So far… (1): Die Blues Traveler-Diskographie

Morgen erscheint „Bastardos!“, das achte (neunte? achteinhalbste?) Studioalbum der Blues Traveler. Bereits heute tobt im Bandforum eine leidenschaftliche Diskussion über die neue Platte. Noch habe ich die CD nicht in Gänze gehört, daher kann und will ich mir noch kein Urteil erlauben. Der Vorabend der neuen Veröffentlichung scheint mir aber ein guter Zeitpunkt zu sein, um einmal auf die bewegte Geschichte der Band zurückzuschauen, die sich auch in der Diskographie der Band wiederspiegelt…

BLUES TRAVELER (1990)
Eines dieser Alben der jüngeren Musikgeschichte, die den Titel „Klassiker“ wirklich verdienen. Vom ersten Ton („But Anyway“) bis zum letzten („Sweet Talking Hippie“) ist das Debüt der New Yorker Jamband hervorragend. Hier musizieren vier Freunde nach Herzenslust, mäandernde Jams treffen auf gnadenlos gute Hooklines; eine neuartige, wilde Spielfreude wird hier hörbar – das ist anders als alles, was in den späten Achtzigern / frühen Neunzigern sonst so aus New York kam. BLUES TRAVELER ist ein bewegendes Dokument aus der Zeit, in der sich in NYC eine völlig neuartige Musikszene entwickelte, und es ist nur konsequent, dass auf dieser CD viele Freunde aus dieser Szene vorbeischauen: Chris Barron von den Spin Doctors singt mit, Joan Osborne auch, und Saxophon-Guru Arnie Lawrence ist ebenfalls mit von der Partie. Tolles Debüt. (10/10)

TRAVELERS & THIEVES (1991)
Für viele hartgesottene Blues Traveler-Fans ist dieses Album das Nonplusultra, bei mir hat es nie wirklich so ganz „Klick“ gemacht. Ohne Frage, T&T beinhaltet großartige Momente – das launische „I Have My Moments“ etwa, die tollen Songs „All In The Groove“ und „Optimistic Thought“ ebenso. Aber alles in allem ist das zweite Album der Band für mich ein wenig überambitioniert: hier und da reichlich verkopft, bisweilen zu viel Herumgejamme und zu wenig handfestes Songwriting. Der atemberaubende Schlußtrack „Mountain Cry“ allerdings (mit Gregg Allmann von den Allman Brothers) entschädigt für alle Längen, die dieses Album aufweist – ein fantastischer Breitbild-Blues, wie man ihn besser kaum spielen kann. (7/10)

SAVE HIS SOUL (1993)
Entstanden in einer wirklich bizarren Zeit für die Band, mit einem Sänger, der nach einem Motorradunfall für ein knappes halbes Jahr an den Rollstuhl gefesselt war, ist SAVE HIS SOUL das vielleicht meistunterschätzte Album der Band. Diese Platte ist wütend, rastlos, suchend, fragend. Und genau deshalb so wichtig. Der beste Moment ist ohne Zweifel „Bullshitter’s Lament –> Conquer Me“. Was für eine Verbindung, was für Songs! Eine ganze Reihe von Kritikern unterstellt ja, dass das neue Album „Bastardos!“ sehr an „Save His Soul“ erinnern würde. Wenn das wirklich so ist, dann steht uns ein beeindruckendes neues Album der Band bevor. (9/10)

FOUR (1994)
Das Hitalbum der Blues Traveler. Schwebt bis heute wie ein Damoklesschwert über der Band. Die Singles „Run Around“ und „Hook“ katapultierten die vier in den US-Pop-Olymp. Bis heute hält „Run Around“ den Rekord als die Single, die jemals am längsten in den Billboard Top 100 vertreten war. Mal abgesehen von diesen beiden zu Recht erfolgreichen Nummern beherbert FOUR aber tatsächlich noch eine ganze Reihe weiterer famoser Songs: „The Mountains Win Again“ etwa, oder auch „Just Wait“. Das Problem an dieser Platte: alle nachfolgenden Releases mussten sich am Erfolg von FOUR messen lassen – aber so ein großer Wurf gelingt nun mal nicht alle Tage. (10/10)

LIVE FROM THE FALL (1996)
Das erste Livealbum der Band – und diese Doppel-CD ist derart episch und groß, dass man es kaum fassen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes: Blues Traveler zeigen hier so ausführlich, was für eine gnadenlos gute Band sie sind, dass man die CD kaum am Stück hören kann – zu viele Eindrücke, zu viele schräge Ideen, zu viele grandiose Jams prasseln hier auf den Hörer ein. Die Höhepunkte: das rare „Closing Down The Park“ auf der ersten CD, das in jeder Hinsicht atemberaubende „Alone“ und die respektvolle Adaption von „Imagine“ auf CD Nummer zwei. „Wahnsinn“ ist das Wort, das wohl am besten zu dieser Veröffentlichung passt. (8/10)

STRAIGHT ON TILL MORNING (1997)
Kaum zu glauben, dass es diese CD war, die mich ursprünglich zum Fan der Blues Traveler gemacht hat. Ich habe diese Platte blind gekauft, nur wissend, dass BT eine tolle Band sein sollen. Und ja, dieses Album hielt, was die Vorschußloorbeeren versprachen. Famose Lieder, ausgefallene Ideen, tolle Produktion. Titel wie „Yours“ oder „Most Precarious“ waren mein Soundtrack dieses Jahres. Erst danach hab ich mich an die Vorgängeralben herangemacht und durfte erkennen, dass SOTM bei weitem nicht das beste ist, was diese Band zu bieten hat. So gut und gelungen das Album sein mag, so clever die Band den Druck der Nachfolgeplatte zum Hitalbum gemeistert haben mögen, STRAIGHT ON TILL MORNING verfügt eben doch nicht über die Magie von FOUR oder BLUES TRAVELER. Aus heutiger Sicht: Stagnation auf hohem, ach was, höchstem Niveau. (7/10)

