Ben Folds – Speed Graphic / Sunny 16 / Super D (2003/2004)

Wenn die intimste Berührung, die Du seit langer Zeit gespürt hast, die einer gelangweilten Friseur-Azubine (Typ: war mal Punk, steht jetzt auf Gothicdudel) ist, die Dir mißmutig die Haare wäscht; wenn Dir Dein Lieblingsrezept (Salbei-Tomaten-Hühnchen mit Mozarella) nicht mehr einfällt, weil Du schon lange für niemanden mehr ein Essen zaubern brauchtest; wenn Du in einer Woche aus Langeweile mehr Bücher (Hesse, Eco, Mann) gelesen hast als sonst in einem ganzen Jahr; wenn Du langsam, aber sicher Gefallen an dem Gedanken findest, in eine andere Stadt (Hamburg? Wien?) zu ziehen, weil es ja eh egal ist, wo Du wohnst; kurz: wenn Du Dich wie der einsamste Zeitgenosse auf dem Erdenrund fühlst, dann gibt es Musik, die Dir glaubhaft vermitteln kann, dass alles halb so schlimm ist. Mehr noch: dass eigentlich alles gut ist, und dieses vermaledeite Selbstmitleid auch wieder vorrübergehen wird. Ben Folds‘ neueste EPs sind voll solcher Musik.

Er hat sie „Speed Graphic“, „Sunny 16“ und „Super D“ genannt und in den vergangenen anderthalb Jahren nach und nach veröffentlicht. Weil er jetzt ein eigenes Studio hat, und seine Musik immer dann veröffentlichen will, wann es ihm paßt. Immer sind fünf Stücke drauf, ein paar Cover (The Cure zum Beispiel), mal gehts ein wenig flotter zu, doch meistens sehr gediegen. Alles in allem satte sechzig Minuten Musik. Soweit die technischen Details.

Doch was hörst Du da? Ist das Elton John auf Gras? Adam Green in schön? Sinds die verschollen geglaubten Tagebücher von John und Paul? Vor allen Dingen sind es fünfzehn unnachahmliche, leidenschaftliche Lieder. Nichts, was jemanden, der bereits ältere Folds-Platten („Rockin The Suburbs“, „Whatever And Ever Amen“) kennt, überraschen würde. Das ist ein Kompliment. Denn nur selten hörst Du derart begnadete Songschreiber, derart virtuose Pianisten, derart – herzliche Menschen.

„Speed Graphic“, die erste der drei EPs, kommt sehr leichtfüßig daher. „Give Judy My Notice“, bittet der Knabe. Er singt von „Protection“, bietet sie Dir an, und sucht sie zur gleichen Zeit. Genau wie Du. Und er schließt mit „Wandering“, einem Song, der Dich unverzüglich der grobschlächtigen Friseuse von vorhin vergeben läßt. Denn Du hast da etwas viel näheres, zarteres, liebevolleres gefunden.

Müßte er nochmal von vorn anfangen, er benutzte „Sunny 16“ als sein Demotape, schreibt Ben auf seiner Homepage. Recht hat er: mit dieser CD sänge er sich in die Herzen seines bald sehr treuen und ergebenen Publikums. Das sind fünf federleichte, entzückende „beautiful songs of love“. Wie ein Rendezvous bei Kerzenlicht, mit Dreigängemenü und einem Gegenüber, das fast zu gut ist, um wahr zu sein.

„Super D“ fordert Dich da schon etwas mehr. Die jüngste der drei EPs verbüfft Dich erstmal mit deutlich zickigeren, gereizteren Klängen. Um dann doch wieder liebevoll und zart zu enden – mit einer unfaßbaren Interpretation von Ray Charles‘ „Them That Got“, aufgenommen in Boston. Ja, Boston, das wär auch was. Soll schön sein dort.

Hör sie Dir an. Lass Dich entführen, begeistern, berühren. Du wirst lächeln, den wohligsten Wonneschauer seit langem spüren. Du wirst leise „Danke“ sagen, und zum ersten Mal in dieser Woche glücklich zu Bett gehen. Gerade so, als wäre alles gut. Aber halt: Es IST ja alles gut.

Autor: Daniel Heinze

Hallo, hier schreibt Daniel. Ich lebe in Leipzig, mache Radio, PR und gelegentlich auch Musik - als eine Hälfte des Rockpop-Duos 2zueins.

1 Kommentar zu „Ben Folds – Speed Graphic / Sunny 16 / Super D (2003/2004)“

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