderen im Raum. Dann „Tag ohne Namen“, grandios. Danach traut sich Frevert, das Publikum in die Mitte zu bitten. Und – wir alle nehmen diese Einladung an, als hätten wir die ganze Zeit nur darauf gewartet. Von da an – war der Abend im Dresdener Bärenzwinger tatsächlich ein Konzert.

Und was für eines. Niels spielt die stärksten Songs seiner beiden Soloalben, spart nicht mit Udo Lindenberg-Stücken, plaudert, wird ausgelassen beklatscht, ist willkommen. Es mutet geheimbündlerisch an, als dieses gerade mal schulklassengroße Publikum beginnt, mitzusingen. Nicht in Stadionrockmanier, eher sanft und dankbar klingt es aus auffallend vielen Kehlen: „Du musst zu Hause sein…“ und „Wann kommst Du vorbei“. Ja, das ist ein mickrig besuchtes Konzert. Aber die, die da sind, haben sich nicht in den Bärenzwinger verirrt. Sie sind hier, um Niels Frevert zu sehen und zu hören. Diese vertrauten, wunderbaren Melodien. Diese lyrischen Momentaufnahmen, die nicht immer schön, aber immer gut sind. Dieses markante Gitarrenspiel. Was noch vor ein paar Minuten in einem Debakel zu enden drohte, entpuppt sich als Wohltat, als Segen, als kleines Wunder. Niels verläßt die Bühne. Und lächelt verlegen.

Wir bedanken uns später noch kurz bei Niels für diesen seltsam schönen Abend, freuen uns über die Nachricht, dass es im Herbst vielleicht ein neues Album geben wird und verlassen die fremde Stadt, fahren die hundertnochwas Kilometer nach Hause. Ich werde nie verstehen, warum dem Mann nicht mehr Ruhm für seine Musik zuteil wird. Er nicht vor einem mindestens zehn Mal so großen Publikum auftreten kann. Aber ich werde auch beim nächsten Mal da sein. Zuhören. Hier und da mal schüchtern mitsingen. Und mich freuen, dass es Niels Frevert gibt.

Fotos: Robby Rösner (1&2), Sebastian Höhne (3) – Danke!

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

4 Kommentare zu „Niels Frevert live im Bärenzwinger, Dresden (28. Januar 2005)“

  1. Ja, auch wenn das jetzt nach pubertierendem Fangeseier klingt, von dem ich mich entschieden abwende…Niels ging auf die Bühne, kam uns nahe, kam näher, ging tief, beeindruckte, bewegte, berührte, schenkte zuweilen das so selten zu findende Gefühl von „ich bin verstanden worden“ und hat uns zurückgelassen mit einer inneren Zufriedenheit und dem Gedanken: „schön, dass es so etwas noch gibt“…eine „Tankstelle im Wald“

  2. tja also, bin echt neidisch. wäre gerne dabei gewesen. niels frevert ist für mich einer der besten. gut zu hören, daß es im herbst evtl. ein neues album gibt.
    hoffe er kommt auch mal wieder in die nähe von düsseldorf. obwohl: ich würde auch einige kilometer in kauf nehmen. aber dresden war leider definitiv zu weit.

    nordhead

  3. @St.Glandien: Doch, das 1997er Soloalbum kann man sich recht einfach über eBay beschaffen. Da taucht es eigentlich regelmäßig immer und immer wieder auf. Wesentlich schwerer ist es aber, an die ersten beiden Nationalgalerie-Alben heranzukommen. Viel Glück bei der Suche – sie lohnt sich alle Mal, „Niels Frevert“ ist ein fantastisches Album. Daniel

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