DECISIONS OF THE SKY – A TRAVELER’S TALE OF SUN & STORM (2000)
Es ist viel passiert seit SOTM, sehr viel sogar. Das letzte Album konnte nicht an die Erfolge seines Vorgängers anknüpfen, Sänger John Popper versuchte sich erfolgreich an einem Soloalbum („Zygote“ würde in dieser Liste locker 8/10 Punkten abräumen), aber BT-Bassist Bobby Sheehan starb zur gleichen Zeit an einer Überdosis Heroin. Die Band Blues Traveler schien im Jahr 1999 am Ende zu sein. Doch die Herrschaften haben nicht die Flinte ins Korn geworfen, sondern recht schnell beschlossen, weiterzumachen. Nicht trotz, sondern wegen des schmerzlichen Verlustes von Bobby Sheehan. Tad Kinchla, der Bruder von Gitarrist Chan Kinchla, sollte Bobbys Stelle einnehmen, und ein gewisser Ben Wilson – heute kaum wegzudenken aus dem Bandgefüge – kam als Ergänzung an den Keyboards als festes Bandmitglied hinzu. Die 4-Track-EP DECISIONS OF THE SKY ist eine künstlerische Standortbestimmung – wo soll es hingehen, was können wir, was wird zukünftig geschehen… Zentrales Stück dieser kostenlos übers Internet vertriebenen Aufnahme, die immerhin 38 Minuten lang ist, ist sicher die 20minütige „Traveler’s Suite“ – ein aus mehreren Teilen bestehendes Epos, das nichts mehr mit einem klassischen Rocksong zu tun hat. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist DOTS ein willkommenes Zeichen, fünf Jahre später kann und sollte man es als gelungenes, aber weiß Gott nicht ausgegorenes Intermezzo einstufen. (6/10)

BRIGDE (2001)
Das erste „richtige“ Album der Blues Traveler 2.0, wie sie heute von den Fans liebevoll bezeichnet werden. Und dennoch eine Platte des Übergangs, eine Brücke zur Jetztzeit der Band. BRIDGE lebt durch große, emotionale Songs, der neue, deutlich modernere Sound jedoch stößt einige alte Fans vor den Kopf. „Nichts Halbes und nichts Ganzes“, sagt der Oldschoolfan. „Ein Aufbruch“, sagt der geneigte Hörer. Bis heute ist BRIDGE für mich eines der BT-Alben, die mich am stärksten berühren. (9/10)

LIVE – WHAT YOU AND I HAVE BEEN THROUGH (2002)
Wir schreiben das Jahr 2001. Gerade eben sind Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center geflogen, und die Welt steht Kopf. In all den Wirren des Herbstes 2001 begeben sich BT 2.0 auf US-Tour, und WHAT YOU AND I HAVE BEEN THROUGH dokumentiert Teile dieser Tour. Klar, dass ein Patriot wie Sänger John Popper darauf besteht, dass diese Platte mit einer Mundharmonika-Version des „Star Sprangled Banner“ beginnt. Doch siehe da: diese ganz fürchterlich editierte CD dokumentiert eine frische, motivierte Band, die eine neue, bisher unbekannte Richtung einschlägt – und überzeugt daher trotz aller (vermarktungstechnischen, optischen, akustischen) Schwächen. (7/10)

TRUTH BE TOLD (2003)
Sen-sa-tio-nell. BT 2.0 haben sich gefunden und legen ein derart kompaktes, liebevolles, euphorisches und zugängliches Album vor, wie man es der Band, die einst „Run Around“ und „Hook“ veröffentlichte, nie wieder zugetraut hätte. Jeder Schuß ein Treffer, hier spielt eine junge, frische, performancewütige Band. Und beschert dem geneigten Hörer Perlen wie „Eventually“, „Sweet And Broken“ und „This Ache“. Ja, da ist sie wieder, diese ursprüngliche Leidenschaft, diese Lust an der Provokation, diese Spielfreude. Was auf BRIDGE nur andeutungsweise zu hören war, blüht hier so richtig auf. TRUTH BE TOLD ist das beste Album der Blues Traveler seit FOUR. Ach was, seit BLUES TRAVELER. (10/10)

LIVE – ON THE ROCKS (2004)
Der kleine Bruder der 2003er Live-DVD „Thinnest Of Air“. Was auf Doppel-DVD sehr ausführlich und fanfreundlich aufbereitet wurde, ist hier auf komprimierte, aber nichtsdestotrotz zwingende und bestechende Weise nachvollziehbar: mit dieser Band darf / muss man rechnen, sie hat Seele, ist im neuen Jahrzehnt angekommen und ist spielwütig wie nie. Vom Duett mit Bob-Sohn Ziggy Marley bis zum verschrobenen Finale mit „Thinnest Of Air“, dem heimlichen Hit von TRUTH BE TOLD – hier spielen BT 2.0, als ginge es um ihr Leben. Ganz groß. (9/10)

Soo… Jetzt kann „Bastardos!“ kommen. Die Kritik zur neuen Platte – demnächst in diesem Theater.

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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