Sinéad O'Connor live @ Tempodrom, Berlin, 14. 11. 2005

Schon ein ganzer Tag ist vergangen seitdem Sinéad O’Connor im Tempodrom den letzte Ton gesungen hat. Sie war mal wieder in Berlin, zweieinhalb Jahre nach ihrem atemberaubenden Auftritt während der „Séan-Nos Nua“-Tour, bei dem sie in der „Arena“ irische Folk-Klassiker in einen modernen Pop-Reggae-Mantel packte, und obendrauf noch die wichtigsten Stücke ihres eigenen Oevres zum besten gab. Grandioses Konzert war das, damals, 2003.

In der Zwischenzeit ist viel passiert: Sinéad hat den Dienst im Popbusiness quittiert – sie wolle nur noch spirituelle, religiöse Musik machen und künftig nicht mehr Teil der Musikindustrie sein müssen. Sie hat ihr drittes Kind zur Welt gebracht, Shane. Sie hatte Gelegenheit, mit ihren Helden Sly Dumbar und Robbie Shakespeare in Jamaica die Musik aufzunehmen, mit der sie seit über zehn Jahren liebäugelt: Rasta-Roots-Klassiker von Burning Spear, Peter Tosh und auch Bob Marley. „Throw Down Your Arms“ heißt das überzeugende Ergebnis, ihr aktuelles Album, veröffentlicht auf einem eigenen Plattenlabel, so unabhängig wie nur möglich von der ach so verhassten „Popindustrie“.

Und mit diesen Rasta-Songs besucht sie nun Berlin im Rahmen ihrer 2005er Tour. Ich gebe zu, ich hatte gemischte Gefühle vor diesem Konzert. Nachdem ich bereits fünf Mal das Glück hatte, diese Sängerin live zu erleben, konnte ich mir nicht vorstellen, ein Konzert von ihr zu erleben, in dem nicht ein einziger Song ihres bisherigen Schaffens zu hören sein würde. Auf der anderen Seite hat mich „Throw Down Your Arms“ begeistert – diese Offenheit, diese Hingabe, diese Glaubwürdigkeit ist einfach phänomenal.

So ging es denn los – mit einer halben Stunde besten Reggae-Entertainments durch Sly & Robbie und deren Band. Nachdem die grandiose Band das Publikum gehörig aufgeheizt hatte, betrat Sinéad die Bühne – um erstmal allen mit ihrer fast-a-capella-Version von „Jah Nuh Dead“ den Atem zu verschlagen. Was danach kam, lässt sich kaum in Worte fassen. Alle Songs vom aktuellen Album, vorgetragen voller Hingabe und Leidenschaft, dazu ein paar exquisite Überraschungen wie „Move Out Of Babylon“ oder „Abendigo“ (TDYA-Titel, die leider nur per Japan-Import erhältlich sind), oder auch das gemeinhin als unselig sigmatisierte „Rivers Of Babylon“ von Boney M. In Sinéads Kosmos klingt dieses hierzulande als billiger Schlager verpönte Stück wie eine anrührende, fesselnde Ballade.

Ohne jeden Zweifel waren die ersten beiden Zugaben die Höhepunkte dieses ungewöhnlichen Abends: die zwei sanften Stücke „Run Comes (Throw Away Your Stoney Heart)“ und „Keep Cool Babylon“ verdeutlichten einmal mehr, dass hier eine Ausnahmesängerin, die oft und gern missverstanden wird, sehr genau weiss, was sie tut. Nämlich die Lieder, die ihr wirklich am Herzen liegen, voller Begeisterung zu singen, mitunter zu schreien und stets zu leben. Ohne Frage, derart gelöst, glücklich und gelassen habe ich Sinéad noch nie erlebt wie gestern Abend. Atemberaubend.

Was sie derzeit tut, scheint voll und ganz auf ihrem eigenen Mist gewachsen zu sein: diese Rasta-Songs, diese Tour, diese Attitüde – es ist ihr Ernst mit diesen Liedern und genau das bringt den Zuhörern so unsagbar große Freude. Und so stand ich nach dem letzten Song des Abends, einer fast bedrohlichen Version von „Stepping Razor“, völlig verblüfft und ein wenig fassungslos vor der viel zu schnell viel zu leeren Bühne des Berliner Tempodroms. Doch, es geht noch besser als zuletzt 1997, 2002 oder 2003, wo sie jeweils schon einmal so etwas wie das bis dato „beeidruckendste Konzert meines Lebens“ performte. Sie schafft es immer und immer wieder, und das macht mir bisweilen ein wenig Angst – was soll da jetzt noch kommen?

Aber bevor ich mir darüber den Kopf zerbreche, bin ich zufrieden und dankbar für ein weiteres sensationelles Sinéad O’Connor-Konzert. Could go on and on, the full has never been told…

Sinéad O’Connor
Live @ Tempodrom, Berlin
2005-11-14

Jah Nuh Dead
Marcus Garvey
Move Out Of Babylon
He Prayed
Y Mas Gan
Door Peep
Abendigo
Curly Locks
Prophet Has Arise
Throw Down Your Arms
Vampire
Untold Stories
Rivers Of Babylon
War
Downpressor Man
None A Jah Jah Children

E:
Run Comes (Throw Away Your Stoney Heart)
Keep Cool Babylon
Stepping Razor

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

3 Kommentare zu „Sinéad O'Connor live @ Tempodrom, Berlin, 14. 11. 2005“

  1. danke für die temporäre Liveschaltung zwischen Telefon und AB…ich musste ein Stück lang rätseln, konnte mir dann aber keinen andere Nerd vorstellen, der mich an solcherlei Abenden nicht lieber hätte teilhaben lassen…thx!

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