NP: Dave Matthews Band live – Worcester, MA December 8, 1998 (2004)


Sie zu zählen ist inzwischen wirklich schwer – die Dave Matthews Band hat inzwischen derart viele Livealben rausgebracht, dass man schon etwas den Überblick verlieren kann. Da war vor vielen, vielen Jahren „Live At Red Rocks“, das erste reguläre Konzertalbum. Seitdem gab es etliche weitere Releases, einige brilliant und zeitlos (die Central Park-Show, Folsom Field), und die anderen mindestens unterhaltsam und gut (die 6-CD-Gorge-Megapackung, Listener Supported). Klar, da hat jeder seine eigenen Favoriten und auch Shows, die er nicht so gelungen fand.

Jetzt starten DMB mit einer neuen Live-Serie durch: „Live Trax“ nennt sich die Reihe offizieller Veröffentlichungen, die allerdings nur über die Webseite der Band als digitaler Download oder – zum Glück – als „richtige“ CDs angeboten werden. Volume One ist jetzt erschienen, und wahrlich, die Wahl der Show war absolut korrekt. Das, was Dave und seine Kollegen am 8. Dezember 1998 in Worcester vom Stapel gelassen haben, kann ohne mit der Wimper zu zucken zu den besten offiziell auf CD gebannten Performances der Band gezählt werden. Illustre Gäste sind dabei, die Setlist ist ungewöhnlich, und die Spielfreude und Vielfalt einfach bemerkenswert:

Los gehts mit einer sehr jazzy daherkommenden und keyboardlastigen Version von „Seek Up“ (damals war Butch Taylor, im Gegensatz zu heute, noch nicht im festen Live-Line-Up dabei), die der sensationellen „Gorge“-Version des Stückes absolut ebenbürtig ist. Von „Seek Up“ gehts in eine Improvisation rund um die Peanuts-Melodie „Linus And Lucy“, auch hier ist Taylor sehr dominant. Nach diesen etwa 20 Minuten wie in musikalisch-meditiativer Trance bricht ein Sturm an guter Laune, Funk und Rock los: ein atemberaubendes „Rapunzel“, eine feine Version von „Jimi Thing“, ein amüsantes „Stay“. Und schon sind die ersten 70 Minuten dieser Show rum.

Doch die Höhepunkte kommen erst noch: mehr als 20 Minuten dauert die Version von „#41“, bei der sich neben Butch Taylor auch Bela Fleck und Jeff Coffin von den Flecktones die Ehre geben. Ganz großes Kino. Was danach kommt, ist ein Konzertshowdown der feinsten Art. Bei allen Stücken mit dabei ist übrigens der in letzter Zeit bei DMB-Konzerten so schmerzlich vermisste Gastgitarrist Tim Reynolds, der „Worcester“ zu einem wahren Vergnügen werden lässt. Gänsehaut gibts dann noch in den Zugaben: eine famose Version von „I’ll Back You Up“ und ein donnernder „Last Stop“ beschließen diese Show.

Was bleibt, sind zwei Beobachtungen. Nummer eins: das war eine andere Band, damals, vor sechs Jahren. Die Shows der letzten zwei, drei Jahre scheinen mir tighter, härter, selbstbewußter. Was mir sehr gefällt, keine Frage. Aber diese bedingungslose Improvisationsfreude, dieses Sichtreibenlassen, dieses Ausloten von Räumen und Grenzen, das war vor dem 2001er „Everyday“-Album live deutlich ausgeprägter als heute. Nun muß man auch dazu sagen: auf ihrer 1998er-Tour hatten sie mit „Before These Crowded Streets“ auch ein Monster von einem Studioalbum im Rücken; nie waren sie komplexer, experimenteller und mehr „far out“ als damals.

Nummer zwei: Hoffentlich „verbrennen“ sich die Herren DMB und ihr Management mit der „Live Trax“-Reihe nicht selbst. Kaum war die erste Ausgabe veröffentlicht, wird auch schon die nächste beworben. Am 17. Dezember erscheint das diesjährige Golden Gate-Bridge-Konzert aus dem September. Was mit Sicherheit aus den eben beschriebenen Gründen ein spannender Kontrast werden dürfe, immerhin erwarten uns auch drei komplett neue Songs auf diesem 3(!)-CD-Set. Aber das rasche Nachschieben des zweiten Teils ist schon auffällig – von mir aus kann das Tempo bleiben, wenn die Qualität auch weiterhin stimmt. Denn mit der DMB ist es wie mit jeder anderen Band auch, sie spielen mal gute, mal weniger gute Shows. Wäre einfach schade, wenn langfristig die Qualität der Releases unter der Quantität zu leiden hätte.

Dieses Worcester-Livealbum hier lässt diese Sorge jedenfalls erstmal absolut unbegründet erscheinen. Ein angenehm warm und liebevoll produzierter Mitschnitt eines wahrlich spektakulären Konzertes, ein kreativer Höhepunkt einer begnadeten Band und definitiv nicht just another DMB live release.

Autor: Daniel Heinze

radio guy, pr consultant, traveller, music enthusiast: 2% jazz & 98% funky stuff.

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