Spin Doctors – Live in Cincinnati (2004)

Revenge is sweet but success is sweeter, take the salt from my wounds and put it in my margherita.

Jetzt ist es amtlich, jetzt ist es definitiv. Die Spin Doctors sind unkaputtbar. Die Spin Doctors sind immer noch da. Und sie sind besser denn je.

Zwölf lange Jahre ist es inzwischen her, da waren sie ganz oben. „Little Miss Can’t Be Wrong“ , „Two Princes“ und Jimmy Olsen’s Blues“, das magische Hit-Trio, kam über die USA wie eine frische Brise. In einer Zeit, in der Grunge die Charts dominierte, kam dieser gut gelaunte Vierer aus New York City daher, und präsentierte Songs voller Witz, guter Laune und Melodien. In ihren Liveshows bewiesen sie ihre Musikalität. Ja, die Hits waren auch immer mit dabei, aber was die Spin Doctors live auszeichnete, waren ihre begnadeten, mäandernden Improvisationen, die brüllend komische Interaktion mit dem Publikum, und vor allen Dingen: diese Seele, dieser Groove, dieser Funk. Die Spin Doctors waren „das nächste große Ding“, und sie waren es zwei Sommer lang.

Dass diesem kurzen Ruhm vier knochenharte Jahre des Rumtourens, In-jeder-noch-so-kleinen-Kaschemme-spielens und nicht zuletzt des Erwachsenwerdens vorausgingen, fiel schon damals kaum jemandem auf. Musste es auch gar nicht: Lehrjahre sind nun mal keine Meisterjahre, und bis heute geht es unzähligen Bands so. Was aber nach all den Headliner-Touren, der Zeit als Vorband für die Rolling Stones, einem Titelbild auf dem US-„Rolling Stone“ und einem legendären Auftritt beim 1994er Woodstock-Festival folgte, ist das, was sich nur als eine der größten Tragikkomödien der neueren Musikgeschichte beschreiben läßt.

Hier der Plot im Zeitraffer: Die vier Mitglieder einer Rock-Funk-Jamband auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes zerstreiten sich, versuchen, mit immer wieder neuen Bandmitgliedern an alte Erfolge anzuknüpfen (was musikalisch fast immer gelingt, nur interessiert es irgendwann niemanden mehr). Just zu dem Zeitpunkt, an dem die Sterne wieder günstiger stehen, sie wieder einen Hit in der Tasche haben, den die ersten DJs bereits als Comeback-Hit rotieren lassen („The Bigger I Laugh The Harder I Cry“ heißt er, was für eine Ironie des Schicksals!), eine ausgedehnte Tour geplant und ein neues Album fertig ist, verliert der Sänger und kreative Kopf der Band (außer dem Schlagzeuger das einzige vom Original-Lineup verbliebene Mitglied) seine Stimme, im wahrsten Sinne des Wortes. Er kann nicht mehr sprechen, geschweige denn singen. Die Tour wird abgeblasen, der Sänger ein Dreivierteljahr ärztlich behandelt, die Band – auf Eis gelegt. Das war viele Sommer später, 1999.

Doch dann der Wendepunkt, die nicht für möglich gehaltene Peripetie: die Stimme des Sängers kehrt zurück, fester und souveräner denn je. Er schart alte und neue Freunde um sich, spielt Gelegenheitsgigs in New Yorker Jazzbars (und nennt seinen losen Musikerverbund „The Give Daddy 5“, den Nobelpreis für Humor bitte!), singt alte und neue Lieder und arrangiert sich mit der alten und neuen Situation, wieder ganz am Anfang zu stehen, als kleiner, unbekannter Musiker. Dann kommt das Angebot, das alles ändern wird: nur dieser Abend, nur dieses eine Mal, aus hehren Motiven, kommt, das tut Euch doch nicht weh. Die Wiedervereinigung für eine Nacht, die wahren Vier, wie in alten Zeiten. Das große, rührende Finale, im September vor drei Jahren.

Das große, rührende Finale? Nein, nur ein weiteres retardierendes Moment in dieser unglaublichen Geschichte. Der einen Nacht folgt die ehrliche Versöhnung, später folgt eine einwöchige Tour der vier durch kleine und kleinste Clubs der USA. Dann kommt gleich noch eine, dann eine ganze Sommertour mit anderen Bands, dann die nächste Tour, und noch eine… Womit wir in der Gegewart angekommen wären.

