Spin Doctors – Live in Prag, 18. März 2005

Wow. Was für ein unwirklicher, aber bezaubernder Trip. Am Wochenende war ich in Prag. Nicht zum ersten Mal, schon desöfteren durfte ich in dieser wunderbaren Stadt weilen. Dennoch war es für mich ein „erstes Mal“ – nach dreizehn langen, entbehrungsreichen Jahren sollte ich an diesem Wochenende die Band sehen, die ich – auch heute noch – für die mit Abstand coolste, sympatischste, funkieste, generell also derbste Band des Planeten halte. Dies war das Wochenende meines ersten Spin Doctors-Konzertes ever.

Die Erwartungen hätten nicht größer sein können: wirklich unzählige Livemitschnitte haben sich über die Jahre in meiner Wohnung angesammelt, alle habe ich sie aufgesogen, genossen und so laut es nur ging mitgesungen. Ich habe die Band im Fernsehen gesehen, damals, als sie für ein paar Monate die Rockmusikwelt regierten. Habe mir Soloalben, Seitenprojekte und Zusammenarbeiten für wahrlich teures Geld aus den USA einfliegen lassen. Hatte e-Mail-Konversationen mit den Bandmitgliedern. Habe sie in Zeiten unterstützt, wo sie nicht nur „out“ waren, sondern regelrecht als „uncool“ galten. War schockiert, als eine Stimmbanderkrankung der Band 1999 ein leises, aber jähes Ende bereitete. Hatte Gänsehaut, als ich zwei Jahre später die eMail las, dass die Band für eine Nacht noch einmal in Originalbesetzung spielen würde. War begeisterter als jemals zuvor, als ich erleben durfte, wie aus den Spin Doctors nach dieser Reunion zum zweiten Mal eine Band wurde, die voller Enthusiasmus und ganz kompromislos zur Ochsentour selbst durch die kleinsten Kaschemmen der USA antrat und sich so in den letzten vier Jahren eine neue Anhängerschar erspielte und die alten treuen Fans wieder zu Spinheads werden ließ.

Und jetzt? Jetzt sollte ich sie also zum ersten Mal live erleben dürfen, beim Abschlußkonzert ihrer ersten Europatour seit 1994. In Prag. Allein das hätte genügt, um mich für ein paar Tage zum Menschen mit dem zufriedensten Grinsen weit und breit zu machen. Es sollte aber alles noch viel, viel besser kommen. Es erscheint mir noch jetzt reichlich unwirklich, dass ich beim Soundcheck die Band endlich mal persönlich kennenlernen durfte, dass Schlagzeuger Aaron Comess daraufhin meine Freunde und mich auf die Gästeliste gesetzt hat. Dass die Taper und Trader, mit denen ich seit Jahren regelmäßigen und herzlichen e-Mail-Kontakt pflege, auch im wahren Leben bezaubernde Menschen sind und mit denen es sich gar trefflich feiern, reden, diskutieren und nicht zuletzt über die Bedeutung der Spin Doctors für die neuere Geschichte der Rockmusik philosophieren lässt. Dass sich Chris Barron nach dem Konzert auf ein viertelstündiges Gespräch mit mir über alte, längst vergessene Aufnahmen, die neue Platte, das Leben auf Tour und das Leben im allgemeinen eingelassen hat. Und und und…

Wenn ich all das jetzt, ein paar Tage nach dem Konzert, niedertippe, kommt es mir vor, als schriebe ich über einen Film, den ich unlängst gesehen habe. Aber nein, es ist alles genauso gewesen. Und noch so viel besser: ich erinnere mich an meine besten Freunde, wie sie mit mir wie Teenager mitgröhlen, abfeiern und natürlich viel zu viel Bier kippen. An das seltsame Hotel, in dem wir bis morgens halb fünf sitzen und die eben aufgenommene Show anhören und mit einem Taper, der mir im Laufe des Wochenendes zu einem echten Freund im wahren Leben werden sollte, über die Band, alte Setlisten und Zeiten diskutieren, als wäre es das wichtigste Thema der Welt. Hell yeah – vielleicht war das für uns an diesem Wochenende tatsächlich das wichtigste Thema der Welt. In jedem Fall aber das schönste.

Jetzt habe ich kaum etwas über das eigentliche Konzert geschrieben. Es war – einmalig. Unglaublich. Lustig. Die Doctors waren im Haus und haben das Prager Publikum nach allen Regeln der Kunst verarztet. Das waren über neunzig Minuten geballter Rock’n’Roll. Funk. Pop. Jetzt sitze ich wieder zu Hause, in meiner Leipziger Wohnung. Starre auf das Tourplakat, das wir ergattern konnten. Höre die feine, feine Show auf CD. Höre mich und meine Freunde klatschen und lachen. Erinnere mich gerne an die letzten Tage in funky funky Praha. Die Show, die Band, das ganze Drumherum: von diesem Wochenende werde ich wohl noch eine ganze Weile zehren. Und es wird mir wohl auch weiterhin reichlich egal sein, ob diese Band nun gerade angesagt ist oder nicht, oder ob mich jemand für mein fast schon kindliches Fantum diesen Herren gegenüber belächelt. I can’t get enough of that funky stuff…


Im Bild: ein Spin Doctor und vier frohe Fans.

Die Prag-Show der Doctors vom 18. März gibts bereits jetzt zum kostenlosen mp3-/Flac-Download bei archive.org. Nicht nachdenken. Downloaden!

Poster scan taken from the Official Spin Doctors Forum.

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

4 Kommentare zu „Spin Doctors – Live in Prag, 18. März 2005“

  1. Na das klingt ja, als wäre für Dich ein Traum wahr geworden! Herzlichen Glückwunsch – echt ein lesenswerter Bericht. Überhaupt: ein schönes Weblog hast Du da. Viele Grüße aus Aachen, Nico.

  2. Das klingt alles nach ner Menge Spaß, die du da hattest. Hast mich so weit, daß ich gleich mal in die Aufnahme hören werde😉

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