Rock Hard Times: Pop-Krise / finetunes.net / Tele / Bob Dylan

Ja, der Musikindustrie gehts mies – die Macher und Denker der Branche werden zwar nicht müde, immer neue „Trends“ und „Vermarktungsformen“ zu finden (man denke nur an den seltsamen Versuch, eine CD in drei Versionen zu verticken: ohne Cover für ganz billig, mit Cover zum Normal, und mit Bonus-DVD für ein wenig mehr – wer um alles in der Welt kauft freiwillig eine CD ohne Cover??), die Realität im Tonträgerbereich scheint aber schlimmer, als bisher vermutet. Der Spiegel hat in dieser Woche nämlich herausgefunden, dass schon 214 verkaufte CDs genügen, um sich einen Platz in den deutschen Top 100 Albumcharts zu sichern. Wow. Hier mehr:

Selbst für internationale Top-Stars läuft es in Deutschland nicht so gut, wie es auf den ersten Blick scheint: So wurde etwa für das im November erschienene Album des US-Rappers Eminem bereits nach wenigen Tagen „Platin-Status“ vermeldet – allerdings basiert die Auszeichnung auf den rund 210.000 an den Handel ausgelieferten Alben. Die Zahl der tatsächlich in der ersten Woche an der Chartspitze verkauften Scheiben: 38.410.

Gegenüber der aktuellen Nummer eins der Single-Charts verkauft sich das Eminem-Album aber sogar noch prächtig: „Call On Me“ von Eric Prydz hält sich mit fast 19.000 bundesweit verkauften Platten knapp vor Sarah Connor an der Spitze – und das gilt bereits als gute Woche. Zuletzt führte die Latino-Band Aventura die Charts mit halb so vielen Verkäufen an.

Noch mehr verblüffende Zahlenspiele zum Chartsentzaubern gibts hier.

Klar, da muss nach Alternativen gesucht werden, um auch weiterhin Musik unter die Menschen zu bringen. Ein paar weise Sätze zum Online-Musikhandel hat dieser Tage Felix Segebrecht auf tonspion.de von sich gegeben. Herr Segebrecht gilt als der Macher von finetunes.net, der deutschen Plattform für digitale käufliche Musik von Independent-Labels: von Tapete über L’age d’or bis hin zu Blue Rose Records sind die wichtigsten deutschen Indie-Labels bei finetunes vertreten. Sehr angenehm: die Jungs und Mädels dort haben sich tatsächlich einen Kopf gemacht, wie man intelligent und fair Musik online anbieten kann.

Tonspion: Stichwort Kopierschutz mit DRM-Verfahren – ist es für die Labels und Musiker nicht gefährlich, wenn sie Musik ohne jeden Schutz im Internet anbieten?

Vorsicht, Moral- und Glaubensfrage! Nein, wir glauben nicht, dass das gefährlich ist. Zum einen glauben wir, dass die meisten Leute keine gekaufte Musik in Tauschbörsen stellen. Zum anderen schaffen die die es doch tun wollen sowieso, jeden vermeintlichen Schutz zu umgehen. Wie und wie einfach das geht, brauchen wir hier wohl nicht zu wiederholen. DRM hat viele Schwächen und bringt wenig, außer denen, die DRM-Systeme anbieten und so einen Teil des Marktes kontrollieren können und dadurch das Endprodukt über Lizenzgebühren verteuern. Wir bieten ja ein DRM an, weil wir es müssen, nur nutzt es bewusst kaum eines unserer Label. Bei uns hat stattdessen jeder Track einen so genannten Fingerprint. Diese Markierung im Song weist den Käufer als Eigentümer aus. Stellt dieser den Song also in eine Tauschbörse, so wäre es also theoretisch nachvollziehbar.

Tonspion: Warum nur theoretisch?

Weil wir nicht gezielt danach suchen. Sollten wir es doch irgendwann tun müssen, so wäre das recht kostspielig und nicht ganz einfach, die Absicht nachzuweisen. Aber wir denken sowieso, dass nur eine entsprechende Kommunikation Zahlungsbereitschaft und Unrechtsbewusstsein schärfen kann und das auch nur, wenn die legalen Angebote überzeugen können!

Das ganze Interview, empfehlenswert, auch wenn’s hier und da ein wenig ins Product Placement driftet, gibts hier zu lesen.

Vermutlich eine Binsenweisheit, in diesen für die Musikindustrie so bitteren Tagen aber eine nicht zu verachtende Erkenntnis: wer sich Fans und Freunde machen will, muß raus auf die Straße und rein in die Clubs, sich die Finger wund- und sich somit einen Platz in den Herzen potentieller Fans erspielen. Das klappt in den USA seit Jahren (Acts wie Dave Matthews Band, Blues Traveler, Widespread Panic wären nie so erfolgreich geworden ohne ihre ausgedehnten Touren durch alle Kaschemmen des Landes). Eine deutsche Band, die in diesem Herbst getourt hat, als gäbe es kein Morgen, ist die äußerst sympathische Combo Tele. Mit Songs wie „Wunder in Briefen“, „Falschrum“ und „Rot“ haben sie Ohrwürmer im Gepäck. Und so waren sie nun im Oktober und November auf Tour in good old Germany. Für den musikexpress.de haben sie ein äußerst unterhaltsames Tourtagebuch geführt, in dem sich unter anderem diese Episode findet, die sich in der Dresdener „Scheune“ zugetragen hat:

Wenig später. Ein junger hochgewachsener Kerl mit bordeauxrotem Hemd und einem unsäglich zurechtgestutzten Backenbart erlaubt uns, den „Loungefloor“ der Scheune zu inspizieren, unser Zeug rein zu tragen. Ich kann diesen Typen von der ersten Sekunde an nicht leiden, und vor meinem inneren Auge sehe ich, wie dieser Wichtigtuer dicke Geldbündel mit dem Aufdruck „Kulturförderung“ in die Taschen seiner feinen Stoffhosen gleiten lässt und noch im selben Atemzug „nur das Nötigste“ an Technik für unseren Auftritt organisiert. Als ich ihm in ruhigem Ton die Liste der Mängel herunterbete, antwortet der Typ so süffisant, wie es mir bisher noch nie untergekommen ist: „Wir sollten hier schon aufeinander zugehen, damit das noch ein schöner Abend wird.“

Jede Menge launische Notizen aus dem Tele-Touralltag finden sich hier.

Zu guter Letzt ein paar süffissante Erkenntnisse eines musikalischen Urgesteins: Bob Dylan hat ja unlängst sein autobigraphisches Buch „Chronicles“ veröffentlicht und der US-Rolling Stone hat den Paten aller Songwriter zu genau diesem Werk befragt:

You downplay a chunk of your career in Chronicles. Am I crazy to love Street Legal, Slow Train Coming and Infidels?

Not at all. I can play those songs, but I probably can’t listen to those records. I’ll hear too many faults. I was just being swept along with the current when I was making those records. I don’t think my talent was under control. But there’s probably good stuff on all of them. Shelley said the point was to make unpremeditated art. I don’t think those records fall into that category.

Lyrically, does it get any better than „It’s Alright, Ma“?

It’s hard to live up to that kind of thing. You can’t try to top it — that’s not the point. Lyrically you can’t top it, no. I still can play that song, and I know what it can do. That song was written with a hunger that can break down stone walls. That was the motivation.

Das ganze „Question & Answers“ mit Bob Dylan gibts hier.

Schönen zweiten Advent allerseits!

Advertisements

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s