Blues Traveler – Bastardos! (2005)

Spätsommer 2003. Ein starker Song namens „Partner In Crime“ mit einem unwiderstehlichen Gitarrenriff und selbstbewußt herausgebellten Gesängen setzt den krönenden Schlußpunkt des Blues Traveler-Albums „Truth Be Told“. Entgegen den meisten Erwartungen legten die US-Rocker damals eine rundum große, ja geradezu stolze Platte vor. Und das Schlußstück hätte genausogut der Opener sein können – auf „Truth Be Told“ ging es um Songwriting, auf ausufernde Jams oder Experimente verzichtete die Band. Und schuf somit eines der besten Alben ihrer Karriere.

Spätsommer 2005. Ein vertracktes, bisweilen gar wirres Stück namens „You Can’t Stop Thinking About Me“ eröffnet das nächste Studioalbum der Blues Traveler. Der Song erinnert stark an „Partner In Crime“, mutet aber an wie dessen kleiner ungezogener, aggressiver, Sturm-und-Drang-Teenager-Bruder. Und eröffnet einen Reigen von 14 Tracks, den Hörer erstmal etwas ratlos zurücklassend. „You Can’t Stop…“ ist der Auftakt zu einem Album, wie es gegensätzlicher zu seinem Vorgänger kaum sein könnte.

Bastardos! strotzt vor Experimentierfreude und Detailversessenheit: schräge Effekte, Arrangements, die mehr als einmal auf Dissonanzen und Gegensätze bauen, jede Menge musikalischer Witz, bisweilen allerdings ein recht skurriler Humor. Das alles heißt aber nicht, dass diese Platte frei von guten Songs wäre – im Gegenteil. Auf Stücken wie „After What“ (geile Gitarren), „Money Back Guarantee“ (ein wirklich großes, sehr souliges Stück) oder „She Isn’t Mine“ (eine süße kleine Ballade) zeigt die Band eindrucksvoll, dass sie nach wie vor in der Lage ist, famose Lieder scheinbar aus dem Ärmel zu schütteln.

Dennoch ist unüberhörbar: Blues Traveler suchen hier heftigst nach neuen musikalischen Herausforderungen, wollen sich unbekannte Soundlandschaften erschließen und scheuen sich nicht, volles Risiko einzugehen. Das geht fast immer gut („Can’t Win True Love“ heißt der beste Song des Albums und besticht durch vielschichte Backings und wummernde Orgelsalven, „Nail“ durch gewagte Klangeffekte, „She And I“ durch ungewohnte Seventies-Disco-Reminiszenzen, treffsichere Bläser-Sektion inbegriffen), mitunter aber eben auch gehörig schief. Titel wie „Rubberneck“ oder „What Could Possibly Go Wrong“ tönen dann doch ein wenig zu schrill, zu gewollt anders aus den Lautsprecherboxen. Aber hey – no risk, no fun.

Ohne Zweifel ist „Bastardos!“ die bislang am stärksten von den beiden Neuzugängen Ben Wilson (Keyboards) und Tad Kinchla (Bass) geprägte Studioveröffentlichung der Band um John Popper. Wobei es freilich ein wenig unfair ist, nach fast sechs Jahren Bandzugehörigkeit noch von Neuzugängen zu sprechen. Dennoch fällt hier stärker denn je auf, dass diese beiden Musiker den Sound und das Selbstverständnis der Blues Traveler gehörig aufgemischt und verändert haben. Um es mal ganz deutlich zu schreiben: Ben Wilson rockt diese Platte wie nix Gutes und kann getrost als der Held der Stunde gefeiert werden – sein Solo auf „She And I“ ist der vielleicht stärkste Moment dieser Veröffentlichung.

Erfreulich, wie „Bastardos!“ mit jedem Hören wächst und wächst und wächst. Auch, wenn die CD schwerer verdaulich ist als etwa „Truth Be Told“ und durchaus den einen oder anderen verzichtbaren Song in sich birgt, so ist sie doch liebenswert und verführerisch. Man drückt immer wieder auf „Play“, um sich das nochmal anzuhören. Nicht, um es sich schönzuhören. Sondern um mit jedem neuen Durchgang ein anderes spannendes Detail zu entdecken. In einem bleibt sich die Gruppe auch diesmal treu: schon zum achten Mal veröffentlichen Blues Traveler ein Studioalbum, das wie keines seiner Vorgänger klingt, das seinen ganz eigenen Stil und Charme hat. (8/10)

„You can’t change what has happened / no matter how much better you could do /
And while we’re on it you know you can’t change me / and you can’t change you. You shouldn’t have to.“

(Blues Traveler – Can’t Win True Love)

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Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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