Garbage – Bleed Like Me (2005)

Version 4.0. Endlich ist es da, das vierte Album von Garbage. Überall liest man zur Zeit Schaudermärchen zur Entstehungsgeschichte von „Bleed Like Me“. Die einen wissen zu berichten, dass Sängerin Shirley zwischenzeitlich nicht mehr singen konnte, die Band kollektiv eine kreative Krise durchlebte und Mastermind Butch Vig gar kurz davor war, die Brocken hinzuwerfen und Garbage zu beerdigen. Episoden eben, die sich kurz vor Veröffentlichung einer CD einfach gut machen. Und die bei Garbage spätestens seit ihrem zweiten Album dazugehören.

Und auch beim Vorgänger zu „Bleed Like Me“, dem 2001er „Beautiful Garbage“, gab es im Vorfeld die wildesten Geschichten und Ammenmärchen zu hören – von mehr als zweihundert Tonspuren pro Track, die mehrere Dutzend Mal verworfen und dann doch wieder ausgegraben wurden, war da zu lesen und und und – diese Legendenstreuung scheint wohl Teil des Garbage-Konzeptes zu sein. Der Musik jedoch hörte man das schon vor vier Jahren nicht an, und auch diesmal ist auf der Platte von Krise und Zerissenheit kaum etwas zu spüren.

Als wäre nie etwas gewesen, spielen Garbage auch hier wieder ihren typischen Powerpop, der im ersten Moment künstlich, ja sogar kühl und viel zu perfekt anmutet, aber schon beim zweiten Durchgang spüren lässt, was für beseelte Musiker hier gearbeitet haben. „Bleed Like Me“ beginnt gigantisch – mit den Songs „Bad Boyfriend“, „Run Baby Run“ und „Right Between The Eyes“. Das sind Garbage, wie man sie kennt: eine mächtige wall of sound, originelle, aber keine allzu abgedrehten Harmonieläufe und der schnippisch-nölige, aber doch irgendwie beherzte Gesang von Shirley Manson.

Im Mittelfeld driften die vier allerdings etwas in die Beliebigkeit ab. Garbage ist halt Garbage ist halt Garbage. Das ist alles makellos produziert, ganz hervorragend gespielt, aber auf Albumlänge leider nicht so packend wie frühere Alben. „Stagnation auf höchstem Niveau“ heißt sowas in der Wirtschaftssprache wohl. Wogegen prinzipiell ja nichts einzuwenden ist; aber nach zehn Jahren, die man als geneigter Hörer die Band nun schon kennt und schätzt, wäre halt die eine oder andere Sound- oder Songwritingüberraschung nett gewesen. Doch schon bald versöhnt man sich mit der Band: im letzten Drittel Ende fangen sich Garbage dann wieder und laufen am Schluß nochmal zu Bestform auf, sie liefern mit „Why Don’t You Come Over“ und „Happy Home“ einen würdigen und schönen Showdown.

Und die Moral von der Geschicht? Wahrscheinlich benötigen Garbage Album um Album die „große Show“ vor der Veröffentlichung, und wahrscheinlich brauchen sie einfach für neue Alben immer so drei bis vier Jahre. Solange die Musik gut ist, soll das nicht stören. Allerdings sollten Shirley und ihre drei Herren aufpassen, dass sie in Zukunft ob des Nachdenkens über die gemachten Schlagzeilen vor den Releases nicht das Nachdenken über Musik und Inspiration vernachlässigen. Das wär nämlich schade.

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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