Herbie Hancock – Possibilities (2005)

Eine Premiere im dunkelblau Weblog: ein Gastbeitrag. Robby Rösner, eifrigen Lesern als Kommentarschreiber indigoo bekannt, schreibt über das neue Album von und mit Herbie Hancock.

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Was haben die Worte Liebe und funk gemeinsam? Richtig! Beide Begriffe versuchen ein Gefühl zu beschreiben, das sich eigentlich jedweder Konkretisierung entzieht. Beide haben etwas mit dem Bauch zu tun, befallen ihre Opfer meist unangekündigt und sind auch nicht heilbar. Auch sind die Symptome sehr ähnlich: Erhöhter Pulsschlag, Bewegungsdrang und Gänsehaut, ein dreckiges Grinsen und die Gewissheit, dass es einen erwischt hat.

Als ich neulich das CD-Regal nach Neuerscheinungen durchstöberte, stach mir Possibilities von Herbie Hancock zunächst mal nur ins Auge. Gut, dachte ich, zehn Songs sind nicht viel, aber eine Hand voll erlesene Popgrößen wie Sting, Annie Lennox, Paul Simon oder Santana versprechen Qualität. Leider bleibt mir an dieser Stelle nicht mehr viel zu sagen zu Track 2-10. Die sind wirklich nett, durchaus hörbar, ein Stilmix eben aus Jazz und Pop, wie es ihn vor ?Possibilities? schon des Öfteren gab. Schön anzuhören, die Liaison aus Pianoläufen und markanten Stimmen, aber nichts, das die Welt verändern könnte, jedenfalls nicht meine Welt.

Aber was, bitteschön, macht Hancock da mit John Mayer? Drei Dur-Akkorde, stilgerecht angereichert mit ein paar Nonen und Septimen, darüber ein paar Worte in der für Mayer typischen, heiser-sanften Stimme. Dann setzt ein trockener Beat ein, noch mal die drei Akkorde ? Stopp! Hancock steigt mit einem Dreizehner auf drei ein, der Bass folgt lässig rollend der Bassdrum, Mayers Gitarre spielt ein tänzelndes Lick, die drei Akkorde eben ? Stopp! Mittlerweile weiß ich längst wieder, was funky ist: Rhythmus, der hauptsächlich geradeaus geht, während der Rest links und rechts des Weges ein paar Fermaten, Ghostnotes und anderes Bluesgetöne einsammelt ? Stopp! Es ist angerichtet. Hancocks Finger steigen die Molltonleiter hinunter, dann trifft man sich zum Kehrreim, und JA! Der funkt, aber Hallo! Don´t wonna be stitched up, out of my mind?

Ein Opener, wie er besser nicht seiner Rolle gerecht werden könnte.
?Stitched up? ist so ein Tritt in die Magengrube, im besten Sinne allerdings. Der Fuß klopft im Viervierteltakt auf den Boden, der Hals macht den Tauben Konkurrenz und die Finger schnippen auf Zwei und Vier. Nicht zu vergessen – das verschmitzte Grinsen. Was das alles mit Liebe zu tun hat? Davon kann Herr Mayer ein Lied singen. Und genau das tut er ja auch: It´s true, there was a women. And yes, she did advance my way?

Es ist schon ne Weile her, dass ich verliebt war. In einen Song, meine ich. Und wenn ich mich recht entsinne, war es keine Sommerliebe, es war im März. Aber das Gefühl war genauso unbeschreiblich, wie der Song eben funky war. Nun ist es für eine Sommerliebe wahrlich zu spät, aber wer sagt denn, dass ?stitched up? nichts für den Herbst ist? Im Übrigen sind die ?Möglichkeiten? 2-10 noch zu haben.

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