Dave Matthews Band – Stand Up (2005)

2001 war ein wichtiges Jahr in der Geschichte der Dave Matthews Band – statt der heiß herbeigesehnten nächsten Aufnahme mit Produzentenguru Steve Lillywhite, der alle bisherigen (und durch die Bank bemerkenswerten) DMB-Major-Alben betreute, kam „Everyday“, die wohl am leidenschaftlichsten diskutierte Veröffentlichung der US-Band. Statt epischer Siebenminutenstücke, wie sie auf den Vorgängern üblich waren, legten die Mannen um Dave Matthews einen ungewohnt kurzangebundenen, geradlinig produzierten und auf Hooks statt Experimente getrimmten Songzyklus vor – entstanden in einer knapp zweiwöchigen writing session, an der neben dem neuen Produzenten nur der Sänger selbst teilhatte. Die Fans der ersten Stunde schrieen „Verrat!“, als sie Mr. Matthews erstmals an der E-Gitarre statt an der gewohnten „Halbakustischen“ vernahmen, als sie mit Glen Ballard (der zuvor Künstler wie Alanis Morissette zu Ruhm und Ehre verhalf) einen ausgemachten Pop-/Hitproduzenten an der Seite der Band sahen und nicht den guten alten Steve, als sie feststellen mussten, dass das ursprünglich geplante und bereits mit Lillywhite komplett aufgenommene Album verworfen wurde, weil niemand so recht glücklich damit war (außer den Klugscheisserfans) – zugunsten von „Everyday“.

Ein Jahr später erblickte ein Großteil der unveröffentlichten Songs aus den „Lillywhite-Sessions“ dann doch noch das Licht der Welt, wenngleich als Neuaufnahmen. „Busted Stuff“ (2002) wurde von den einen als Rückkehr zur alten Form empfunden, von den anderen als halbherziger Wiedergutmachungsversuch nach dem „Everyday“-Fiasko. Knapp drei Jahre sind seither vergangen, DMB war durch unzählige Live-Releases und regelmäßige US-Touren zwar dauerpräsent, aber eben nie mit einer Studioaufnahme. Und jetzt? Ist es da, das sechste Major-Album der Dave Matthews Band. Auch diesmal produzierte nicht Steve Lillywhite, sondern der durch Zusammenarbeiten mit No Doubt und diversen Black-Music-Acts bekannte Mark Batson. „Stand Up“ heißt die erste wirkliche Songwriting-Bestandsaufnahme der Band seit 2001, und sie in vielerlei Hinsicht eine Überraschung.

Zunächst einmal: nein, „Stand Up“ ist kein zweites „Crash“, kein „Before These Crowded Streets II“. DMB-Fans sollten sieben Jahre nach der letzten Zusammenarbeit von DMB und Lillywhite endgültig damit leben lernen, dass sich die Band erlaubt, sich auch ohne den „Produzenten der ersten Stunde“ weiterzuentwickeln und – ganz wichtig – bewußt zu verändern. Die Stücke sind kompakter, kürzer, anders geworden. Aber sie haben nichts von ihrem Reiz verloren. Überraschende Melodien gibt es nach wie vor, auf Groove und Lebendigkeit achten DMB mehr denn je. So leben Stücke wie der Titelsong „Stand Up“, das etwas kryptische, aber schöne „Old Dirt Hill (Bring That Beat Back)“ oder auch das herausragende „Louisiana Bayou“ von einer ganz ungewohnt direkten und zugänglichen Rhythmik.

Auf der anderen Seite sind da diese Balladen, die Herzeinwenigschnellerschlag-Momente. Es gibt sie immer noch, es gibt sie stärker denn je: das stetig nach vorn treibende und dennoch verweilende „Out Of My Hands“ wäre da zu erwähnen, und auch das epische „Steady As We Go“ (wahrscheinlich der stärkste Moment in diesem starken Album). Die überbordende Lillywhite-Ästhetik ist pragmatischen Soundansätzen gewichen, ja. Aber überraschend, frisch und unkonventionell sind sie nach wie vor.

Und ja, es gibt auch Augenblicke der Melancholie auf „Stand Up“: hier und da schleichen sich mittelprächtige, bisweilen verzichtbare Stücke ein, die dem Hörer eben jenes Frohlocken und Füreinpaartagedauergrinsen verwehren, das er hatte, als ihm erstmals „Under The Table And Dreaming“ oder „Crash“ zu Ohren kamen. Da schwingt ein gerüttelt Maß an Routine und Abgeklärtheit mit, da sind einigen Wendungen und Entwicklungen vertrauter als unbedingt nötig. Da mutet einiges zu kalkuliert, zu unspektakulär an. Der Fairness halber sei aber unterstrichen, dass diese Augenblicke deutlich seltener sind als jenes Hochgefühl, endlich wieder frisches, feines Material einer begnadeten Band vernehmen zu dürfen.

