Steve Mayone – Bedroom Rockstar (2004)

Was soll man von einer CD erwarten, die Dir der derzeitige Tour-Bassist von Todd Thibaud nach einer tollen Show und während eines unterhaltsamen Gesprächs bierselig in die Hände drückt? Nicht soo viel, dachte ich. Zu viele Soloprojekte von Menschen, die in Bands glänzen, haben mich in der Vergangenheit enttäuscht – Boyd Tinsleys (Dave Matthews Band) lahmes Soloalbum aus dem letzten Jahr etwa: das Temperament, dass der Geiger mit DMB an den Tag legt, schien auf „True Reflections“ wie weggeblasen. Stattdessen gab es eher faden, mittelmäßigen Poprock. Ärgerlich, das. Oder das Album von Marc Ford (vormals Black Crowes, jetzt Gitarrist bei Ben Harper & The Innocent Criminals): trotz der prominenten Gästeliste (Craig Ross, Ben Harper) fand sich auf „It’s About Time“ zwar nettes, aber leider vornehmlich auch verzichtbares und halbgares Songwriter-Material.

Jetzt also eine selbstgestrickte CD eines Musikers, der auf der Bühne mit Wollmütze und Stoppelbart daherkommt, recht verschroben und nerdig anmutet, und sich nach dem Konzert von Todd Thibaud als äußerst freundlicher, zugänglicher und konversationsfreudiger Zeitgenosse präsentiert. Da liegt sie also vor mir, die „erste“ „richtige“ CD des Bostoner Musikers Steve Mayone. „Bedroom Rockstar“ heißt sie, und das ist schonmal ein Pluspunkt. Aber trotzdem: hoch sind meine Erwartungen eben nicht, als ich das Album schließlich zum ersten Mal höre.

Umso beeindruckender die Überraschung, die meine Ohren ereilt: dieses Album ist, um es auf den Punkt zu bringen, fantastisch. Feine Songs, deren Refrains sich ohne Umwege den Weg in Dein Herz bahnen, einfallsreiche Arrangements und eine ganz hervorragende organische, warme Produktion. Steve Mayone flirtet mal mit Country-Elementen, mal mit Rock-Zitaten, stellt aber immer seine Songs in den Vordergrund und singt sie beseelt und leidenschaftlich. „Losing“, der Opener kommt wie leichtfüßiger Pop á la Eels daher, „Deeper In The Well“ läßt amerikanische Weiten und Prärien ahnen und „Wanted Man“ oder „I Don’t Deserve You“ sind Songschreiberleistungen, vor denen man nur ehrfürchtig den Hut ziehen kann.

Wie es der Titel des Albums schon andeutet: da ist immer auch eine gesunde Portion Ironie mit dabei, hier nimmt sich keiner zu wichtig. Sicher, Steve Mayone ist es Ernst mit seiner Musik, das sei dabei außer Frage gestellt. Aber ob er damit Stadien füllen könnte oder im Radio rauf- und runtergespielt würde, scheint ihm reichlich egal. Dafür ist er viel zu realisitisch: macht er doch schon seit über 20 Jahren Musik, hat er doch schon über zehn „Homerecording-CDs“ gebastelt und sich in allen nur denkbaren Bars und Clubs mit anderen Bostoner Musikern zusammengerauft.

Jetzt wagt er einfach mal seine erste „offizielle“ Veröffentlichung – und schüttelt prompt zwölf sagenhaft gute Songs zum Tollfinden, Nochmalundnochmalhören und Alsgeheimtippweitersagen aus dem Ärmel. Eben keine berechnenden Dreiminüter, die nur auf Hitlisten schielen. Eine ganz wunderbare Einstellung, das. Bleibt ihm zu wünschen, dass er damit tatsächlich ein Publikum findet, das groß genug ist, um ihn zum Weitermachen zu motivieren.

Nein, Steve Mayone ist nicht einfach nur der aktuelle Bassist der Todd Thibaud-Europatour. Steve Mayone ist ein begnadeter, erfahrener Multiinstrumentalist und Songwriter, der – so unscheinbar er selbst oder auch „Bedroom Rockstar“ auf den ersten Blick sein mögen – jede Menge Aufmerksamkeit, offene Ohren und, vor allen Dingen, Applaus verdient.

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

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