NP: Willy Porter – High Wire Live (2003)

Ein wenig aus den Augen verloren hatte ich in den letzten Jahren Willy Porter. Diesen schüchtern anmutenden US-Songwriter mit den erstaunlichen Gitarrenkünsten. Zum ersten Mal überhaupt nahm ich Mitte der Neunziger von diesem Mann Notiz, Jürgen von der Lippe präsentierte Porter in der rückblickend betrachtet eigentlich ziemlich albernen Samstagabendshow „Geld oder Liebe“, als wäre hier ein neues Musikerwunder vom Himmel geplumpst (Nicht die Augenbrauen hochziehen! Ich versuch mal fix, die eigentlich recht peinliche Tatsache, dass ich gerne diese Show geguckt habe, schönzureden. Hmmm… Ah, genau: „Geld oder Liebe“ war Musikfreunden das, was der Playboy den meisten seiner Leser ist – die kaufen sich das Magazin ja auch nur wegen der ganz hervorragenden Artikel und natürlich nicht wegen der Playmates. „Geld oder Liebe“ habe ich natürlich auch immer nur wegen der ganz hervorragenden Musikacts angeschaut und nicht, um am Samstagabend einfach mal ein bißchen seichte Unterhaltung zu konsumieren. Is doch logisch!! Wie? Das war nicht überzeugend? Pff, dann halt nicht).

Immerhin vermochten von der Lippes Lobpreisungen und Willy Porters Performance des Songs „Rita“ seines damals aktuellen Albums „Dog Eared Dream“ mich so stark zu beeidrucken, dass ich mir am Montag darauf die CD besorgte. Und dann tatsächlich angenehm überrascht war – feine, sensible Songs, alles in allem eine Runde Sache. Der große Erfolg hierzulande, wie er anderen durch von der Lippe bekannt gemachten Künstlern wie Eagle Eye Cherry beschieden war, blieb bei Porter allerdings aus. Alben von ihm gibts nur selten, dafür ist im in den USA eine kleine, aber enthusiastische Gefolgschaft sehr treu. Nach „Dog Eared Dream“ kamen noch „Falling Forward“, das ein paar wunderbare Songs enthält, und ein selbstbetiteltes Album. Doch bei dem hat es damals für mich einfach nicht Klick gemacht. Das war nett, ja, aber so wirklich der Bringer – eben nicht. Womit ich wieder bei meinem Eingangssatz wäre.

So kam es auch, dass ich erst kürzlich und auch eher zufällig mitbekam, dass Porter Ende 2003 ein Solo-Live-Album namens „High Wire Live“ veröffentlicht hat, das nicht nur ein wirklich schickes Cover hat, sondern sich auch von hinten bis vorne hören lassen kann. Ja, er hat mich wieder gekriegt. Mit einer Stunde fesselnder Songs vor Publikum, mit diesen verblüffenden, aber nie zum Selbstzweck werdenden Gitarrenkünsten, mit dieser wunderbar warmen Stimme. Er singt Songs, die mir lange vertraut sind – schön, die mal wieder zu hören. Da sind ein paar, die ich nicht kenne, mir aber bestens gefallen (Sollte ich dem letzten Studioalbum etwa doch noch mal eine Chance geben? Na gut).

„High Wire Live“ ist mehr als eine angenehme Überraschung. Diese Platte ist Anlaß genug, eine alte Leidenschaft wiederzuentdecken: the smooth sounds of Willy Porter, quasi.

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

1 Kommentar zu „NP: Willy Porter – High Wire Live (2003)“

  1. o ja, wie wahr. High wire live zählt jetzt schon zu meinen Lieblingsalben. Wieder mal steht fest, dass Willy offensichtlich mehr als eine Leo Kottke Platte im Regal stehen hat.

    Und die Sounds die er aus den Klampfen rausholt sind einfach phänomenal. Da kriegt man richtig Lust sich ne Guilt Gitarre zu krallen und selbst zu spielen.

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