„Everyday“ war für DMB eine Art Schocktherapie – zurück zum Song, zurück auf den Boden der Tatsachen. „Busted Stuff“ war dann eine Art psychoanalytische Sitzung – Fehler der Vergangenheit sollten aufgearbeitet, Wunden bei Fans und Band behutsam verheilt werden. „Stand Up“ aber ist endlich wieder das, was man im pragmatischsten Sinne von einer Lieblingsband erwartet: Hey, da sind die Jungs wieder. Die waren ein paar Monate im Probenraum, und haben da so neues Zeug geschrieben. Das spielen sie heute zum ersten Mal… — Wow, die Jungs sind gut. — Hey, das geht mehr geradeaus als früher, oder? — Ja, und mehr so gerade Beats, hey? — Jau, schönes neues Zeug. — Die alten Sachen fand ich aber irgendwie besser. Das Zeug kann man halt nicht toppen. — Ach, Schnauze! … … und Prost!

Discographie: Remember 2 Things (1993, 7/10); Recently EP (1994, 6/10); Under The Table And Dreaming (1994, 9/10); Crash (1996, 10/10); Live At Red Rocks 8.15.95 (1997, 10/10); Before These Crowded Streets (1998, 9/10); Live At Luther College (Dave Matthews and Tim Reynolds, 1999, 8/10); Listener Supported (1999, 9/10); Everyday (2001, 6/10); Live In Chicago 12.19.98 (2001, 6/10); Busted Stuff (2002, 8/10); Live At Folsom Field Boulder Colorado (2002, 8/10); Some Devil (Dave Matthews solo, 2003, 7/10); The Central Park Concert (2003, 10/10); The Gorge (2004, 7/10); LiveTrax Vol. 1 Worcester, MA, December 8, 1998 (2004, 10/10); LiveTrax Vol. 2 Golden Gate Park, San Francisco, CA, September 12, 2004 (2004, 10/10); LiveTrax Vol. 3 Meadows Music Theatre, Hartford, CT, August 27, 2000 (2005, 8/10); Stand Up (2005; 8/10)

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

3 Kommentare zu „Dave Matthews Band – Stand Up (2005)“

  1. Stimmt. DMB jedes Mal wieder anders. Stellenweise irgendwie synthetisch, zu glatt. Sicherlich viel Routine, ja. Insgesamt finde ich das Album etwas zu melancholisch, kein definitiven feel-good-song, aber das ist ja auch keine Pflicht, schon gar nicht in diesen bedrohlichen Tagen. Meine Favoriten bisher „Hunger For The Great Light“ und „American Baby“ nebst dazugehörigem Intro.

  2. Mein lieber Mann! Hör mir grad die neue Scheibe an und muss sagen: eine Enttäuschung durch und durch. Nur wenige Tracks reissen mich wirklich vom Hocker und die Produnktion Mark Batson erst recht nicht. Wie kann man es wagen, den definitiv geilsten Drumsound aller Zeiten durch Loops und anderes Gedöns zu verschandeln? Das einzige, was wirklich flasht, ist das Ende von American Baby (Carter, du bist der Hero!!!).
    Aber jetzt mal im Ernst: dass die Jungs spielen können, haben sie auf den ersten Alben und insbesondere den Livescheiben zur genüge bewiesen. Trotzdem fehlt mir die Spritzigkeit und der mitreissende Groove von Songs wie „Stay“ oder „So much to say“. Insgesamt spielt die Band meiner Meinung nach hier zu „straight“ und lässt sich selbst wenig Spielraum. Vielleicht bin ich aber auch ein wenig voreingenommen, bin selber Musiker und deshalb seit ich denken kann auch Fan der DMB.
    Hört halt mal rein…

  3. Bin sehr gespannt darauf, wie sich das neue Material live anhören wird… Da entwickelt sich mit Sicherheit noch eine ganze Menge. Und auch, wenn ich jetzt womöglich gesteinigt werde – ich finde gerade die direkten, unaufgeregten Drums auf „Stand Up“ gut. Ohne Frage, Carter ist ein Weltklassedrummer. Aber das muss er doch nicht ständig unter Beweis stellen. Ich finde ihn auf der neuen CD sehr wohl treibend und groovend – aber eben direkter und weniger vertrackt als auf älteren CDs.

    Daniel

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