Die Spin Doctors 2004 sind, was das Personal betrifft, die selben wie vor dem Streit vor zehn Jahren. Aber sie weigern sich, ein Abziehbild ihrerselbst zu werden, schreiben neue Songs, verändern alte, spielen aber auch die alten Hits, voller Respekt, voller Hingabe, gerade so, als wären sie eben erst entstanden.

Am 12. September 2004 endete die diesjährige Sommertour der Doctors. Auf einem „Chili-Fest“ in Cincinnati, Ohio (so ne Art Stadtteilfest). Ja, die Zeiten ändern sich: da stehen ein paar hundert vor der Bühne, und nicht mehr tausende. Da ist kein Platinalbum, das es zu betouren gilt. Da stehen vier Herren Ende 30, die Musik aus Leidenschaft spielen. Die dem Publikum einmal mehr ihre so unnachahmlichen (gibt es das Wort uncoverbar?) Lieder vorspielen, es entscheiden lassen, welchen Song aus frühen Tagen es hören wolle, um ihm gleich danach einen neuen, mindestens genauso guten neuen um die Ohren zu schleudern. Da ist die alte Frau, die rummeckert, weil die Musik zu laut sei. Da ist der Sänger, der dieser Frau zur großen Freude des restlichen Publikums erklärt, was Rockmusik ist, warum verstärkte Gitarren lauter sind als unverstärkte und dass ein Stehplatz hinten am Bierstand in ihrer Situation ihrem momentanen Aufenthaltsort, direkt vor den Boxen, vorzuziehen wäre.

Knapp neunzig Minuten purer, glückseligmachender, mitreißender Rock’n’Roll. Euphorie. Jubelnde Menschen vor der Bühne, die ein Bestandteil der Show werden. Von einem Fan mitgeschnitten (das ist bei dieser Band erlaubt, ja von ihr sogar gewünscht) und dadurch unsterblich geworden. Im Internet erhältlich (Interesse? Beeilen! BitTorrents sind oft nur für wenige Wochen wirklich aktiv).

Ist das jetzt der Moment, an dem der Vorhang fallen müßte? Die Katharsis im kleinen, verborgenen? Alles gut, alles schön, alles nett? Oder ist es wieder erst die Ruhe vor dem nächsten Sturm? Die Band kommt bald nach Europa, nimmt zur Zeit ein Album auf, und will es auch veröffentlichen. Nächstes Jahr vielleicht, sagen die Spin Doctors. Und dann wirds auch wieder eine Tour geben, wenns nach ihnen geht.

Nein, so viel ist sicher: Der Vohang fällt noch nicht. Nächster Akt.

Spin Doctors
September 12, 2004
Goldstar Chilifest
Cincinnati, OH

Disc 1 – 48:51

01. What Time Is It? >
02. Nice Talking To Me*
03. Little Miss Can’t Be Wrong
04. Off My Line
05. My Problem Now** >
06. Happily Ever After**
07. Margerita**
08. Jimmy Olsen’s Blues
09. I’d Like To Love You But I Think You Might Be Crazy**

Disc 2 – 35:13

01. Sugar** >
02. Lady Kerosene
03. Two Princes
04. Big Fat Funky Booty
05. Cleopatra’s Cat
06. Yo Mamas a Pajama

Total – 84:05

Chris Barron – vocals
Eric Schenkman – guitar, vocals
Mark White – bass
Aaron Comess – drums

* – previously unreleased song (pre-1994)
** – previously unreleased song (post-2001)
Audience recording. Not for sale. Share and spread the music.

MEHR ZUM THEMA
Die Reunion der original Spin Doctors stieg am 7. September 2001 im legendären Wetlands Preserve in New York. Der Laden sollte eine Woche später dicht gemacht werden, aber vorher organisierten die Wetlands-Macher neine Reihe unvorstellbarer Konzerte: Reunions, One-Night-Only-Shows von Bands, die sich längst aufgelöst hatten und mehr. Die Geschichte des Wetlands ist nicht nur Teil der Geschichte der Spin Doctors, sie ist auch so absolut lesenswert. Hier gehts zur absolut unterhaltsamen Wetlands Story von Jesse Jarnow (jambands.com).

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

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